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Vom Sinn der Geschlechter : Das seltsame Verhalten zur Paarungszeit

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Er will, sie noch nicht: Das ist ein typischer Zielkonflikt quer durchs Tierreich. Bild: Getty

Etwas muss dran sein am Sex. Jedenfalls hat sich der Austausch von Körperflüssigkeiten zwecks Fortpflanzung praktisch überall im Tierreich durchgesetzt. Warum? Das ist Forschern bis heute ein großes Rätsel.

          7 Min.

          Blattläuse haben es einfach. Wenn ihnen im Frühjahr nach Fortpflanzung zumute ist, gebären die Weibchen ohne Zutun eines Männchens Nachwuchs. Bis zu zehn Töchter am Tag kommen so zur Welt - lauter kleine, genetisch identische Kopien, die schon bald selbst zu jungfräulichen Müttern werden. Wo zunächst nur eine Laus saugte, drängt sich bald eine ganze Kolonie, die rein rechnerisch nach einer Saison Abermillionen von Individuen umfassen kann. Die Vorteile dieser Parthenogenese, wie sie im Fachjargon heißt: Durch den Verzicht auf Männchen, die eben keinen Nachwuchs gebären, verdoppeln Blattläuse ihre Vermehrungsrate und nutzen so ihre im Frühjahr im Saft stehenden Wirtspflanzen optimal aus. Natürliche Feinde wie Marienkäfer oder Florfliegen kommen dagegen nicht an.

          Trotzdem ist eine rein ungeschlechtliche Fortpflanzung im Tierreich die große Ausnahme. Nach etlichen jungfräulich gezeugten Generationen geht selbst die Blattlaus in Form geflügelter Weibchen und Männchen zur gleichen umständlichen, kräftezehrenden und ineffizienten Fortpflanzungsmethode über, wie sie die überwältigende Mehrheit der Tier- und Pflanzenarten praktiziert: Sex.

          Der enorme Aufwand, den Organismen betreiben, um Spermium und Eizelle zu vereinen, ist Thema der Kurzfilmserie „Green Porno“ der Schauspielerin und Filmemacherin Isabella Rossellini aus dem Jahr 2008. Die auf Youtube zu sehenden Clips machen deutlich, dass das Liebesleben des Homo sapiens, verglichen mit dem, was die Evolution für andere Spezies in petto hatte, gar nicht so außergewöhnlich ist. Rossellini zwängt sich dafür in kunstvolle Regenwurm-, Libellen- oder Seepockenkostüme und schildert das jeweilige Paarungsverhalten in der Ich-Form.

          Für Männchen geht es häufig böse aus

          Da ist zum Beispiel der bis zum Achtfachen der Körperlänge messende Penis der Seepocken, mit dem diese sesshaft lebenden Krebstiere ihre Umgebung nach möglichen Sexualpartnern abtasten. Oder die Gottesanbeterin, die noch während der Paarung den Kopf ihres Auserwählten verspeist, während sein Hinterleib dank dezentralisiertem Nervensystem den Akt zu Ende bringt. Ähnlich unerfreulich endet der Verkehr für den Drohn der Honigbiene: Während des Hochzeitsflugs reißt sein Begattungsorgan ab und bleibt als Stöpsel, der Konkurrenten von weiteren Paarungen abhalten soll, in der Geschlechtsöffnung der Jungkönigin stecken. Selbstaufgabe bedeutet die Liebe für das zwergenhafte Männchen des Anglerfischs: Hat es eine Partnerin gefunden, beißt es sich an deren Bauch fest und verwächst langsam mit ihr, degeneriert zu einem samenspendenden Anhängsel.

          Wozu der Aufwand? Wozu das ewige Hin und Her von Mann und Frau, das Rein und Raus komplizierter Begattungsorgane und das Auf und Ab von Sexualhormonen und Emotionen? Warum gehen praktisch alle Tiere früher oder später zum Austausch von Körperflüssigkeiten über, anstatt sich asexuell fortzupflanzen? Warum verabschieden sie sich im Zuge der Reifeteilung ihrer Keimzellen von der Hälfte ihres eigenen Erbguts, nur um es nach aufwendiger Partnersuche wieder vervollständigen zu lassen?

          „Sex ist das größte ungelöste Rätsel der Evolution“, sagt Manfred Milinski, der sich als einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön mit der Suche nach Erklärungen beschäftigt. „Als Darwinisten gehen wir davon aus, dass die extreme Verbreitung der sexuellen Fortpflanzung über geschätzte 99,9 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten hinweg die Folge natürlicher Auslese sein muss. Sie muss also einen Selektionsvorteil bieten, der den Nachteil der halbierten Vermehrungsrate und all die anderen Kosten sexueller Fortpflanzung aufwiegt.“

          Die Mischung macht es nicht allein. Es muss noch andere Gründe geben.

