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Nobelpreis-Kommentar : Preisträgerin Nr. 3

Offizielle Nobelpreis-Medaille Bild: dpa

Kurioses Timing: Kurz bevor nach 55 Jahren endlich wieder eine Frau mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hatte sich das Cern von einem Vortrag distanziert, in dem Physikerinnen massiv beleidigt wurden.

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          Marie Curie, Maria Goeppert-Mayer und nun Donna Strickland. Drei Nobelpreisträgerinnen für Physik seit 1901. Drei von 209. Das ist nicht viel, knapp eineinhalb Prozent genau genommen. Kein Wunder, dass Google bei der Anfrage „Physik-Nobelpreisträgerin“ vorsorglich nachfragt: „Meintest du: Physik-Nobelpreisträger?“. Man hätte das ja auch gar nicht gegoogelt, wenn nicht heute nach 55 Jahren erstmals wieder eine Frau ausgezeichnet worden wäre - womit natürlich niemand rechnen konnte.

          Bild: Google / F.A.Z. Screenshot

          Dass Frauen naturgemäß weniger Talent für die physikalische Forschung mitbringen, hatte schließlich grade erst wieder ein namhafter Physiker am Cern erklärt. Alessandro Strumia von der Universität Pisa hatte am vergangenen Freitag im Rahmen des „1st Workshop on High Energy Theory and Gender“ einen „bibliometrischen“ Beitrag präsentiert. Eine eigene Studie also, in der er auf der Basis von Informationen aus Veröffentlichungsdatenbanken der Frage nachgegangen war, ob es in der Physik so wenige Frauen gibt, weil sie diskriminiert werden, oder weil sie einfach anders - konkret: weniger naturwissenschaftlich begabt - sind als Männer.

          Dabei werde er Statistik nutzen, „so wie für die Higgs-Entdeckung“, hatte er vorsorglich eingangs angekündigt, um jeden Zweifel an der Wissenschaftlichkeit seiner Studie schon im Vorfeld zu zerstreuen. Deren Fazit: Frauen werden pro Artikel weniger häufig zitiert als Männer - betreiben also weniger erfolgreiche Forschung - und werden trotzdem auf dem Jobmarkt häufig bevorzugt. Das habe er auch am eigenen Leib erfahren: Bei einem Besetzungsverfahren habe er gegenüber einer Frau den Kürzeren gezogen, obwohl diese weniger Zitationen gehabt habe. So ein Einzelfall ist statistisch natürlich durchaus überzeugend. Auch wenn man einwenden könnte, dass es noch andere Gründe für die geringeren Zitationszahlen geben könnte als das fehlende Talent der Frauen. Auch dazu gibt es schließlich nicht wenige Studien.

          Physik-Nobelpreisträgerin Donna Strickland
          Physik-Nobelpreisträgerin Donna Strickland : Bild: dpa

          Das Cern, die Europäische Organisation für Kernforschung als Gastgeber des Workshops, überzeugte Strumias „beleidigende“ Analyse jedenfalls ganz und gar nicht. Es distanzierte sich nach wenigen Tagen öffentlich von Strumia, kündigte die Zusammenarbeit auf und entfernte dessen Vortragsfolien von seinen Internetseiten.

          Dabei darf man annehmen, dass Strumia seine These nun durch die Vergabe des Physik-Nobelpreises bestätigt sieht. Denn dass Donna Strickland neben den beiden anderen Preisträgern, Arthur Ashkin und Gérard Mourou, einen Außenseiterstatus einnimmt, konnte jeder sehen, der kurz nach der Bekanntgabe der frischgekürten Laureaten alle drei auf Wikipedia nachschlagen wollte: Allein Strickland besaß zu diesem Zeitpunkt keinen Eintrag. Wenn man die Welt durch Strumias Brille sieht, würde man das wohl folgendermaßen deuten: Wenn sie wirklich so eine herausragende Physikerin wäre, dann hätte sich wohl jemand vor der Auszeichnung die Mühe gemacht, einen Eintrag für sie anzulegen. Naheliegender ist aber wohl doch eine andere Deutung: Frauen - auch die brillantesten - haben nicht selten ein Sichtbarkeitsproblem.

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