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Libidoforschung : Die Lust der Frauen

Über Jahrhunderte hinweg wurde die weibliche Lust ignoriert, vermeintliche Nymphomanie gar mit kalten Bädern, Aderlass oder dem Skalpell bekämpft. Im 18. und 19. Jahrhundert vermutete man deren Ursprung in der Klitoris oder in den Eierstöcken, die im Zweifelsfall entfernt wurden, wie die Historikerin Carol Groneman in ihren Beiträgen zur Geschichte der Nymphomanie schonungslos schildert. Erotische Träume, Masturbation, Frivolität und ein gesunder Appetit auf Sex waren Eigenschaften, die nicht dem gesellschaftlichen Ideal entsprachen. Insbesondere pubertierende Mädchen und junge Witwen standen unter Verdacht, dem krankhaften Einfluss ihres Unterleibs zu erliegen. Später nahmen sich die Psychoanalytiker der Sache an und sahen eine gestörte Psyche am Werk, wenn sich Patientinnen allzu umtriebig zeigten. Wahre Erfüllung sah Sigmund Freud einzig im vaginalen Orgasmus während des heterosexuellen Geschlechtsaktes.

Die Vermessung der weiblichen Sexualität

Diese Sichtweise gilt heute mit Recht als antiquiert. Was nicht heißt, dass man das Geheimnis von Lust und Begierde inzwischen restlos gelüftet hätte. Wie sich die verschiedensten Fachdisziplinen daran versuchen, schildert der amerikanische Autor Daniel Bergner in seinem 2014 auf Deutsch erschienenen Sachbuch „Die versteckte Lust der Frauen“. Anthropologen etwa erhoffen sich evolutionsbiologische Hinweise, indem sie das Paarungsverhalten von Bonobos und anderen Affen beobachten. Stoffwechselforscher nehmen sich Kaninchen oder Ratten vor, um Konzentrationen der Sexualhormone Testosteron und Östrogen, Blutfluss und weitere Parameter in einen Zusammenhang mit der Libido zu bringen. Psychologen wie Soziologen spüren dem vermeintlichen Unterschied zwischen Mann und Frau nach, indem sie etwa die üblichen Speed-Dating-Regeln ändern: Müssen plötzlich die Frauen in einer Männerrunde rotieren, stimmen sie eher einem weiteren Treffen zu, als wenn sie wie sonst auf einem Platz hocken bleiben.

Erregungsmuster lassen sich anhand physiologischer Messdaten analysieren, die unter anderem zeigen, dass der Anblick nackter Gliedmaßen oder pornographischer Handlungen durchaus auf den weiblichen Körper wirkt, obwohl die Frauen das selbst vielleicht ganz anders wahrnehmen. Physische Erregung, die sich im Genitalbereich mit Feuchtigkeit und verstärkter Durchblutung bemerkbar macht, muss nicht zwangsläufig ein Lustempfinden bedeuten.

Vorlieben, genetisch betrachtet

Gleichsam wird die mögliche Vererbung unter die Lupe genommen: Genetiker rücken der weiblichen Libido in klassischen Zwillingsstudien zu Leibe und spürten so bereits eine Reihe von Erbinformationen auf, die mit abweichendem Sexualverhalten oder Erregbarkeit in Verbindung gebracht werden. Einige dieser Gene regulieren die Wirkung anregender oder hemmender Botenstoffe im Gehirn. Zum Beispiel beeinflussen Varianten der Dopamin-Rezeptoren offenbar, wann das erste Mal passiert, wie viele Sexualpartner eine Frau hat, wie stark ihr Verlangen ist und wie leicht sie einen Orgasmus erlebt. Andererseits muss es nicht immer zum Höhepunkt kommen, damit sich eine Frau sexuell befriedigt fühlt. Sie kann sich auch ohne ausreichend beglückt fühlen.

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