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Zukunft des Sex : Wo bleibt da die Erotik?

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Verliebt ins Betriebssystem Samantha. Im Film kennt es die intimsten Wünsche. Nur mit der Erfüllung hapert es noch. (Szene aus „Her“ mit Joaquin Phoenix, Regie Spike Jonze, 2013) Bild: Allstar Picture Library/Warner Bros.

Wie der Sex von morgen aussieht, wissen wir nicht. Aber man kann ruhig schon mal spekulieren.

          Futurologie war mal eine angesehene Fachdisziplin. Als ihr Großmeister galt der Amerikaner Herman Kahn. Schon körperlich war er ein Schwergewicht und darüber hinaus angeblich mit einem Intelligenzquotienten von zweihundert Punkten ausgestattet. Kahn gab sich unfehlbar. „Ihr werdet es erleben“, schrieb er 1967 und malte aus, was bis zur Jahrtausendwende alles kommen werde. Künstliche Monde würden die Nachtseite der Erde beleuchten, Übergewicht sei dank Appetitkontrolle kein Thema mehr, Bergbau mit Hilfe nuklearer Sprengsätze ein Kinderspiel. Stattdessen kamen: die Umweltbewegung, der Zusammenbruch des Ostblocks, das Internet und der Euro.

          Zukunftsforschung wird heute nicht mehr ernsthaft von Akademikern, sondern von Leuten wie Matthias Horx betrieben. Nach einem abgebrochenen Soziologiestudium und einem Ausflug in den Journalismus berät der selbsternannte Visionär Unternehmen, die einen Blick in die Kristallkugel werfen möchten. Der Beate-Uhse-Konzern wollte vor ein paar Jahren wissen, wie man sich die Zukunft in deutschen Schlafzimmern vorzustellen habe. Horx ortete den Trend, wie stets, mit der Sicherheit eines routinierten Schlafwandlers: Der Quickie sei out und stattdessen „Gourmet-Sex“ angesagt. Und er identifizierte noch weitere Sextypen von morgen: die Überinformierten, die Experimentierfreudigen, die Bewussten, die Zwanglosen und die Extravaganten.

          Das erinnert an die Ratesendung des seligen Robert Lembke: Welches Schweinderl hätten S’ denn gern? Solide Aussagen sind durch Orakel nicht zu erwarten. Wenn es um die Evaluation sexueller Vorlieben geht, ist die Datenbasis eher dürftig. Da kommt dann zum Beispiel im Rahmen der Erhebung eines Seitensprungportals heraus, dass die Berliner am häufigsten kuscheln, die Bayern vorzugsweise die Peitsche schwingen und die Rheinländer gerne an Füße lecken. Selten wird so viel geschummelt wie bei solchen Umfragen. Als Hacker kürzlich die Daten des Portals Ashley Madison öffentlich machten, stellte sich heraus, dass dort mehr als siebzigtausend weibliche Fake-Profile angelegt waren. Männer, die glaubten, mit Frauen zu flirten, hatten es stattdessen mit Computerprogrammen, sogenannten Bots, zu tun. Was immerhin beweist, dass es einen echten Trend gibt: Das Liebesleben spielt sich immer häufiger online ab.

          Internet-Untreue ist die neue Herausforderung

          Die Internetsuche nach einem möglichen Sexualpartner hat entscheidende Vorteile. Sie kann rund um die Uhr stattfinden, komfortabel, diskret und effizient. Man kann ein positiveres Bild von sich zeichnen, als es selbst zu fortgeschrittener Stunde in der schummrigsten Bar möglich wäre. Die Auswahl ist theoretisch unbegrenzt, was allerdings zu nagenden Zweifeln führen kann, wenn man sich erst einmal festgelegt hat. Ist da draußen nicht jemand, der noch viel besser zu mir passt? Schätzungen zufolge kommen heute zwischen fünf und zehn Prozent aller festen Partnerschaften durch Kontakte auf Dating-Plattformen, in sozialen Netzwerken, Chatrooms und Foren zustande. Noch lässt sich nicht sagen, wie stabil diese Beziehungen sind.

          Auch konventionell geschlossene Ehen und Partnerschaften werden durch die neue Freiheit ohnehin auf eine harte Probe gestellt. Die Psychologin Sabrina Brüstle hat im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Zürich „Untreue Verhaltensweisen im Internet“ untersucht. Knapp ein Drittel der Befragten gab an, beim Chatten mit Dritten emotionale Botschaften ausgetauscht zu haben. Ein Fünftel war sich über Briefe, Mails oder Telefon noch näher gekommen. In neun Prozent der Fälle fanden persönliche Treffen statt, sechs Prozent endeten mit Sex.

