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Die Zerstörung der Ozonschicht ist gestoppt. Und nun? : Die Heilung des Ozonlochs

Das freut den Globus: Die Zonen fehlenden Ozons (blau) werden in Zukunft wieder kleiner. Hier eine Messung aus dem Jahr 2002 als das Ozonloch über der Antarktis zwischenzeitlich in zwei Bereiche zerfiel. Bild: Nasa

Die Regierungen der Welt haben die irdische Ozonschicht gerettet. Das hat auch Folgen für die Klimaproblematik. Allerdings wohl keine für die Klimapolitik.

          Der am vergangenen Mittwoch veröffentlichte Bericht zur Ozonschicht ist ein historisches Dokument. Erstellt von der World Meteorological Organization (WMO), belegt er, was sich schon länger andeutet: Der Zersetzung jener Schicht in 25 Kilometern Höhe, die Erdbewohner vor der gefährlichen UV-Strahlung schützt, wurde Einhalt geboten. Zwar werden sich noch lange gegen Ende jedes Polarwinters über der Arktis und vor allem der Antarktis Ozonlöcher auftun. Das ist seit den frühen 1980er Jahren so, als sich zeigte, dass der zuvor theoretisch vermutete Ozonabbau Realität ist. Doch vom Jahr 2000 an sind die Löcher nicht mehr größer geworden. Etwa 2050 wird im Norden der Zustand von 1980 wiederhergestellt sein, um 2075 herum auch über dem Südpol.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zu verdanken ist dies dem 1987 beschlossenen Montreal-Protokoll, das die Produktion einer Reihe flüchtiger Kohlenstoffverbindungen mit den Halogenen Chlor und Brom global verbot. Diese auch als FCKW bezeichneten und früher als Treib- oder Kühlmittel verwendeten Gase zersetzen das stratosphärische Ozon, verbrauchen sich dabei aber erst in Jahrzehnten. „Nun sehen wir, dass die Konzentration dieser Substanzen zurückgeht“, sagt der Atmosphärenphysiker Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut für Meeres- und Polarforschung, einer der Autoren des WMO-Berichts. „Wenn die Regelungen weiter eingehalten werden, können wir davon ausgehen, dass der Spuk in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts vorbei ist.“

          Montreal half auch dem Klima

          Das hätte dann wiederum Konsequenzen fürs Klima, denn die mit Bann belegten FCKW sind gleichzeitig potente Treibhausgase. Das gilt aber auch für die Ersatzstoffe, die damals schnell zu Hand waren. Schon 1976 fand der amerikanische Chemieriese DuPont Ersatz für sein Produkt Freon und ließ ihn 1980 in Erwartung guter Geschäfte patentieren. Bis 1987 folgten mehr als zwanzig weitere Patente. Dabei ersetzte man häufig vollhalogenierte durch teilhalogenierte Substanzen. „Doch die haben eine kürzere Lebensdauer und damit ein verringertes Treibhausgaspotential“, erklärt Markus Rex. „Wenn man von daher die klimaschützende Wirkung des Montrealer Protokolls mit der klimaschützenden Wirkung des Kyoto-Protokolls vergleicht, stellt man fest, dass Montreal das Klima um ein Vielfaches wirksamer geschützt hat.“

          Nun hat aber auch der Ozonabbau selbst Auswirkungen aufs Klima. Denen entzieht Montreal nun langsam die Grundlage – mit durchaus gemischten Folgen. „Die Ozonschicht ist integraler Teil des Klimasystems“, sagt Rex. „Beide wechselwirken miteinander, und das in beide Richtungen. So ist die Bildung des Ozonlochs über der Antarktis eine große Störung im Klimasystem, welche die Klimaänderungen in der Südhemisphäre sogar dominiert hat.“

          Ozon wandelt das UV-Licht, das es absorbiert, in Wärme um. Bildet sich nun ein ausgedehntes antarktisches Ozonloch, fällt diese Heizung nun aus. Die Luft dort kühlt daher großflächig ab, wird dichter, sinkt ab und verstärkt die sowieso schon existierende Tiefdruckzone und damit die zonalen Luftströmungen, was die Antarktis von der Wärme aus dem Norden isoliert. „Daher trotzt die Antarktis dem globalen Erwärmungstrend“, sagt Rex. „In der Antarktis ist es, außer im Gebiet der antarktischen Halbinsel, sogar etwas kälter geworden. Und das liegt am Ozonloch obendrüber.“ Die Verstärkung der zonalen Strömung führe aber auch dazu, dass im Südosten Australiens eher die trockene Luft aus dem Inland ankommt statt die feuchte vom Meer. Das trägt zu der Dürre dort bei. Auch die sei also vom Ozonloch mit hervorgerufen worden.

          Australien freut sich doppelt

          Die von gestiegenen Hautkrebsraten geplagten Australier können sich also über die Trendwende doppelt freuen, die der WMO-Bericht jetzt verkündet. Markus Rex sieht nun aber auch ein mögliches neues Problem: „Neunzig Prozent der Landeismassen liegen in der Antarktis im Kühlschrank des Ozonlochs. Und diesen Kühlschrank schalten wir jetzt ab. Das kann schon dazu führen, dass sich nun auch die Antarktis erwärmt oder die Erwärmung nachholt, die das Ozonloch bisher unterdrückt hat.“ Umgekehrt gibt es auch eine Wirkung des Klimas auf das Ozon. „Die Klimaänderung, die wir derzeit beobachten, führt dazu, dass die Erholung der Ozonschicht schneller ablaufen wird, als wir das aus rein chemischen Gründen erwarten würden“, erklärt Rex. Ozon wird vor allem in den Tropen und Subtropen produziert und von dort in höhere Breiten transportiert. „Wenn es nun mehr wärmere, feuchtere und damit energiehaltige Luft gibt, werden die Wettersysteme dynamischer und der Transport intensiviert“, sagt Rex. „Das wird dazu führen, dass die Ozonschicht über Europa am Ende des Jahrhunderts dicker sein wird, als sie es je gewesen ist.“

          Insgesamt aber werden die für Mensch und Umwelt negativen Folgen des, erdgeschichtlich gesehen, rapiden Klimawandels (vor allem der Meeresspiegelanstieg und die Ozeanversauerung) überwiegen, wenn das Treibhausgas CO2 sich weiter in der Atmosphäre anreichert.

          Kohlendioxid ist leider ein völlig anderer Fall

          Nicht wenige Klimaaktivisten werden jetzt im Erfolg beim Ozon ein Argument dafür sehen, dass auch das Klimaproblem durch internationale Vereinbarungen in den Griff zu bekommen sein müsste. Doch die beiden Probleme sind überhaupt nicht vergleichbar. Der Unterschied ist der zwischen einem zentralen Energieträger und ein paar Spartenchemikalien, die schnell und ohne Umbau irgendwelcher wirtschaftlicher Strukturen auszutauschen waren. „Das schrittweise Verbot der problematischen Gase war längst nicht so ein Problem, wie die Industrie behauptet hat“, stellt dazu der Soziologe Reiner Grundmann fest, der sich an der University of Nottingham mit den Klima- und Ozondebatten befasst. „Ersatzstoffe waren schnell verfügbar, und die ehrgeizig anmutende Reduktionsziele konnten innerhalb weniger Jahre übererfüllt werden. Solche Aussichten gibt es in der Klimapolitik nicht.“

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