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E-Sport wird olympisch : Fingerübungen, bis der Speichel fließt

Konzentration ist angesagt: Die besten Spieler geben jede Minute Hunderte von Kommandos an ihre virtuellen Kämpfer. Bild: dpa

Die digitalverliebten Koalitionäre wollen es so, die Offiziellen sowieso, und der Schachverband protestiert auch nicht: Die Gamer mit ihren flinken Fingern sollen olympisch werden. Was wird das? Über den Körperkult am Rechner. Eine Glosse.

          Dass heute fast jeder einen Bezug zum Sport hat, haben wir nicht Coca-Cola zu verdanken, sondern in erster Linie den Medien. Genaugenommen haben die Brausefirmen sogar alles getan, um vergessen zu machen, dass der Begriff Sport dereinst als „spezifische Form der Leibesübung von England nach Europa kam“, wie in Wikipedia behauptet wird. Statt Sport ist heute das sportliche Denken verbreitet, eine Sonderform des Wettübens vor der Glotze, bei der die kognitiven Einheiten, die sich der spätlateinischen Stammvokabel „disportare“ – sich zerstreuen – konsequent annähern, durch kalorienreiche Getränke und Beikost angereichert werden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die letzten antiken Vorstellungen von Leibesertüchtigung werden so zuverlässig unter Fettpolstern begraben. Dass das sportliche Denken auf die Menschen längst eine viel größere Anziehungskraft ausübt als der Sport selbst, hat sich mit dem jüngsten Fitness-Boom auch keineswegs erledigt. Vielmehr lässt sich, wenn wir genauer hinschauen, beobachten, wie durch die konsequente Erweiterung des sportlichen Denkens das Repertoire an wettkampftauglichen Sportarten in Lichtgeschwindigkeit zunimmt. Der elektronische Sport, kurz E-Sport, ist in dieser Hinsicht der absolute Überflieger. Jahrzehntelang dümpelten diese Fingerbewegungsübungen vor sich und den heiß laufenden Computern hin, im Schatten des großen analogen Vorläufers Schach-Sport. Und bis heute weiß man nicht, wie sprachlich mit dem Phänomen eigentlich umzugehen ist – ob man einheitlich vielleicht doch wegen der asiatischen Prägung „eSport“, „E-Sports“ oder besser „e-sports“ schreibt.

          Koalitionäre der „E-Sport-Landschaft“

          Dennoch hat es dieser Wettkampf mit Hilfe von Spielekonsolen und PC-Rechnern bis in die heiligen olympischen Hallen geschafft und steht nun kurz davor, olympische Disziplin zu werden. In Pyeongchang sind die ersten E-Sportler eingelaufen, und in Berlin haben sich die Groko-Verhandler zur Avantgarde des Sports gemacht, indem sie die Angelegenheit zum Gegenstand des Koalitionsvertrags erkoren haben: „Wir erkennen die wachsende Bedeutung der E-Sport-Landschaft in Deutschland an“, heißt es darin und weiter: „Da E-Sport wichtige Fähigkeiten schult, die nicht nur in der digitalen Welt von Bedeutung sind, Training und Sportstrukturen erfordert, werden wir E-Sport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen und bei der Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen.“ Sportliches Denken wird hier konsequent zu Ende gedacht.

          Wenn uns die Medien die Sporttalente von der Straße holen, dann holen wir eben die Talente mit ihren Mattscheiben auf die Sportbühne. Auch für die Brausefirmen ergeben sich daraus schwergewichtige neue Perspektiven. Vielleicht kann sich das Olympische Komitee ja wenigstens dazu durchringen, Gewichtsklassen einzuführen. Nur das könnte die drohende E-Sport-Hysterie etwas entschärfen.

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