          Tatsächlich sorgt die Durchmischung und Neukombination väterlicher und mütterlicher Gene während der Reifeteilung dafür, dass schädliche Mutationen, die sich im Laufe der Zeit im Erbgut anreichern, immer wieder aus einer Population verschwinden. Die wenigen bekannten sich rein parthenogenetisch fortpflanzenden Tierarten - darunter Vertreter von Rädertierchen und Krebsen, aber auch Fischen und Reptilien - befinden sich demnach in einer Sackgasse der Evolution. Dieser Effekt macht sich jedoch erst nach vielen Generationen bemerkbar, kann also kein Antrieb gewesen sein, denn alles beginnt mit dem individuellen Fortpflanzungserfolg.

          Eine andere Lehrbucherklärung geht auf den deutschen Biologen August Weismann (1834-1914) zurück: Sex sorge für die genetische Vielfalt innerhalb einer Spezies, so dass eine Auslese besser angepasster Individuen erfolgen könne. Sexuelle Arten reagierten flexibler auf veränderte Umweltbedingungen, wohingegen eine Population aus Klonen Gefahr laufe, ausgelöscht zu werden. Das klingt plausibel. Vor fast vierzig Jahren kam der britische Evolutionstheoretiker John Maynard Smith aber zu dem Schluss, dass Umweltbedingungen, wie etwa das Klima, im wahren Leben niemals ausreichend großen Schwankungen unterworfen sind, um darauf basierend Sex zu erklären. In seinen Modellen setzen sich am Ende stets die asexuell Vermehrten durch. Die Umwelt eines Organismus wird allerdings nicht nur von Lebensraum und Klima bestimmt, sondern auch von anderen Lebewesen. Smith’ Kollege und Landsmann William Hamilton erweiterte die Weismannsche Theorie deshalb Ende der 1970er Jahre. Demnach könnte es der evolutionäre Wettlauf mit Krankheitserregern und Parasiten sein, dessentwegen es sich doch lohnt, Sex zu haben.

          Sex hält gesund. Vielleicht ist das die Erklärung.

          In der aktuellen Auslegung dieser Theorie fokussiert man sich auf die sogenannten MHC-Proteine auf der Oberfläche von Wirbeltierzellen, die den Immunzellen kleine Eiweißbruchstücke präsentieren. Handelt es sich dabei um Körperfremdes, kommt es zu Abwehrreaktionen. Von diesen zellulären Präsentiertellern besitzt die menschliche Spezies beispielsweise mehrere tausend Varianten, jeder von uns nutzt aber nur eine Handvoll. Die individuelle Neukombination der MHC-Komplexe bei der sexuellen Fortpflanzung erschwere es Erregern, sich an diese Ausweiskontrolle anzupassen: Ein enormer Vorteil, der am ehesten das Potential habe, die Schattenseiten der sexuellen Fortpflanzung wettzumachen, ist Milinski überzeugt.

          Warum aber wurden dafür fast immer Männlein und Weiblein beziehungsweise winzige Samen- und vergleichsweise riesige Eizellen hervorgebracht? Vermutlich handelt es sich um eine Art Arbeitsteilung. Spermien lassen sich leicht in großen Mengen produzieren und sind aufgrund ihrer geringen Größe mobil. Die Eizelle übernimmt die Rolle der unbeweglichen, von Nährstoffen aufgeblähten Versorgerin. Mittelgroße Keimzellen beider Geschlechter sind die Ausnahme, vielleicht weil sie ihre Aufgabe dann auch nur mittelmäßig erfüllen.

          Was immer ihre Ursprünge sein mögen: Die Ungleichheit der Keimzellen erzeugt eine Ungleichheit der Geschlechter, die der englische Genetiker Angus Bateman 1948 erstmals formal beschrieb. Bateman stellte fest, dass für Mann und Frau unterschiedliche Strategien zum maximalen Fortpflanzungserfolg führen. Beim Männchen, das ohne viel Aufwand Spermien in großen Mengen produzieren kann, hängt dieser vor allem davon ab, mit wie vielen Weibchen es sich erfolgreich paart. Weibchen dagegen investieren wesentlich mehr in die Produktion von Eiern und oft auch noch in die Aufzucht der Jungen, sie müssen ihre Sexualpartner deshalb mit Bedacht wählen.

