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Libidoforschung : Die Lust der Frauen

Sexuelle Probleme sind dennoch häufig. Abhängig von der in Befragungen berücksichtigten Zeitspanne und je nach Alter, Bildungsgrad, Beziehungsstatus sowie Herkunftsland gaben zwischen 22 und 66 Prozent der daran teilnehmenden Frauen an, dass es ihnen an Begierde, Erregbarkeit oder Orgasmen mangelt. Etliche leiden beim Geschlechtsverkehr unter Schmerzen. Ursache für die Probleme kann eine Krankheit wie Diabetes, Depression oder sogar deren Therapie sein. Und ein geringes Selbstbewusstsein kann ebenfalls den Genuss minimieren.

Sexualmediziner und -therapeuten kennen das nur zu gut aus ihrer Praxis. Ihre Patientinnen sind häufig ratlos und verzweifelt. Aber durchaus nicht jede vermisst den Trieb. „Manche Frauen haben Sex, um sich ihrem Partner nahe zu fühlen. Lust ist für sie nicht die Voraussetzung“, sagt Verena Klein vom Institut für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Das lineare, von Masters und Johnson 1966 entwickelte Modell der physiologischen Reaktion sei ohnehin nicht mehr zeitgemäß, die vier darin postulierten Stufen aus Erregung, Plateau-Phase, Orgasmus und Auflösung würden der weiblichen Sexualität nicht gerecht. Die Sexualmedizinerin Rosemary Basson hat deshalb im Jahr 2000 eine Variante vorgeschlagen, die neben der Begierde Intimität stärker berücksichtigt. „Die meisten Probleme entstehen im normalen Kontext der Partnerschaft, die Beziehungsdynamik zwischen zwei Menschen spielt eine wichtige Rolle“, sagt Klein, derzeit Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. „Jahrhundertelang hat man die weibliche Lust kontrolliert und pathologisiert. Und auf einmal sollen sie immer Lust haben?“

Kein Leistungsdruck im Bett

Mit diesem Leistungsdruck wird die in Hamburg arbeitende Therapeutin Ann-Marlene Henning in ihrer Sprechstunde immer wieder konfrontiert. Das Thema steht unter anderem im Mittelpunkt ihrer Fernsehreihe „Make love - Liebe machen kann man lernen“, die das ZDF an den kommenden beiden Dienstagabenden ausstrahlt. Henning bezweifelt, dass eine Pille die Lösung sein könnte, wenn Frauen nicht wollen. „Nur selten sorgen neurologische Störungen dafür, dass sie nichts spüren. Manche sind erregt, empfinden es aber nicht so: Sie haben einfach keine Lust auf ihren Mann“, schildert Henning ein typisches Problem. Das Paar müsse sich in solchen Fällen neu erkennen und offen miteinander kommunizieren, wie es ihr amerikanischer Kollege David Schnarch empfiehlt. Schnarch hat in mehreren Büchern beschrieben, wie ein Paar dem Verlangen mehr Bedeutung geben oder es vertiefen kann. Dass es irgendwann zu Problemen im Bett kommt, sei sowieso normal.

Wie komplex es dabei im Einzelnen zugehen kann, erläutert Henning anhand des „Sexocorporel“-Modells. Sie bittet ihre Klienten, sich jeweils vier persönliche Kugeln vorzustellen, die sich wie ein Mobile im Raum ausbalancieren. Eine Kugel steht für den Kopf, also die innere Polizei, die sich an Werten orientiert, wie sie etwa die Kirche, die Eltern oder die eigene Erfahrung vermittelt haben. Die zweite Kugel symbolisiert das Paar selbst, mitsamt dem Liebesgefühl; die dritte stellt den Körper mit seinen Genitalien dar, mit seinen Muskeln und Reflexen - eine Art Mechanik der Erregung. Und die vierte, rote, gehört den Emotionen, den Phantasien. „Wie fühlen Sie sich mit Ihrem Geschlecht? Was erregt Sie?“, fragt Hennig dazu ab, jedes Detail sei hilfreich. Und in jeder Kugel könne etwas verändert werden.

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