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Partnersuche im Internet : Programmiertes Glück

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Algorithmen, so geheim wie Coca-Cola-Rezept

Beim Ausfüllen dieses Fragebogens entsteht eine Persönlichkeitsmatrix, die - ähnlich wie bei modernen Kundenbindungssystemen - Kandidaten in verschiedene Typen mit verschiedenen Abstufungen einteilt. Und für jeden dieser Typen gibt es wiederum eine gewisse Anzahl von potentiell passenden anderen Typen. Zwar spielen bei den Matching-Algorithmen durchaus auch Hobbys oder die Höhe des Einkommens eine Rolle, doch diese werden wesentlich niedriger gewertet, sind somit eher das I-Tüpfelchen zur Feinkalibrierung der Übereinstimmungsprognose. Worin sich die Partnerbörsen zum Teil massiv unterscheiden, ist die genaue Ausgestaltung der Algorithmen. Die haben eine ähnliche Geheimhaltungsstufe wie das vielzitierte Coca-Cola-Rezept oder der Suchalgorithmus von Google. Bei der vor allem im englischsprachigen Raum sehr erfolgreichen Partnerbörse okcupid.com beispielsweise bewertet der Algorithmus nicht nur bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, er fragt auch ab, welche Relevanz diese haben. So kann ein Nutzer nicht nur angeben, wie er dazu steht, dass ein potentieller Partner ihn bereits nach dem zweiten Date seinen Eltern vorstellen möchte. Er kann darüber hinaus auch festlegen, ob ihm diese Frage fürs persönliche Seelenheil wichtig ist oder nicht. Auf diese Weise entstehen parallel zu den Persönlichkeitsprofilen bestimmte Werteprofile. Eine weitere Besonderheit bei okcupid: Registrierte Nutzer können den Katalog erweitern und selbst originelle Fragen hinzufügen. Dieser „Gamification“ genannte Ansatz gestattet es, die Datenbasis zu verfeinern und den Kunden zugleich am Vermittlungserfolg teilhaben zu lassen.

Was die Partnerbörsen der dritten Generation von ihren Vorgängern unterscheidet, ist, dass sämtliche erfassten Daten pausenlos miteinander abgeglichen werden und bei jeder Neuanmeldung eines Kandidaten überprüft wird, inwieweit er zu den bereits existierenden passt. Jedes Mitglied einer solchen Partnerbörse erhält in regelmäßigen Abständen, häufig täglich, neue Vorschläge. Die Übereinstimmungsquote wird in Punkten oder Prozentzahlen angegeben.

Die vierte und derzeit letzte Generation der Suchbörsen setzt auf zwei Trends: die Hinwendung zu mobilen Endgeräten und zu sozialen Netzwerken. Mobile Geräte erlauben standortbasierte Vermittlung. Apps wie Tinder oder das Berliner Start-up Lovoo setzen hier einen klaren Schwerpunkt: Räumliche Nähe ist wichtiger als charakterliche Übereinstimmung. Der Nutzer sieht diejenigen Kandidaten zuerst, die sich in seiner nächsten Umgebung aufhalten. Anhand eines Fotos (die dort einzurichtenden Textprofile kann man bestenfalls als rudimentär bezeichnen) entscheidet er: Wisch nach links - unattraktiv, Wisch nach rechts - attraktiv. Gladiatoren gleich wartet ein Heer von Partnersuchenden dann auf einen Fingerzeig, erfährt davon glücklicherweise aber nur, wenn er positiv ausfällt.

Man gibt so einiges von sich preis

Der Vermittlungserfolg solcher Apps ist allerdings limitiert: Sie eignen sich vor allem dazu, Kurzaffären oder spontane sexuelle Kontakte zu vermitteln. Für Längerfristiges ist die Datenbasis hinsichtlich persönlicher Wünsche und Werte dann doch zu gering. Es geht bei solchen Applikationen auch gar nicht um die Anbahnung möglichst vieler Ehen, sondern um Geschwindigkeit und Spontaneität. So gab der CEO von Tinder in einem Interview freimütig zu: „Wir fragen die Leute nicht groß nach Vorlieben oder danach, welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlen. Wenn ich auf einer Party in einen Raum gehe, bewerte ich die Leute ja auch eher nach ihrem Äußeren.“

Die niedrige Zutrittsschwelle wird in solchen Fällen durch Facebook gewährleistet: Wer sich mit seinem dortigen Account registriert, hat nach wenigen Sekunden ein fertiges Profil, die App bekommt automatisch Fotos und weitere Informationen von Facebook und ist sofort startklar. Das macht sie für viele Sucher nach dem schnellen Glück so attraktiv. Das Geschäftsmodell solcher Apps ist ziemlich einfach gestrickt. Meist gibt es einen kostenlosen Bereich, in dem das Defilee der Kandidaten gesichtet werden kann. Wer einen tiefergehenden Kontakt wünscht, wird per Einmalzahlung oder Abonnement zur Kasse gebeten.

