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Neurobiologie : Wie das Gehirn die Seele formt

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Hierauf beruht augenscheinlich die erste und relativ schnelle Wirkung vieler Psychotherapiemaßnahmen. Dies kann in minder schweren Fällen durchaus zu einem deutlichen Behandlungserfolg führen, der allerdings ziemlich unspezifisch ist („Bindung heilt!“, wie es populär heißt). In schwereren Fällen psychischer Erkrankung führt dies nur zu einer vorübergehenden Linderung, nicht aber zu einer langfristigen Verbesserung des Leidens. In dieser zweiten Therapiephase geht es darum, die diesem Leiden zugrundeliegenden verfestigten Gewohnheiten des Erlebens und Handelns mit positiven Erfahrungen zu überschreiben. Dies ist ein langwieriger Prozess des Überlernens. Weder eine rein kognitive Umstrukturierung, wie sie die kognitive Verhaltenstherapie ihrer Theorie nach propagiert, noch ein Bewusstmachen unbewusster Konflikte, wie es der Hauptansatz Sigmund Freuds war, spielen in dieser zweiten Phase eine maßgebliche Rolle. Was wirkt, ist vielmehr eine vom Therapeuten unterstützte Suche des Patienten nach früheren positiven Erfahrungen („Ressourcen“) und das meist mühsame Einüben neuer Erlebens- und Handlungsweisen. Es deutet sich an, dass die durch Oxytocin und anderen Stoffen ausgelöste Bildung neuer Nervenzellen unter anderem in den Basalganglien das Überlernen erleichtern. Heilung im Sinne der Löschung früherer Störungen gibt es hingegen nicht: „Die Amygdala vergisst nicht!“, heißt es in populärer Formulierung.

Ich habe zu zeigen versucht, dass es in den vergangenen Jahren in der Hirnforschung zu bahnbrechenden neuen Erkenntnissen und Modellvorstellungen darüber gekommen ist, wie im Gehirn im Wechselspiel zwischen Genetik-Epigenetik und Umwelt das „Seelische“ entsteht, wie es in der vorgeburtlichen und früh-nachgeburtlichen Entwicklungsphase zu teilweise tiefgreifenden Störungen kommen kann, die sich dann in psychischen Erkrankungen manifestieren, und wie schließlich Psychotherapie teils kurzfristig, teils langfristig wirkt - und warum sie ein schwieriger und stets gefährdeter Prozess ist. Es stellt sich heraus, dass dabei zum Teil andere Faktoren wirksam sind, als die „Väter“ der gegenwärtig vorherrschenden Psychotherapierichtungen (zum Beispiel Sigmund Freud und Aaron Beck) meinten. In der Psychotherapie-Wirkungsforschung liegt deshalb ein bedeutendes Feld zukünftiger Arbeit der Psychoneurowissenschaften. Die psychotherapeutische Praxis ist in ihrer zunehmenden „Bindungsorientierung“ der wissenschaftlichen Erkenntnis allerdings schon ein gutes Stück voraus.

Der Autor studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft in Münster und Rom und schloß mit einer Promotion in Philosophie ab. In Münster und Berkeley und promovierte er zusätzlich in Zoologie. Seit 1976 ist Roth an der Universität Bremen Professor für Verhaltensphysiologie und war bis 2008 Direktor am Institut für Hirnforschung. Er ist Autor von mehr als zweihundert Veröffentlichungen, etwa im Gebiet der Kognitiven Neurowissenschaften, und war von 2003 bis 2011 Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes.

Die Vortragsreihe

Die Vortragsreihe “Hirnforschung, was kannst du ..?“ ist eine Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Erwartungen an die Neurowissenschaften, aber auch die Versprechungen der Hirnforschung selbst sind hoch. Aber was kann sie wirklich? In dieser Artikelserie stellen wir die Frage nach Erfolgen und Möglichkeiten, aber auch Rückschlägen und Grenzen der modernen Neurowissenschaften in gesellschaftlich interessierenden Bereichen. Basierend auf einer Vortragsreihe, die in Frankfurt von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung als größtem privaten Förderer der Hirnforschung organisiert wird, publizieren wir in losen Abständen Beiträge führender Hirnforscher zu den Themen Sprache, Technik, Wirtschaft, Krankheit, Kunst, Denken, Musik, Bewusstsein, Gefühle, Schule, Gedächtnis und Psyche.

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