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Soziale Netzwerke : Zur Sache, Schätzchen

  • -Aktualisiert am

Ob Skype, Facebook oder Chatroulette: Die Kanäle zur Kontaktaufnahme sind zahllos. Bild: AP

Da hilft keine App: Wer nur das eine will, kommt auch im Internet nicht ums Kommunizieren herum. Aber auch da gibt es wichtige Details zu beachten.

          Die Anbahnung sexueller Kontakte verlangt, auch wenn es am Ende um Körperliches geht, zunächst soziales Geschick. Das gilt vor allem dort, wo die allzu direkte Mitteilung entsprechender Interessen aus dem Rahmen fallen würde, zum Beispiel im Büro. Aber auch in Situationen, die nach allgemeiner Einschätzung vor allem der Erleichterung der Kontaktaufnahme dienen, wird erwartet, dass man sexuelle Motive zurückstellen oder zumindest verschleiern kann: In der Disco und selbst beim arrangierten Date steht üblicherweise vor dem körperlichen das kommunikative Abtasten.

          Wem dies lediglich als lästiges Beiwerk, als Mittel zum Zweck erscheint, fragt sich, ob es nicht auch einfacher ginge. Andere schätzen gerade die dadurch erzwungene Sensibilität für die soziale Situation, die sich in Flirten, Koketterie und kleinen Aufmerksamkeiten niederschlägt. Der Zugang zur Sexualität erscheint auf diese Weise zwar erschwert, aber auch verfeinert. Ob der Partner eher am direkten oder indirekten Weg interessiert ist, muss kommunikativ ausgelotet werden.

          Was aber, wenn man bereits wüsste, dass beide Seiten auf diesen Aspekt verzichten könnten? Dies setzt eine entsprechende Rahmung der Situation voraus, die den Beteiligten das langwierige Manövrieren in den Bereich sexueller Interessen abnimmt. Einen solchen Rahmen kann ein Ort bieten, der entsprechend unzweideutig ist. Im „Swinger-Club“ wird sich niemand beschweren, wenn man sexuelle Interessen unterstellt. Doch selbst dort sind offenbar noch besondere Vorkehrungen nötig, um die ungewöhnlich direkte Anbahnung sozialverträglich zu gestalten, zum Beispiel durch Masken oder schummrige Beleuchtung.

          „casual hook-ups“

          Eine vergleichbar eindeutige Rahmung kann auch durch virtuelle Räume bereitgestellt werden. Ein Beispiel hierfür ist das soziale Netzwerk „Grindr“, das sich erfolgreich auf Kontakte zwischen Homosexuellen spezialisiert hat. Genauer: Die Funktionen und die Aufmachung der Plattform lassen wenig Zweifel daran aufkommen, dass es hier vor allem um sexuelle Kontakte geht. Benutzerprofile liefern Informationen über Aussehen und Vorlieben potentieller Kontakte. Und durch die GPS-Funktion des Smartphones ist es möglich, schnell und effektiv Gleichgesinnte zu finden, die sich in der Nähe aufhalten.

          Eine kürzlich erschienene Studie von französischen Soziologen um Christian Licoppe zeigt jedoch, dass die Ausrichtung der Plattform auf „casual hook-ups“ nur funktioniert, weil die Nutzer sich an bestimmte Routinen der Konversation halten beziehungsweise Konversation routiniert vermeiden. Eine typische Sequenz verläuft so: Ein Startbildschirm zeigt in einer Art Mosaik die Profilbilder von Nutzern, die sich in der Nähe aufhalten. Durch einen Klick kann ein „Chat“ gestartet werden. Lässt man sich auf einen solchen ein, ist allerdings kein Small Talk gefragt. Sehr schnell werden vielmehr die Präferenzen abgeglichen und wird geprüft, ob es sich tatsächlich um einen „Treffer“ handelt. Die Protokolle der Chats erinnern dementsprechend eher an Checklisten als an Gespräche. Es wirkt, als setzten die Teilnehmer alles daran, auf den Austausch von Freundlichkeiten zu verzichten.

          Die Umwege und Verschleierungen, die klassische Gelegenheiten der Kontaktanbahnung auszeichnen, werden also weitgehend eingespart. Die detaillierte Untersuchung der Chatsequenzen zeigt, dass die Möglichkeit, in ein unverbindliches, nettes Gespräch abzugleiten, dennoch stets präsent bleibt. Das Medium des Chats wird zu einer Art Falle, die zu sprachlichen Mitteilungen zwingt und damit zu einem schrittweisen Prozessieren von Informationen. Was man nicht aussprechen beziehungsweise schreiben kann, das kann man aber in diesem Medium auch nicht mitteilen. Der aufreizende Blick oder die ermunternde Geste entfallen ersatzlos und damit die Möglichkeit, sich schnell und stillschweigend zu verständigen.

          Sparsame Dialogregie

          Stattdessen ermuntert der Chat durch die Anlehnung an das alltägliche Gespräch dazu, Informationen zu teilen und eine persönliche Beziehung aufzubauen. Dies aber ist nach Ansicht der Grindr-Nutzer nicht Ziel der Transaktion. Der schematisierte Ablauf hat daher die Funktion, das Entstehen von persönlichen Beziehungen zu verhindern. Es gilt als unerwünscht, persönliche oder biographische Details mitzuteilen. Wer sich nicht daran hält, gilt schnell als Quasselstrippe und Zeitverschwender.

          Kulturpessimistisch gestimmt, könnte man angesichts dieser Beobachtungen den Verlust jener verfeinerten Kommunikationsformen beklagen, die wir mit der Anbahnung intimer Kontakte assoziieren. Auch im heterosexuellen Milieu gibt es bereits entsprechende Angebote. Nüchtern betrachtet, schützt die sparsame Dialogregie aber wohl vor allem davor, dass zu viel Kommunikation nicht nur zum Einfallstor für vertiefte Beziehungen, sondern auch für Täuschung wird. Wer sich nicht bequatschen lässt, minimiert das Risiko, dass es bei der tatsächlichen Begegnung ein böses Erwachen gibt.

          Licoppe, Christian; Rivière, Carole Anne; Morel, Julien (2015): Grindr casual hook-ups as interactional achievements. In: New Media & Society (online first), S. 1-19.

           

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