https://www.faz.net/-gwz-862q2

Libidoforschung : Die Lust der Frauen

Dass weibliche Lust facettenreich, individuell und eigentlich nicht zu fassen ist, wissen die Séparée-Chefredakteurinnen Ute Gliwa und Janina Gatzky. Die Freundinnen, beide Anfang 40, haben sich vor zwei Jahren spontan entschlossen, ein Erotikmagazin für Frauen herauszugeben, inzwischen ist Heft Nummer 5 im Handel. In überraschend offenen Gesprächen und aus Briefen erfahren sie so einiges über die Intimsphäre ihrer Leserinnen und Leser. Wünsche werden darin klar formuliert. „Wir wollen inspirieren, aber niemandem etwas aufzwingen“, erklärt Ute Gliwa das Konzept. Ein Thema wie „der weibliche Beckenboden“ wird zwar relativ technisch angegangen, doch man will weniger den Ratgeber spielen, sondern anregen. Und sympathische Kerle nackt zeigen. „Zum Beispiel schön ins Licht gesetzt auf einem Segelboot“, freut sich Gliwa über ein gelungenes Shooting auf der Spree. Wünschen sie es, erhalten Abonnenten ihr Exemplar im blickdichten Umschlag; das Magazin mit 20.000 Auflage verkauft sich aber auch frei im Bahnhofsbuchhandel ganz gut. Offenbar kommt das Motto an: Eine Frau soll tun, was ihr gefällt - nicht irgendetwas, um dem Mann zu gefallen.

Streit um die Lustpille

Was Frauen wirklich wollen, ist eine Frage, die schon zahlreiche Bücher mit möglichen Antworten zu Bestsellern gemacht hat. Heute stellt sie sich neu. Unter anderem den Pharmazeuten: Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA erwägt gerade, eine Lustpille für die Frau zuzulassen. Sie firmiert salopp als „Pink Viagra“, obwohl sie ganz anders wirkt als die Potenzpille für den Mann. Die Substanz Flibanserin fördert nicht den Blutfluss in das Geschlechtsorgan, sondern greift über Serotonin- und Dopamin-Rezeptoren in die Hirnchemie ein, soll so den Unterleib beeinflussen. Nach einer aktuellen Erhebung würden knapp zwei Drittel der befragten Deutschen eine Zulassung begrüßen. Aber es gibt auch skeptische Stimmen. Die Frankfurter Soziologin Margrit Brückner beispielsweise befürchtet, dass den Frauen durch solche Mittel ein sexueller Erfolgsdruck aufgebürdet wird. Kein unbegründeter Verdacht: In der Umfrage sprachen sich deutlich mehr Männer als Frauen für die Lustpille aus, die täglich einzunehmen wäre und nicht nur bei Bedarf.

Sex, und wie steht es um die Partnerschaft?

Flibanserin war ursprünglich als Antidepressivum gedacht, weitere Substanzen mit ähnlichem Ansatz sind in der Entwicklung. Sie werden teilweise mit dem Hormon Testosteron kombiniert. Welche grundlegende Rolle dieses für weibliche Sexualität und Erregung spielt, untersucht Biochemiker Abdulmaged Traish an der Boston University School of Medicine. Bedenken, dass Lust beziehungsweise die sexuelle Dysfunktion zu einem rein biochemischen Problem reduziert werden könnte, hat er nicht. Natürlich müsse man die Beziehung berücksichtigen: „Was nützt ihr alle Lust, wenn sie in einer schlechten Partnerschaft lebt?“ Käme jetzt ein erstes Hilfsmittel auf den Markt, das in der Anwendung sicher sei, hätten Frauen zumindest eine Wahl. Und wer, wenn nicht die Frauen selbst, sollten sich wünschen, dass ihre Sexualität und etwaige Schwierigkeiten endlich erforscht und ernst genommen werden?

Weitere Themen

Literarische Triebabfuhr

Roman von Corinna T. Sievers : Literarische Triebabfuhr

Corinna T. Sievers hat einen Roman über eine nymphomane Zahnärztin geschrieben. „Vor der Flut“ soll provozieren, schlingert aber nur zwischen Geschmacklosigkeit und unfreiwilliger Komik durch die Feuchtgebiete der Genreliteratur.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.