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Hirnforschung, was kannst du? : Die Aufmerksamkeit, die wir verdienen

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Diese Reflektivität steht dem visuellen System nicht als direkte Information zur Verfügung, sondern lässt sich nur über eine komplexe Auswertung der gesamten Lichtverhältnisse in der jeweiligen Situation abschätzen. Diese Fähigkeit hat das visuelle System entwickelt und in einer so automatisierten Form umgesetzt, dass wir diesen Prozess weder bewusst erleben noch abschalten können. Diese Nachteile werden durch die Vorteile eines solchen Systems in der alltäglichen Analyse von überlebensrelevanten Sinnesinformationen offenbar mehr als aufgewogen.

Dieses einfache Beispiel zeigt eindrücklich, dass eine - im strengen physikalischen Sinne - korrekte Repräsentation der Umwelt nicht das primäre Maß für die Qualität von Sinnessystemen ist.

Unvollständige innere Repräsentation

Nun zur Vollständigkeit unserer internen Repräsentation. Diese scheint offensichtlich gegeben, jedenfalls erleben wir bei einem gesunden Sehsinn keine Ausfälle im Gesichtsfeld, also unvollständige Repräsentationen. Eine quantitative Untersuchung der Vollständigkeit unserer Wahrnehmung ist aber schwierig. Ein Ansatz, der sich in den letzten Jahren herausgebildet hat, ist es, Änderungen in der physikalischen Umwelt unter kontrollierten experimentellen Bedingungen zu erzeugen und zu überprüfen, ob diese Änderungen von Versuchspersonen wahrgenommen werden. Wenn wir über eine vollständige interne Repräsentation unserer Umwelt verfügen, dann sollten wir entsprechend kleine Änderungen in unserer Umwelt bemerken. Im Internet finden sich viele Beschreibungen solcher Versuchsansätze mit den dazugehörigen Bildern oder Filmsequenzen. In all diesen Versuchen wird deutlich, dass es unter geeigneten Versuchsbedingungen außerordentlich schwierig und entsprechend selten ist, dass die Versuchsteilnehmer die zum Teil umfangreichen Änderungen in ihrer sensorischen Umwelt bemerken. Daraus und aus einer großen Zahl verwandter Beobachtungen lässt sich schließen, dass unsere interne Repräsentation große Teile unserer Umwelt nur skizzenhaft enthält, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Wahrnehmung erzeugt also keine genaue Eins-zu-eins-Abbildung unserer Umwelt. Vielmehr scheint es darum zu gehen, eine Repräsentation zu erzeugen, die sich auf verhaltens- und damit überlebensrelevante Informationen konzentriert. Irrelevante Aspekte werden unterdrückt und eine Repräsentation erzeugt, die etwa Objekteigenschaften extrahiert, selbst auf Kosten von anderen, direkteren Maßen der physikalischen Umwelt.

„Besitzergreifung des Geistes“

Nach diesem Exkurs in die Frage nach der genauen Rolle von Sinnessystemen und dem evolutionären Selektionsdruck, der sie geformt hat, lohnt sich ein Blick zurück auf das Luxusproblem der Reizüberflutung. Der wohl bedeutendste Mechanismus, mit dem hochentwickelte Nervensysteme dieses Problem bewältigen, ist die Aufmerksamkeit.

Die zentrale Rolle von Aufmerksamkeit für die Wahrnehmung ist schon lange erkannt. So schrieb William James, ein bedeutender amerikanischer Psychologe, schon 1890: „Jeder weiß, was Aufmerksamkeit ist. Es ist die Besitzergreifung des Geistes in klarer und lebendiger Form durch eine von vielen scheinbar gleichzeitig möglichen Objekten oder Gedankengängen. Fokussierung, Konzentration des Bewusstseins sind seine Essenz. Aufmerksamkeit impliziert die Abwendung von einigen Dingen, um mit anderen effektiver umgehen zu können.“

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