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Love Hotels : Kann man von Japan lernen?

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Jetzt gibt es Nachhilfe : Japans Männer lernen körperliche Liebe

Die Innenausstattung der Zimmer varriiert. Am Empfang kann man sich vorab über die verschiedenen Stile informieren. Da gibt es welche, die wie ein U-Bahn-Waggon aussehen, andere sind wie die Praxis eines Gynäkologen eingerichtet, wie ein mittelalterlicher Kerker, ein Klassenzimmer, ein Aquarium oder eine Tropfsteinhöhle. Eine Zeitlang waren schwere, rotgoldene Teppiche gefragt. Heute besteht der Bodenbelag meist aus abwaschbarem Material wie Laminat. Die Lichtstimmung kann per Fernbedienung gesteuert werden. Preiswertere Zimmer sind vielleicht nur mit Fototapeten ausstaffiert, die den Fudschijama zeigen, ägyptische Pyramiden, die New Yorker Skyline oder Szenen aus James-Bond-Filmen.

Die Hälfte aller japanischen Sexualakte findet auswärts statt

Misty Keaslers Aufnahmen wirken auf den ersten Blick bizarr. Und auf den zweiten leicht verstörend. „Ich habe versucht, kein voreiliges Urteil zu fällen“, sagt sie. Doch das fiel ihr schwer: „Zweifellos gibt es da eine dunkle Seite.“ Andere drücken sich weniger diplomatisch aus. Die Schriftstellerin Natsuo Kirino, in deren Kriminalromanen es auch nicht gerade zartbesaitet zugeht, sagt: „Es geht immer nur um männliches Begehren. Je mehr man darüber weiß, desto mehr schüttelt man den Kopf.“ Eine Studie aus dem Jahr 2013 kam allerdings zu dem Ergebnis, dass es in neunzig Prozent aller Fälle die Frauen sind, die über die Wahl des Zimmers entscheiden.

Love Hotels sind in Japan ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. In schätzungsweise dreißigtausend Betrieben werden jährlich an die fünfhundert Millionen Übernachtungen registriert. Das wären täglich 1,4 Millionen Paare, die zu einem intimen Beisammensein einchecken. Der Gesamtumsatz wird auf mehr als dreißig Milliarden Euro geschätzt. Das ist fast doppelt so viel, wie das gesamte deutsche Hotelgewerbe erwirtschaftet. Weil die Zimmer mehrfach am Tag vermietet werden, liegt die Auslastungsquote der Liebeshotels bei zweihundert Prozent und mehr. Der Japan-Experte Mark West von der Michigan Law School hat einmal kalkuliert, dass etwa die Hälfte aller japanischen Sexualakte in einem Liebeshotel vollzogen werden und demnach ein beträchtlicher Teil des Nachwuchses auch in einem solchen gezeugt wird.

Das klingt ungewöhnlich, ist bei näherem Hinsehen aber nicht erstaunlich. Schon immer war es in Japan schwierig, eine Privatsphäre zu finden. Häuser und Wohnungen hatten fast nie ein eigenes Schlafzimmer, stattdessen wurden abends Schlafmatten ausgebreitet, wo immer sich ein Platz dafür fand. Die dünnen Wände, oft nur aus Papier, trugen dazu bei, das Liebesleben zu erschweren. Als sich Japan in den zwanziger Jahren zum Westen hin öffnete, verschärfte sich die Not. Immer mehr Menschen zogen in die Städte. Billige Pensionen, die man für wenige Yen mieten konnte, kamen in Mode. Prostituierte boten ihre Dienste in sogenannten Teeräumen an. Es gab „Nudelrestaurants“, die kurzfristig Räume für Sex offerierten. Das Geschäft kam während des Zweiten Weltkrieges weitgehend zum Erliegen.

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