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Die Debatte: Digitale Kindheit : Wie früh ist eigentlich zu früh?

  • -Aktualisiert am

Aufmerksame Eltern gefragt

„Natürlich muss man Kinder irgendwann an Medien heranführen, aber wichtig ist, dass man sich gemeinsam mit den Medien und den Inhalten beschäftigt. Eltern sollten immer wieder hinterfragen: Was braucht mein Kind eigentlich?”, sagt Montag. Auch Bildungseinrichtungen müssten sich diese Frage stellen, bevor digitale Medien im Unterricht eingesetzt werden: „Studien haben gezeigt, dass digitale Medien ablenken, selbst wenn sie nicht aktiv genutzt werden, sondern beispielsweise nur auf dem Tisch liegen. Sprich, wenn ich Medien zum Lernen einsetze, dann muss ich eine Umgebung schaffen, in der die Ablenkungsmöglichkeiten durch die anderen Funktionen des Mediums ausgeschaltet sind.”

„Wir sollten die Chancen und Risiken genau abwägen“, sagt Astrid Carolus. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht reflexartig alles verurteilen, was ‘neu’ ist. Veränderungen sind aus psychologischer Sicht immer herausfordernd und oft mit Ängsten verbunden. Sich ihnen nicht zu stellen, birgt allerdings die Gefahr, hinter den Entwicklungen herzulaufen und am Ende nicht vorbereitet zu sein.”

Uwe Büsching fordert auch deshalb einen stärkeren politischen Fokus auf das Thema Medienkonsum von Kindern und dessen Auswirkungen zu legen, was bisher zu wenig geschieht. Auch deshalb engagiert er sich in der Stiftung Kind und Jugend des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte, die Studien fördern will: „Digitale Medien sind die Realität. Wir wissen zu wenig über die Wirkung auf Kinder und müssen dringend mehr darüber herausfinden. Bisher fehlt hierfür aber vor allem das Interesse der Politik, die das Geld nicht dafür ausgibt herauszufinden, was die Medien für unsere Kinder bedeuten, sondern dafür, Digitalisierung in allen Bereichen zu fördern. Das sehe ich als Gefahr.”

Youtube-Videos statt Lego spielen?

Ist mittlerweile also jedes Kind online? Wie verändert die Nutzung digitaler Medien den Alltag von Kindern? Und wozu genau nutzen sie eigentlich Smartphone und Co?

An Angeboten für Kinder mangelt es nicht im Netz.

Seit 1999 erfragt der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest mit der KIM-Studie regelmäßig den Stellenwert von Medien für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren. Die Ergebnisse der letzten Studie aus dem Jahr 2016 zeigen, dass digitale Medien tatsächlich eine relevante Rolle im Alltag von Kindern spielen. Mehr als 60 Prozent der befragten Kinder spielten laut der Studie mindestens ein- oder mehrmals in der Woche Spiele auf der Konsole, dem Computer oder im Internet, 59 Prozent nutzten ein- oder mehrmals in der Woche ein Handy oder Smartphone und 55 Prozent der Kinder surften generell im Internet – unabhängig vom Gerät. „Insgesamt hat die Internetnutzung in dieser Altersgruppe in den vergangenen Jahren natürlich zugenommen“, sagt Sabine Feierabend von der Abteilung Medienforschung beim Südwestrundfunk (SWR), eine der Autorinnen der KIM-Studie. „Jedoch ist die Entwicklung nicht so dynamisch, wie man vielleicht vermuten würde. Im Jahr 2006 zählten 58 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen zu den Internetnutzern, mittlerweile sind es genau zwei Drittel.“

Ein großer Unterschied der Mediennutzung lässt sich zwischen den verschiedenen Altersgruppen feststellen. Sechs- bis Siebenjährige verbringen weitaus weniger Zeit mit digitalen Medien und besitzen entsprechend auch weniger technische Geräte als die älteren Kinder zwischen zwölf und 13 Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine bitkom-Studie aus dem Jahr 2017: Während nur knapp die Hälfte der jüngeren Kinder gelegentlich im Internet surft, tun das bereits fast alle zwölf- bis 13-Jährigen. „Dies hängt auch stark damit zusammen, dass viele Kinder beim Übergang auf die weiterführende Schule ein eigenes Smartphone bekommen“, erklärt Feierabend.

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