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Beschleunigte Krise : So schlimm steht es um das Artensterben

Reservate sind die letzten Rückzugsräume: Ein Bengaltiger im indischen Nationalpark Kaziranga. Bild: AFP

Neue Berichte dokumentieren die dramatische Krise der Lebensvielfalt: In wenigen Jahrzehnten sind die Wirbeltierbestände weltweit um fast zwei Drittel geschrumpft. Und die Aussichten sind alles andere als rosig.

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          Alles wie gehabt: Die Weltwirtschaft wächst, die Vielfalt und Fülle des Lebens auf dem Planeten schrumpfen weiter. In den vergangenen vier Jahrzehnten sind allein die Bestände der Wirbeltiere – Reptilien, Amphibien, Vögel und Säugetiere hauptsächlich – weltweit um durchschnittlich mehr als 60 Prozent zurückgegangen. Jedes Jahr geht es also im Mittel um zwei Prozent bergab. Solche Zahlen und andere, etwa zum weltweiten Ressourcenverbrauch, werden im neuen Living Planet Report 2018 der Umweltstiftung WWF und der Zoologischen Gesellschaft London, die in Berlin vorgestellt wurde.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Angaben zu den Wirbeltierverlusten beruhen auf Daten von rund 16.700 untersuchten Populationen und rund 4000 Wirbeltierarten weltweit. Der Report hat insgesamt mehr fast 3300 Einzelquellen ausgewertet und zusammengefasst, darunter auch lange Monitoringprogramme von Forschern und „Citizen Science“ Projekte, bei denen Laien Tiere zählen.

          Ist der Gartenschäfer zu retten?

          Ein solches Monitoring- und Erfassungsprogramm ist in dieser Woche nach einer monatelangen Diskussion um das Insektensterben mit dem vom Bund mitfinanzierten Projekt „FInAL ‒ Förderung von Insekten in Agrarlandschaften“ in Deutschland gestartet worden. Ausgangspunkt waren Feldstudien ehrenamtlicher Forscher, die die breite Masse und auch die Ministerien aufgeschreckt haben, wonach in Teilen Deutschlands jedenfalls  in den letzten 30 Jahren etwa drei Viertel der Wildbienen, Schmetterlinge, Fliegen und Käfer verloren gegangen sind.

          Im Würgegriff menschlicher Zivilisation: Ein Krokodil im indonesischen Palu.

          Überwachen und monitoren genügt vielen Forschern aber nicht mehr: In Deutschland gibt es durchaus auch Ansätze, mit wissenschaftlich fundierten Projekten und zusammen mit Naturschützern der Biodiversitätskrise entgegen zu wirken. So haben Biologen angekündigt, den Gartenschläfer vor dem Aussterben retten zu wollen. Das nachtaktive Nagetier habe in den vergangenen Jahrzehnten einen großen Teil seines Verbreitungsgebietes in Europa verloren, in einigen Regionen sei es bereits ausgestorben, teilten Biologen der Universität Gießen jetzt mit. Forscher aus Gießen werden in den kommenden sechs Jahren gemeinsam mit der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland mögliche Ursachen für den Rückgang der Gartenschläfer-Bestände untersuchen – unter anderem genetische Verarmung, Krankheiten oder Einflüsse der Klimaveränderung.

          Wie dramatisch die Artenkrise in vielen Regionen mittlerweile ist, zeigen auch jüngste Forschungsberichte aus Haiti. Die Karibikinsel gilt als die am stärksten entwaldete Insel der Welt: 99,6 Prozent der Regenwälder des Landes sind mittlerweile gerodet. Ende der achtziger Jahre waren immerhin noch 4,4 Prozent der Urwaldrestflächen und Rückzugsgebiete für Tiere und Pflanzen erhalten, mittlerweile sind 42 der 50 größten Regenwaldbergregionen komplett waldfrei. Mit der Beschleunigung des Lebensraumverlustes hat auch das Massensterben der vielen nur dort lebenden endemischen Tier- und Pflanzenarten begonnen. In zwanzig Jahren sei der Rest Urwald auf der großen Insel endgültig abgeholzt, warnen Wissenschaftler. Noch wissen die Biologen, die kürzlich über die gravierenden Regenwaldeinbußen in der Fachzeitschrift der amerikanischen Wissenschaftsakademien berichtet haben, nicht exakt die Zahl, wie viele der Organismen auf der Insel akut bedroht sind, doch:„Das Massensterben hat definitiv begonnen“, berichteten die Experten der University of Oregon nach ihren Untersuchungen.

          Ein Schopfaffe im Tangkoko-Reservat auf der Insel Sulawesi.

          Evolutionsbiologen sprechen längst von der sechsten globalen Aussterbekrise, die dem Planeten nun in seiner mehr als dreieinhalb Milliarden Jahre währenden biologischen Evolution widerfährt. Die vorhergehende, fünfte Aussterbekatastrophe, die das Ende der Dinosaurierherrschaft auf der Erde markierte, ist schon mehr als 65 Millionen Jahre her. Die sechste, nun menschengemachte Aussterbewelle könnte in der Dimension diesem ökologischen Darama damals in nichts nachstehen. Dänische Forscher der Universitäten von Aarhus und Göteborg haben kürzlich ebenfalls für das Fachblatt der amerikanischen Wissenschaftsakademie ausgerechnet, dass die Einbrüche in der Lebensvielfalt einschneidende Wirkungen für Abertausende Generationen haben wird.

          Schreitet die Schrumpfung in den nächsten fünfzig Jahren voran wie bisher, werden so viele Säugetiere ausgerottet sein, dass der Planet mutmaßlich drei bis Millionen Jahre brauchen wird, um – vorausgesetzt man lässt die Natur dann gewähren – annähernd wieder einen organismischen Reichtum hervorzubringen, wie ihn der moderne Mensch die längste Zeit antreffen und bewundern konnten. Fünf bis sieben Millionen Jahre würde es theoretisch sogar in einer ökologisch „wiederbelebten“ Erde dauern, soll eine Säugetiervielfalt das Ziel sein, wie sie vor der Massenausbreitung des Homo sapiens und den ersten Vernichtungswellen des Menschen auf dem Planeten herrschte. Ein eher unrealistisches Szenario. Fazit der Forscher: Das Aussterben auf dem Planeten geht längst zu schnell, als dass Natur und Evolution da  noch Schritt halten könnten.

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