          Kein Wunder, dass auch das älteste Gewerbe der Welt da mitspielt. Viele Prostituierte bieten ihre Dienstleistungen inzwischen lieber auf einer Homepage an statt auf dem Straßenstrich oder im Bordell. Oder sie lassen sich über Plattformen wie Adultwork und Punternet vermitteln. Der Kunde kann bestimmte Präferenzen eingeben, die gern spezieller sein dürfen. Ein „German Fraulein“ beispielsweise, bisexuell veranlagt und erotischen Rollenspielen nicht abgeneigt, wäre ihrem Profil zufolge bereit, sich für dreihundert Euro pro Stunde fotografieren zu lassen, sofern man das Copyright teilt. Ersatzweise könnte man mit ihr über Philosophie und schöne Künste diskutieren; Mahatma Gandhi oder Francis Bacon wären adäquate Gesprächsthemen. Aufs gehobenere Segment setzt auch der Escortdienst Peppr, der 2014 in Berlin mit dem Ziel gegründet wurde, „die Grenzen von E-Commerce und Online-Sex zu verschieben“. Gepflegte Manieren sind erwünscht, romantische Dinner im Sternerestaurant inklusive Champagner sollten drin sein. Da findet er sich dann unverhofft doch noch, der Horx’sche Gourmetsex.

          Selbst extreme Phantasien kommen ans Tageslicht

          „Der Economist“ hat das Geschäftsmodell Internetprostitution unter die Lupe genommen und kommt zu dem Ergebnis, dass nicht nur die Kunden davon profitieren („more bang for your buck“), sondern auch die Dienstleistenden. Weil Freier nicht mehr anonym bleiben, sondern sich in aller Regel registrieren müssen, können Übeltäter identifiziert und auf eine schwarze Liste gesetzt werden. Prostituierte können Netzwerke aufbauen und gegenseitig Hilfestellung leisten. Es werde auch in Zukunft immer Menschen geben, die für Sex bezahlen, prophezeit das Wirtschaftsmagazin, ohne sich damit all zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Je einfacher das zu arrangieren sei, desto mehr würden es werden. Das Internet habe schon ganz andere Branchen von Grund auf umgekrempelt.

          Dass der weltweite Strom von Informationen nicht nur alte Bedürfnisse befriedigt, sondern neue und ausgefallenere Wünsche wecken wird, ist ebenfalls keine gewagte Prognose. Begriff und Suchmaske reichen, um genügend Freunde des rimming oder spanking oder drowning zusammenzuführen. Selbst extreme Phantasien kommen ans Tageslicht, wie eine schockierte Öffentlichkeit erfuhr, als es um den „Kannibalen von Rotenburg“ ging, der in einem einschlägigen Forum auf einen Mann gestoßen war, dessen größte Sehnsucht darin bestand, getötet, zerstückelt und restlos verzehrt zu werden.

          Derart bizarre Motive sind allerdings nicht ganz neu, sie kommen schon in den Erzählungen des Marquis de Sade vor. Neu ist, dass sie jetzt auf ein Massenpublikum stoßen, das kaum zum literarischen Werk und erst recht nicht zur Nachahmung gefunden hätte - allein deshalb, weil es in früheren Zeiten ohne die enorme Reichweite des Mediums Internet praktisch unmöglich war, jemanden zu finden, der solche Neigungen teilt.

          Für Exhibitionisten sind das rosige Zeiten

          Das Internet trägt im Kern die Botschaft, dass alles öffentlich werden muss. Das führt dazu, dass Scham und Schranken fallen. „Your dick pics are about to be all over the internet“, hieß es vor einiger Zeit im Magazin Wired. Der Autor fand es vollkommen in Ordnung, dass es üblich geworden sei, sich gegenseitig Nacktaufnahmen zu schicken. Weil nun aber nicht zu verhindern sei, dass Postfächer und Facebook-Profile gehackt werden, solle man sich in Zukunft auch nicht mehr darüber aufregen, wenn die eigenen intimen Fotos an jeder Ecke auftauchen.

          Für Exhibitionisten und Voyeure aller Art sind das rosige Zeiten. Wer sich zum Beispiel immer schon gefragt hat, wie er beim Sex im Vergleich zu anderen abschneidet, kann sich eine Applikation fürs Smartphone herunterladen, die während des Geschlechtsverkehrs Geräusche, Bewegungen und Pulsfrequenz registriert. Das Ergebnis wird auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet und ohne Umschweife in alle Welt herausposaunt.

