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Fingerzeig der Evolution : Wie Pandabären zu Vegetariern wurden

Der Große Panda Xiao Liwu kam am 29. Juli 2012 im Zoo von San Diego zur Welt. Sichtbar gut genährt zeigt er sich hier im April 2019, einen Monat später wurde Xiao Liwu zusammen mit seiner Mutter Bai Yun nach China übersiedelt. Bild: Reuters

Bambus ist ihr Ein und Alles, und das offenbar schon seit mehreren Jahrmillionen: Wann Pandas ihre Diät umstellten, das verrät ihr falscher Daumen

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          Für ihr schwarz-weißes Fell sind Pandas bekannt – und für ihre Spezial-Diät aus Bambus. Sie mögen nicht jede Art und auch nicht immer die gleichen, immerhin verzehrt ein ausgewachsenen Exemplar davon bis zu 45 Kilogramm an einem Tag. Und im Verlauf der Evolution haben sich die Bären aus der Ordnung der Carnivoren auf verblüffende Weise an ihr pflanzliches Futter angepasst.

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute sind Pandas in ihrer chinesischen Heimat zwar eine bedrohte Art, werden dort aber in aufwendigen Zuchtprogrammen gehätschelt und als Leihgaben an internationale Zoos zu diplomatischen Zwecken eingesetzt. Ihre Fortpflanzung ist kompliziert, wenn möglich, bleibt nichts mehr dem Zufall überlassen, und jede Geburt wird als Erfolg gefeiert. Rund zweitausend Exemplare soll es noch vom Großen Panda (Ailuropoda melanoleuca) geben, beziehungsweise wieder: Die Zahl ist in letzten beiden Jahrzehnten leicht angestiegen. Hochinteressant ist allerdings, wie sich die beliebten Bären zu Vegetariern mit einer ziemlich einseitigen Ernährung (beruht zu 99 Prozent auf Bambus) wandelten. Im Gegensatz zu ihrer omnivoren Verwandtschaft verzichten sie auf einen Winterschlaf, und ihren Pranken wuchsen falsche Daumen.

          An der Pranke eines Pandas sind alle fünf Finger und ein falscher Daumen zu finden, der ungemein praktisch ist, wie dieses Ausstellungsstück mit montierten Knochen veranschaulicht.
          An der Pranke eines Pandas sind alle fünf Finger und ein falscher Daumen zu finden, der ungemein praktisch ist, wie dieses Ausstellungsstück mit montierten Knochen veranschaulicht. : Bild: Scientific Reports, Wang et al. 2022/Reuters

          Dieses sechste Handglied hilft einem Panda, besser nach Bambushalmen und -rohren zu greifen, und in den „Scientific Reports“ präsentieren Paläontologen aus den USA und China jetzt den frühesten Nachweis für das besondere Greifwerkzeug. Demnach verfügte der Ur-Panda Ailurarctos im späten Miozän über eine entsprechend veränderte Anatomie und Morphologie. Denn nicht nur der Knochenbau ist betroffen, sondern auch die daran ansetzende Muskulatur. Der Extra-Daumen ist als kurzer, flacher Fortsatz aus dem radialen Sesambein entstanden, das normalerweise als knöcherner Abstandhalter zwischen Sehne und Knochen dienen soll.

          Neue Funde von Skelettresten und Zähnen aus dem Zhaotong-Becken in der Provinz Yunnan legen nun nahe, dass Pandabären bereits vor sechs bis sieben Millionen Jahren ihre Vorliebe für Bambus entwickelt hatten; bisher ließ nur der Extra-Daumen von deutlich jüngeren Panda-Ahnen darauf schließen. Ihre herbivore Diät bedeutet unter anderem, dass sich ihr Verdauungstrakt umstellte, der wie bei allen Carnivoren relativ kurz ist, was offenbar die veränderte Darmflora ausgleichen kann, ohne jedoch den effektiven Wirkungsgrad von Wiederkäuern zu erreichen.

          Allein das Zahnmuster lässt annehmen, dass Ailurarctos lufengensis gerne Bambus kaute, aber das Sesambein seiner Pranke ähnelt überraschend stark den falschen Daumen moderner Pandas. Später bildete dieser Extra-Daumen zwar noch eine Art Haken, was den Halt verbessert, wurde trotzdem nicht größer, wie man es von einem Greifinstrument für Bambus-Esser erwarten würde, sondern schrumpfte sogar im Verhältnis zur zunehmenden Körpergröße: Denn dieses Sesambein muss auch das Handgelenk beim Gehen unterstützen, die nicht unerhebliche Masse eines Großen Pandas zu tragen, übernimmt dadurch noch eine weitere Funktion.

          Es sind behäbige Tiere, die nicht mehr um einen der höheren Ränge in der Nahrungskette konkurrieren müssen und beim Fressen eine sitzende Position einnehmen, die sie uns so sympathisch macht. Außerdem sind es geschickte Kletterer, wenn nötig, die die dichten Bambus-Wälder in den milden Klimazonen Asiens zum Habitat ihrer Art machten. Bambus rund ums ganze Jahr und keine große Kälte: Viel mehr brauchen sie nicht. In China leben sie heute sehr zurückgezogen – ein Dasein als pflanzenfressende Einzelgänger, die vor allem ihre Ruhe haben wollen.

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