          Das sogenannte Bateman-Prinzip sagt zugleich heftige Konkurrenz zwischen den stets willigen Männchen um die sich zierenden Weibchen voraus. Daraus entstand das männliche als das in vielen Fällen stärkere und größere Geschlecht, was sich insbesondere an Rothirschen oder Gorillas zeigt, die in Haremsgruppen leben, in denen nur die kräftigsten Männchen Aussicht auf Sex haben. Der Wettbewerb führt aber nicht in jedem Fall zu Kraftprotzen. Übernehmen Weibchen die Wahl, kommt die sexuelle Selektion ins Spiel, die zweite große Triebfeder der Evolution. Ihr sind augenscheinlich unpraktische Gebilde zu verdanken wie das Schwanzgefieder des männlichen Pfaus oder die komplexen Balzrituale der Paradiesvögel. Aber Stärke oder Schönheit sind nicht alles, List und Betrug spielen ebenfalls eine Rolle. Pavianmännchen von niederem Rang beispielsweise paaren sich heimlich mit Weibchen, deren Gunst sie durch den Aufbau freundschaftlicher Beziehungen erlangen. Rangniederen Sonnenbarschen gelingt es manchmal, sich in die Paarung des Revierbosses einzumischen, indem sie im letzten Augenblick in die Laichgrube flitzen und ungebeten ihren Samen dazugeben. Was durchaus erfolgversprechend ist, weil die Befruchtung dieser Fische im Wasser stattfindet, also extern.

          Darwins Peepshow steckt voller Kuriositäten

          An Land geschieht das meist im Inneren des weiblichen Körpers. Dafür mussten die Männchen ein spezielles Begattungsorgan entwickeln, den Penis. Und der ist nicht bei jedem Tier so simpel gebaut wie beim Menschen. Das stellt der niederländische Zoologe Menno Schilthuizen in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Darwins Peepshow“ anhand spektakulärer Beispiele dar, angefangen von den explodierenden Spermiengranaten des Kalmars über den gut vierzig Zentimeter langen, korkenzieherartig gewendelten Penis der Argentinischen Ruderente bis zu dem mit spitzen Chitinstacheln besetzten Kopulationsorgan des Samenkäfers.

          Verhalten sich die Weibchen promisk, ist die Vaterschaft nach vollzogenem Geschlechtsakt noch nicht entschieden. Solange Spermium und Eizelle nicht verschmolzen sind, haben Konkurrenten weiterhin ihre Chance. Männliche Prachtlibellen etwa besitzen löffelartige Strukturen an der Penisspitze, mit deren Hilfe sie das Sperma ihres Vorgängers aus der Vagina entfernen, bevor sie ihres hineingeben. Umgekehrt sorgen häufig Paarungspfropfe dafür, die Geschlechtsöffnung zu verschließen. Säugetiere bilden sie aus den Eiweißstoffen Semenogelin und TGM4. Diese werden gegen Ende der Ejakulation abgegeben und bauen eine gelartige Barriere hinter der ersten, hauptsächlich Spermien enthaltenden Fraktion auf. Zwischen Sexualverhalten und Effizienz des Pfropfes besteht ein direkter Zusammenhang: Promiske Schimpansen bauen eine besonders stabile Samensperre auf, die monogam lebenden Gibbons gar keine mehr. Die menschliche Samenflüssigkeit ähnelt in dieser Hinsicht der des Schimpansen.

          Das letzte Wort haben fast immer die Weibchen

          Dass zukünftige Mütter postkoital noch recht aktiv werden können, zeigt das Beispiel der Grauhörnchen: Weibchen ziehen sich den Pfropf kurzerhand heraus, wenn der Partner sie nicht überzeugt hat. So behalten sie sich die Entscheidung vor, wer Vater ihrer Kinder wird. Das generelle Wettrüsten der Geschlechter um das letzte Wort in Sachen Befruchtung hat nach Ansicht Schilthuizens zu der bizarren Vielfalt von Penissen und weiblichen Empfangsorganen geführt. Einige Insektenweibchen bilden schier endlose Eileiter, die es den Spermien schwermachen, ans Ziel zu kommen. Die passenden Penisse wurden ebenfalls länger, bis hin zur aufrollbaren Penisgeißel des Käfers Aleochara tristis, die mit 16 Millimetern gut doppelt so lang ist wie ihr Besitzer. Weibliche Dungfliegen besitzen gleich zwei Aufbewahrungsbehälter: In der Spermathek erster Klasse landen Samenzellen attraktiver Männchen, die der zweiten Wahl enden in einem kleineren Behälter für Notzeiten.

          Es sind demnach häufig die Männchen, die der weiblichen Paarungsstrategie hinterherlaufen. Aber auch von diesem Bateman-Prinzip der ungleichen Interessen der Geschlechter gibt es Ausnahmen, die tropischen Blatthühnchen kehren es glatt um. Bei ihnen sorgt allein das Männchen für Brut und Aufzucht des Nachwuchses, während die größeren Weibchen darum kämpfen, ihre Eier in sein Nest legen zu dürfen. Arten hingegen, die wie die Gibbons monogam leben und ihre Jungen gemeinsam aufziehen, sind insbesondere unter Säugetieren in der Minderheit. Hier werben meist beide Geschlechter um einen passenden Partner. Welches Licht das alles auf den Menschen wirft, ist - wie immer - umstritten.

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