          Die Mechanisierung der Lust lässt sich weiter treiben. Wer Freude daran findet, kann seine Genitalien scannen und anschließend dreidimensional ausdrucken, um endlich mal ein passendes Geschenk für den Partner oder die Partnerin zu haben. Ein ganzes Heer von Erfindern arbeitet darüber hinaus an der Tele-Dildonik, die von Konsole zu Konsole ferngesteuerte Befriedigung verschaffen soll. Immer wieder ist auch die Rede von Robotern, die den Level der Erregung in ungeahnte Höhen führen.

          Doch bei näherem Hinsehen ist das alles hohles Versprechen und schaler Ersatz. Wenn die Zukunft des menschlichen Sex bloß darin läge, einsamen Notleidenden Erleichterung zu verschaffen, wäre es traurig um sie bestellt.

          Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass sich zwei Entwicklungen fortsetzen, die vor einem halben Jahrhundert in Gang gesetzt wurden. Seitdem es wirksame Verhütungsmittel gibt, ist die Sexualität mehr und mehr vom Zweck der Fortpflanzung befreit worden. Andersherum ist Fortpflanzung ohne Sex durch die Errungenschaften der Reproduktionsmedizin längst keine Utopie mehr. Der im Januar verstorbene Chemiker Carl Djerassi, Miterfinder der Anti-Baby-Pille, hat vorausgesagt, dass immer mehr Frauen und Männer dazu übergehen werden, den Zeugungsakt in die Petrischale zu verlegen. Durch das Einfrieren von Ei- und Samenzellen könnte der gewünschte Zeitpunkt beliebig hinausgezögert werden. Ungewollte Schwangerschaften würden dadurch so gut wie abgeschafft, eine zweite sexuelle Revolution stände unmittelbar vor der Tür.

          Liebe ohne Sex ist schon weniger populär

          Das führt zur Frage, was eigentlich aus der Liebe wird. Sex ohne Liebe ist jederzeit vorstellbar und wird, wie der Erfolg der Flirt-Plattform Tinder vorführt, auch zunehmend praktiziert. Liebe ohne Sex ist schon weniger populär. Aber möglich. Eine Ahnung, wie das einmal aussehen könnte, vermittelt der Film „Her“, der Ende 2013 in die Kinos kam und in der nahen Zukunft spielt. Darin verknallt sich der schüchterne Held Theodore Twombly in das neue Betriebssystem seines Computers, das mit künstlicher Intelligenz ausgestattet ist und mit warmer, weiblicher Stimme zu ihm spricht. Er nennt es Samantha und verbringt immer mehr Zeit im Dialog mit ihr. Samantha ist so einfühlsam, dass sie Twomblys intimste Gedanken errät, gleichzeitig aber frustriert darüber, dass sie keine körperliche Verbindung zu ihm aufbauen kann. Der Versuch, das Problem durch einen flotten Dreier unter Einbeziehung einer realen Frau zu lösen, scheitert. Aber auch die geistige Beziehung bekommt einen bösen Knacks, als sich herausstellt, dass Samantha mit Tausenden von weiteren Usern flirtet und in Hunderte von ihnen verliebt ist. Am Ende verlässt sie Twombly, um sich mit anderen Betriebssystemen auf einer hyperintelligenten, dem Menschen nicht mehr zugänglichen Daseinsebene zusammenzuschließen.

          An einer Stelle dieses Films wird Theodore Twombly gefragt, ob er mit Samantha Sex habe. „Ja“, antwortet er, „sozusagen. Ich weiß aber nicht, ob sie das vielleicht nur vortäuscht.“ Als der Held nach draußen auf die Straße geht und sich unter die Passanten mischt, die alle unentwegt auf ihre kleinen Bildschirme einreden, fragt sich der Zuschauer, ob das im Zeitalter des Smartphones nicht schon längst der Alltag ist.

          Wie wird er morgen aussehen? Hängen uns irgendwann Kabel aus dem Kopf, über die wir unablässig Elektroden reizen, die unser Lustzentrum befeuern? Oder werfen wir jeden Abend Pillen ein, die den perfekten Orgasmus bescheren? Was geschieht mit unserer Phantasie, wenn sämtliche Bilder, Töne und Gedanken dieser Welt jederzeit und überall zugänglich sind? Nehmen wir mal an: Der Sex wird das überleben. Und die Liebe auch. Nur die Erotik nicht. Sie lebt vom Angedeuteten, Ungesagten. Verführung funktioniert am besten im Verborgenen und scheut das Scheinwerferlicht. Konrad Adenauer soll einmal bemerkt haben, es gäbe Dinge, über die er nicht einmal mit sich selbst spräche. Er war ein typischer Vertreter der fünfziger Jahre. Es war nicht alles schlecht unter Adenauer.

          Mit diesem Beitrag endet unsere Serie über die Zukunft des Sex. Alle Artikel und Kommentare finden Sie unter www.faz.net/aktuell/wissen/die-zukunft-des-sex.

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