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Kommentar : Die Schizophrenie der Zukunft

Die Politik berauscht sich am Digitalen und duckt sich vor dem bioethischen Tsunami weg, der auf die Gesellschaft zurollt. Die Genforscher werden im Stich gelassen.

          Als die Bundeskanzlerin sich neulich auf der Spielemesse zeigte, war das nicht nur Pose und Wahlkampf. Tatsächlich ist das Digitale über die Jahre zum Spielfeld der Politik geworden, es ist ihre Bühne, auf der sie die Zukunft feiern und die Bürger dem rasenden Fortschritt überlassen kann. Die tägliche Begegnung mit dem Neuen, das ist die Erfahrung unserer Zeit. Dahinter lässt sich dann leicht verbergen, wie verkrampft die Politik selbst mit der digitalen Zukunft umgeht, angefangen von der unvollendeten Gesundheitskarte bis zur Breitbandversorgung auf dem Land. Dezent lässt man hinter der aufdringlichen Ermöglicherpose aber auch die Zukunftsthemen verschwinden, die eigentlich sehr viel tiefer als die digitalen Umwälzungen in unser Wertesystem als Bürger, ja als Personen eingreifen. Wer kümmert sich also um unsere genetische Zukunft?

          Einzelne Wissenschaftler, insbesondere aber die Akademien, haben in den vergangenen Monaten immer wieder eine breite Debatte über die neuen, revolutionären biotechnischen Errungenschaften gefordert. Nach den jüngsten Embryonenexperimenten mit der „Crispr“-Technologie ist klar: Die Explosion des Fortschritts wird, wenn auch die letzten technischen Hürden des Gen-Editierens aus dem Weg geräumt sind, nicht nur medizinische Grenzfragen aufwerfen. Sie wird schnell anthropologische Dimensionen erreichen. Deshalb braucht es Antworten auf die unumgängliche Frage: Wie viel Freiraum und Entfaltung dürfen Forschung und Medizin haben, wenn es um die Integrität des Menschen, ja der Gattung selbst geht?

          Es ist, als hätten die Sirenen der digitalen Revolution unsere Gesellschaft zum Schweigen gebracht. Oder ist, nach dem abstrakten Gendiskurs der achtziger und neunziger Jahre, das Schweigen schon die Antwort? Soll der Handlungsspielraum für das, was aufgeschreckte Philosophen seinerzeit die „genetische Zurichtung“ des Menschen nannten, tatsächlich dem freien Spiel der Interessen überlassen bleiben – so wie die Gesundheitspolitik in großen Teilen? Vielleicht stimmt es ja, und die Sprachlosigkeit, in die sich auch die intellektuelle Welt derzeit hüllt, ist ein Indiz dafür, dass die Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Technik tatsächlich umso schwerer fällt, je eher es um ethische Fragen geht. Für die Verantwortlichen wäre das der zukunftspolitische Bankrott.

          Im Wahlkampf zumindest gibt es für die Biopolitik keinen Platz. Wie soll man der Gentechnik auch noch vorurteilsfrei begegnen, wenn sie – wie im Streit über gentechnisch veränderte Nahrung – schon Legislaturperioden lang zwischen dem antiwissenschaftlichen Gewürge von links und dem Genfrei-Populismus von rechts zerrieben wird? Zwar sind in der Medizin die Auswüchse aus Rücksicht auf die Patienten nicht so krass. Aber die bioethische Schizophrenie bleibt. Einerseits hängen wir der Natur nach: Der Mensch, heißt es, dürfe nicht Schöpfer spielen und seine Kinder genetisch designen. Andererseits erwarten wir von der Technik, dass sie den Hunger ausmerzt, den Krebs besiegt und tödliche Leiden verhindert.

          Mehr als drei Viertel der Amerikaner sehen inzwischen große medizinische Chancen in der Genchirurgie. Eine große Mehrheit wünscht sie sich nicht nur für die Heilung von Krebs oder Aids bei einzelnen Personen.

          Sie steht auch Geneingriffen an Embryonen – der Keimbahntherapie – wohlwollend gegenüber. Das Motiv ist klar: Wo es um das Schicksal ganzer Familien geht, soll der Mensch die Evolution selbst in die Hand nehmen. Vorbei mit der Fehlerhaftigkeit der Natur, die unsere Kinder leiden und früh sterben lässt!

          Das heißt aber auch: Genchirurgie wird dazu führen, dass es Menschen mit bestimmten Genabweichungen vielleicht bald gar nicht mehr geben wird. Knapp vierzig Prozent der Amerikaner befürworten mittlerweile sogar die genetische Optimierung, das „Enhancement“. Es geht nicht nur um das Beseitigen von Krankheiten, sondern um die Verbesserung von Eigenschaften wie Intelligenz. Natürlich kann man einwenden, dass die Gentechnik noch nicht so weit sei, dass sie die horrenden Wünsche nach biologischen Idealen erfüllen könnte. Aber viel fehlt nicht mehr.

          Genau deshalb liegt der Wissenschaft daran zu wissen, wo die roten Linien verlaufen. Wenn es möglich ist, vielleicht sogar wahrscheinlich, dass das Wertegefüge an den jeweiligen Erkenntnisstand angepasst wird, dann erleben wir mit der Evolution des Wissens eine neue Dynamik. Eine, die endlich auch außerhalb der Wissenschaften ankommen sollte. „Das Recht auf ein unmanipuliertes genetisches Erbe ist ein anderes Thema als die Regelung des Schwangerschaftsabbruchs“, hat der Philosoph Jürgen Habermas vor anderthalb Jahrzehnten gesagt. Geregelt wurde seitdem herzlich wenig. Bei dem Versuch, Eckpunkte eines modernen Fortpflanzungsmedizingesetzes zu entwickeln, stoßen die Wissenschaftler schon seit Jahren auf die biopolitischen Skrupel der Politik. Dabei sollte Konsens darüber bestehen, dass man über die Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht die Forscher allein entscheiden lassen kann. Die Wissenschaftler jedenfalls wollen diese Verantwortung zu Recht nicht tragen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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