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Ehemaliger Fraunhofer-Direktor : Mit fremden Federn geschmückt

  • -Aktualisiert am

Gottinger steht unter Plagiatsverdacht Bild: dpa

Der Wirtschaftswissenschaftler Gottinger steht unter Betrugsverdacht. Er soll umfangreiche Textstellen aus fremden Arbeiten verwendet haben. In Gottingers Laufbahn zeigen sich auch an anderer Stelle Auffälligkeiten.

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          Der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Direktor des Fraunhofer-Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen in Euskirchen, Hans Werner Gottinger, steht unter Plagiatsverdacht. Er soll mehrfach umfangreiche Textstellen aus fremden Arbeiten in seinen Publikationen verwendet haben. Wie „Nature“ in der Donnerstagsausgabe berichtet, fiel vor wenigen Wochen erstmals auf, dass Gottinger ganze Paragraphen und Teile mathematischer Gleichungen aus einer 1980 im „Journal ob Business“ erschienen Arbeit übernommen und 1993 in der Fachzeitschrift „Research Policy“ publiziert hatte.

          Der verantwortliche Redakteur von Research Policy, Ben Martin, stellte Nachforschungen an und wurde fündig: Auch im Wirtschaftsmagazin „Kyklos“ hatte sich Gottinger 1996 mit fremden Federn geschmückt, 2002 veröffentlichte er eine Arbeit, die große Ähnlichkeit mit einer 1997 im „Journal of Environmental Economics and Management“ erschienenen Publikation des Wirtschaftswissenschaftlers Zhiqi Chen (Carlton Universität Ottawa) aufweist. Chen selbst fand heraus, dass Gottinger bereits in einem 1998 veröffentlichten Buch ein Kapitel aus Chens Diplomarbeit übernommen hatte, sagte Martin gegenüber der F.A.Z.

          Universität: das genannte Institut existiert nicht

          Gottinger wies die Vorwürfe zurück und behauptet, es handele sich bei den erschienenen Artikeln um klar gekennzeichnete Übersichtsartikel. Die Redaktionen der Fachzeitschriften zogen dennoch die Arbeiten zurück. Gottinger wird auch zur Last gelegt, er habe seine Referenzen gefälscht. Martin kontaktierte Gottingers vermeintlichen Arbeitgeber, die Universität Maastricht. Mehr als 20 Jahre lang hatte Gottinger wiederholt angegeben, er sei im „Institute of Management Science“ der Universität angestellt.

          Die Universität bestreitet jedoch, dass Gottinger jemals für sie tätig gewesen sei, das genannte Institut existiere nicht. Ähnlich verhält es sich mit seinen angeblichen Anstellungsverhältnissen im Bad Waldseer „International Institute for Environmental Economics and Management“ und Gottingers angebliche Tätigkeit beim „International Institute for Technology Management and Economics“. Beide Institute scheinen nicht zu existieren, bei letzterem stimmt Gottingers private Adresse mit der Postadresse überein.

          „Kapitelweise abgeschrieben“

          Auffälligkeiten zeigen sich in Gottingers Laufbahn auch an anderer Stelle. So endete ein fünfjähriges Anstellungsverhältnis am GSF-Forschungszentrum in München 1984 wegen Unregelmäßigkeiten bei einem Antrag auf Forschungsgelder. Ein Sprecher des Fraunhofer-Instituts in Euskirchen erklärte gestern, Gottinger sei im Dezember 1988 gekündigt worden, nachdem ein Mitglied der Fraunhofer Berufungskommission über ein Buch Gottingers stolperte.

          In dem Buch sei „kapitelweise aus anderer Quelle abgeschrieben“ worden, so der Sprecher. Das 1983 erschienene Buch „Coping with Complexity“ beinhaltete ganze Passagen aus dem Bericht „A Mathematical Theory of Organization“ des amerikanischen nationalen „Office of Naval Research“, der 1974 veröffentlicht wurde. Als die Anschuldigungen aufkamen, legte der Verleger dem Buch ein Schreiben bei, in dem er sein Unwissen ob des Plagiats betont.

          Keine Stellungnahme von Gottinger

          Auch Gottingers Behauptungen, er sei Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften und als Autor bei anerkannten Fachzeitschriften tätig, werden angezweifelt. Keine dieser Mitgliedschaften und Autorentätigkeiten konnte von den „Nature“-Autoren bestätigt werden.

          Was sein Verhältnis zur Universität Maastricht betrifft, sagte Gottinger selbst, er sei bei anderen Instituten in Maastricht beschäftigt gewesen und so seien Missverständnissen aufgekommen. Ebenso argumentierte er im Bezug auf ein nicht vorhandenes Arbeitsverhältnis mit der Osaka Universität in Japan. Von Gottinger selbst, der inzwischen in Ruhestand ist, war bislang keine Stellungnahme zu bekommen.

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