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Handy-Daten für Forscher : Viele Details, keine Lügen

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Unternehmen sind an Daten von Usern interessiert – sondern auch die Wissenschaft. Bild: dpa

Das Handy – dein ständiger Begleiter, der alles aufzeichnet. Für die Daten interessieren sich aber nicht nur Firmen wie Facebook, sondern auch Forscher. Diese können auch bei Depressionen helfen.

          Chatten, surfen, telefonieren, browsen, navigieren, spielen, planen, neuerdings sogar bezahlen: Zwei von drei Deutschen nutzen ein Smartphone, um ihren Alltag zu managen. Die Werbeindustrie ist schon seit geraumer Zeit hocherfreut darüber, dass unser Verhalten in Form von Nullen oder Einsen gewisse Spuren hinterlässt, die Rückschlüsse auf die jeweilige Person erlauben. Aktuell sorgt die App „Facebook Research“ für Aufsehen. Seit 2016 eingesetzt, ließen sich damit weitreichend Nutzerdaten sammeln und Online-Gewohnheiten untersuchen. Der Sammelwut setzte Apple kürzlich ein Ende, nach dem Disput kündigte nun Facebook an, die in Verruf gekommene Schnüffel-App einzustellen. Aber nicht nur für Firmen, die Trends erkennen und Produkte absetzen wollen, sind an den Handydaten interessiert, sondern auch die Forschung.

          Ein Smartphone kann zum Beispiel als Stimmungsbarometer herhalten, und 2013 kam etwa die App „Emotion Sense“ auf den Markt. Diese Anwendung bat die Nutzer mehrmals am Tag, einen kurzen Fragebogen auszufüllen und zu beantworten, wie ruhig, ängstlich oder glücklich sie sich gerade fühlen. Was das Projekt von herkömmlichen Online-Fragebögen abgrenzte, war, dass diese App zudem Handydaten auswertete. „Die Frage, die wir untersuchten, war der Heilige Gral unseres Forschungsgebiets“, erklärt dazu Cecilia Mascolo, Professorin für Mobile Systeme an der Universität im britischen Cambridge, die das Projekt maßgeblich betreut hat: Ist es möglich, anhand bestimmter Handydaten herauszufinden, was Menschen fühlen, ohne sie direkt danach zu fragen?

          Das funktionierte erstaunlich gut. Im Jahr 2017 veröffentlichten Mascolo und ihr Team im Fachmagazin Plos One die letzte von mehreren Auswertungen des Emotion-Sense-Projekts. Beinahe 13 000 Leute hatten sich die App runtergeladen und darüber bereitwillig Gefühle und Daten mitgeteilt. Und Leute, die sich mehr bewegten, gaben an, glücklicher zu sein. Das ist nun keine besonders überraschende Erkenntnis, doch Mascolo und ihre Kollegen konnten schon anhand der Bewegungsdaten vorhersagen, wie glücklich derjenige war, von dem sie stammten. Es war ihnen gelungen, die Stimmungslage mit Handydaten zu verknüpfen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

          Gewissenhafte Menschen nutzen häufiger E-Mail-Apps

          Wollen Wissenschaftler wie Cecilia Mascolo anhand von Daten auf bestimmte Sachverhalte schließen, eignet sich das Smartphone zum Messinstrument: Es ist immer dabei, zeichnet alles auf und lügt nicht, wenn es etwa um unbequeme Fragen geht. Außerdem sind die Handys von heute zu einigem in der Lage und erkennen nicht nur, ob ihre Nutzer gerade gehen, joggen, Rad oder Auto fahren.

          Das GPS verfolgt, wo sich jemand wann befinden, und kann verraten, wie oft man sich mit Freunden trifft, wenn auch auf deren GPS-Daten zugegriffen wird. In Innenräumen könnte dann Bluetooth entsprechende Daten liefern, denn es sucht die Umgebung nach Bluetooth-Netzen ab und spürt somit bekannte auf. Darüberhinaus misst ein Smartphone zahlreiche Parameter wie Temperatur, Helligkeit der Umgebung, Luftdruck und -feuchtigkeit und ob sich etwas nahe vor dem Bildschirm befindet. Sogar die auf das Gerät einwirkende Schwerkraft kann es erkennen oder Magnetfelder, und es speichert Verhalten in Form ein- und ausgehender Telefonate sowie Textbotschaften. Nicht zu vergessen: die Kamera.

          Dass sich anhand all der Einzeldaten ein Handynutzer recht gut charakterisieren lässt, belegen zahlreiche Studien. So werden extrovertierte Personen häufiger angerufen, und ihre Telefonate dauern länger als die von introvertierten. Gewissenhafte Menschen nutzen häufiger E-Mail-Apps und sind seltener auf Youtube. Schlafrhythmen zeichnen sich über den Lichtsensor ab und wann jemand sein Handy auflädt und morgens den ersten Klick macht. Während Telefonaten kann eine Sprachanalyse recht genau feststellen, was ein Anrufer empfindet. Gefühle prägen aber nicht nur Gespräche, sondern lassen sich auch am Schriftverkehr ablesen: Textlänge, Tippgeschwindigkeit, Länge von gelöschten Textbausteinen und Anzahl der Fingertipps. Auskunft geben aber auch die Frequenzen von Anrufen, Kurznachrichten oder E-Mails sowie die Nutzung von Apps und Browser.

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