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Die Debatte: Digitale Kindheit : Wie früh ist eigentlich zu früh?

  • -Aktualisiert am
Nach der Digitalisierung verzeichneten Schulen oft  einen starken Zulauf an neuen digital interessierten Schülern.

Ebenso kritisch sieht Montag die permanente Nutzung digitaler Medien durch Eltern, da sie durch ihr Verhalten ein Vorbild für ihre Kinder werden und es darüber hinaus eben nicht möglich sei, sich mit seinem Kind und dem Smartphone parallel zu beschäftigen: „Die geteilte Aufmerksamkeit verhindert, dass die Bedürfnisse des Kindes nach Nähe und Fürsorge befriedigt werden”.

Doch nicht alle Experten sind der Meinung, dass digitale Medien im Leben von Kleinkindern nichts zu suchen haben. Benjamin Wockenfuß, Suchttherapeut und Social Media Manager ist Leiter des Projekts DigiKids der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) e.V. in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse, sagt: „Ich glaube die Frage, ob Kinder Medien nutzen sollten, stellt sich gar nicht mehr. Sie gehören inzwischen fest zur Lebensrealität dazu. Deshalb müssen wir vor allem den richtigen Umgang mit digitalen Medien finde und fördern. Zu früh ist es aus meiner Sicht nie. Der Rest ist eine Frage der adäquaten Begleitung durch uns Erwachsene.” Das Projekt DigiKids setzt deshalb in den Kindergärten an und schult bereits dort den Umgang mit Tablet, Smartphone und Co.

Kleinkinder als Zielgruppe

Von einer Angstmacherei, die seines Erachtens in manchen Medien und von einigen Experten öffentlich betrieben wird, hält er wenig: „Solange es keine klare Studienlage gibt, sollten wir Chancen und Risiken beschreiben und entsprechende Handlungskompetenzen ableiten. Wir wollen auf keinen Fall verhindern, dass Kinder rausgehen und haptische Erlebnisse haben. Diese kann kein Medium ersetzen, aber die digitalen Medien gehen definitiv nicht mehr weg. Deshalb müssen wir sie sinnvoll nutzen, in den Alltag einbinden und den Umgang mit ihnen schulen.” Aus seiner Sicht böten sich gerade im Bildungsbereich auch Chancen durch die digitalen Medien – vor allem, wenn man sie mit analogen Erlebnissen verknüpfen würde.

Eine ähnliche Position vertritt die Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus von der Universität Würzburg: „Es ist aus meiner Sicht schlicht und einfach unrealistisch so zu tun, als könne man Medien aus dem Leben der Kinder heraushalten. Wir müssen uns stattdessen als Gesellschaft damit befassen, wie man den Kindern eine sinnvolle Nutzung dieser Medien beibringt und wie man Medien und den Umgang mit diesen in die Ausbildung integriert. Dabei muss man sowohl Risiken als auch Chancen begreifen und aufzeigen.” In Verboten von Smartphones in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sieht sie daher nicht die Lösung für die Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt.

Jugendliche surfen und chatten oft bis spät in die Nacht.

Obwohl sie klar gegen die Nutzung bei Kleinkindern sind, wollen auch Christian Montag und Uwe Büsching digitale Medien nicht per se verteufeln. Vielmehr geht es den beiden – und da sind sie sich mit Wockenfuß und Carolus einig – um den richtigen Umgang mit den digitalen Medien. Dabei spielen die Eltern eine entscheidende Rolle. „Rund 80 Prozent der Eltern wissen gar nicht, welche Art von Medien ihre Kinder nutzen. Das ist problematisch, weil sie eine Fürsorgepflicht haben”, sagt Büsching, der sich aus diesem Grund für die Medienkompetenzinitiative „Schau hin!” engagiert. Deren Ziel ist es, Eltern beim Umgang mit dem Medienkonsum ihrer Kinder zu unterstützen. Kern des Ganzen ist eine „aktive und aufmerksame Begleitung” der Eltern, heißt es auf der Homepage der Initiative, die sehr konkrete Empfehlungen gibt. Medien dürften vor allem eins nicht werden: Ein digitaler Babysitter, der soziale Interaktion ersetzt.

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