Angesichts der Datenmassen, die Partnerbörsen und schnelle Apps einsaugen - inklusive sensibler, intimer Informationen und Bewegungsprofile - bekommen Datenschützer graue Haare. So zwingt Tinder seit April dieses Jahres seine Nutzer dazu, sogar politische und religiöse Einstellungen sowie aktuelle und ehemalige Arbeitgeber anzugeben. Ein anderes Problem bei der Partnersuche übers Internet ist die wachsende Zahl von Fake-Profilen. Hinter denen verbirgt sich dann kein echter Interessent, sondern ein Computer oder ein Mitarbeiter der Partnerbörse, die Interesse bloß vortäuschen, um die Kunden in den kostenpflichtigen Bereich zu locken.

Das ist dann eben doch ein Vorteil der analogen Welt: Wenn nicht gerade ein Maskenball veranstaltet wird, sieht man normalerweise recht schnell, wie das Gegenüber wirklich aussieht. Und ob es überhaupt lebt.

Sandra Spreemann, Expertin bei Parship, über die Partnersuche mit Algorithmen

Welche Regel stimmt: "Gleich und Gleich gesellt sich gern" oder "Gegensätze ziehen sich an"?

Wir bringen es auf die Formel: "So viel Ähnlichkeit wie möglich, so viel Ergänzung wie nötig". In der psychologischen Forschung hat sich herausgestellt, dass Ähnlichkeit zwischen Partnern durchaus förderlich ist und zu mehr Zufriedenheit und längerer Beziehungsdauer führt. Das gilt aber nicht für alle Konstellationen und vor allem nicht nur für oberflächliche Merkmale wie Hobbys und Interessen. Sondern für tiefergehende Dinge wie Lebenseinstellung, Wünsche, Werte und Verhaltenstendenzen. Hier schauen wir im Prinzip auf Ähnlichkeit. Aber manchmal ist sie nicht nötig oder sogar unerwünscht. Wenn zum Beispiel beide Partner auf Durchsetzung ausgerichtet sind, wird es nicht einfach. Hier kann es sinnvoller sein, einer dominanten Person lieber eine adaptive Persönlichkeit zu empfehlen.

Werden Ihre Algorithmen immer weiter verfeinert? Oder gibt es irgendwann den Moment, an dem das nichts mehr bringt?

Wirklich große Veränderungen gibt es nur in sehr großen Abständen. Da kommen dann auch mal neue Erkenntnisse dazu, die auf dem gesellschaftlichen Wandel basieren. Ein Beispiel: Wir haben in den letzten 15 Jahren eine Rückkehr zum "Cocooning" beobachtet, zur Häuslichkeit in einem gemeinsamen Raum. Es gibt aber auch Fragen, die obsolet geworden sind. Beispielsweise wie jemand reagiert, wenn ein anderer Gast im Restaurant anfängt zu rauchen. Stattdessen fragen wir nun, wie Menschen es finden, wenn andere im Restaurant ihr Mobiltelefon nutzen.

Führen Sie oft neue Fragen ein?

Meist in großen Abständen im Rahmen einer Testrevision. Sonst haben Sie Abermillionen von Datensätzen existierender Kunden, die diese Frage eben noch nicht beantwortet haben. Unser Matchmaking basiert auch weniger auf einzelnen Fragen, die Daten werden vielmehr zu Merkmalskomplexen zusammengefasst.

Wie viele Merkmale erfassen Sie?

Insgesamt 32 Merkmale, in bis zu fünf Abstufungen, deren Ausprägung in einem Kontinuum sogenannter Standardwerte ausgedrückt wird. Inhaltlich beschreiben wir die Ergebnisse meist in etwa fünf Abstufungen.

Werten Sie das Konversationsverhalten aus? Zum Beispiel die Zahl der schriftlichen Kontakte, um herauszufinden, ob ein vorgeschlagener Match erfolgreich ist?

Das würde nichts bringen. Für uns ist entscheidend, ob ein Paar sagt: Wir haben uns gefunden. Denn manche treffen sich bereits nach zwei Mails, andere auch nach dreißig Mails noch nicht. Wir versuchen allerdings herauszufinden, wie eine zustande gekommene Beziehung sich entwickelt.

Was stellen Sie dabei fest?

Das dürfte Kulturpessimisten interessieren: Online-Paare institutionalisieren schneller, indem sie heiraten oder zusammenziehen. Und wir sehen in unseren Studien eine Tendenz, dass sie ihre Beziehung als zufriedenstellender erleben als Offline-Paare, vor allem im Hinblick auf ihr Beziehungsengagement oder die gemeinsame Stressbewältigung.

Besteht die Gefahr, dass die zunehmende digitale Reichweite bestehende Partnerschaften zerstört, weil die Chance, jemand Besseren zu finden, immer größer wird?

Die Online-Welt bildet nur ab, was sowieso passiert. Insgesamt hat sich das gesamte Beziehungsleben liberalisiert, das Internet bietet nur mehr Raum, das auch auszuleben. Wer sich als Verheirateter zur Online-Partnersuche anmeldet, bei dem ist in der Beziehung ohnehin etwas nicht in Ordnung.

Welche Eigenschaften würden einen Menschen algorithmisch unvermittelbar machen?

Es gibt niemanden, der unvermittelbar ist. Da hilft einfach die unglaublich hohe Reichweite.

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