https://www.faz.net/-gwz-7rk0g

Ökosysteme im Umbruch : Die Reisekrankheit der Meere

Kleinfischer im Mittelmeer Bild: Christos Maravelias

Biologen sehen einen „Regimewechsel“ in den Meeren: Arten verdrängen sich, Fische verschwinden, wärmeliebende Tiere ziehen nach Norden. Neue Langzeitstudien dokumentieren den Wandel. Aber nicht immer ist das Klima schuld.

          Als die Besatzung eines Zollschiffes vor knapp einer Woche zum ersten Mal gleich zwei Buckelwale am Eingang der Flensburger Förde in der Nähe des Leuchtturms sichteten und eine halbe Stunde lang beim Spiel im Wasser beobachteten, wurde das nicht unbedingt  als große Sensation registriert. Schon 2003 und 2008 hatten Vertreter dieser gut dreizehn Meter großen Bartenwale mit den extragroßen Flossen einen Absteccher aus dem Nordatlantik gemacht, auch aus den Jahren 1978 und 1766 gibt es gesicherte Sichtungen. Dennoch hat der Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Harald Benke, der Nachrichtenagentur dpa gegenüber auf einen wichtigen Hinweis gegeben. „Dass zwei Tiere zusammen gesichtet wurden, hatten wir noch nie.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Natürlich kann es sich bei den beiden Buckenwalen wie früher vermutlich schon um verirrte Einzelgänger gehandelt haben. Möglicherweise ist das Vorpreschen aber auch  Ausdruck einer weiteren Erholung der Buckelwal-Bestände im Nordatlantik, wo seit ein par Jahrzehnten die weltweit gesehen kleinste, allerdings auch wachsende Population lebt. Was auch immer der Grudn für den doppelten Walbesuch in der Förde war, unbestritten ist, dass der Besuch des Buckelwalduos mit gravierenden Veränderungen in der Meeresfauna - und -flora - zusammenfällt.

          Immer mehr Langzeituntersuchungen deuten auf diesen Wandel hin. Die Nebenmeere,oft nährstoffärmer als die großen Ozeane und ohnehin stärker den menschlichen Einflüssen ausgesetzt, verändern sich rapide - und werden verändert. Die Auswirkungen sind auf den oberen Stufen der Nahrungsleiter angekommen.

          Der winzige Einsiedlerkrebs Diogenes pugilator breitet sich in der Nordsee aus.

          Das Forschungsinstitut Senkenberg in Frankfurt und das institutseigene Senckenberg am Meer hat das jetzt mit Zwanzig-Jahre-Zeitreihen in der Nordsee dokumentiert. Der Kabeljau etwa zieht ab, ein kälteliebender Fisch, an dem vor allem die Fischwirtschaft interessiert ist. Statt dessen zieht es immer wieder wärmeliebende, subtropische Arten in den Norden, auch Haie gelegentlich. Noch viel deutlicher als mit solchen Gelegenheitsfunden lässt sich der Wandel aber mit den Studien belegen, die der Frankfurter Zoologe Michael Türkay regelmäßig seit zwei Dekaden vornimmt.  Beispielsweise mit jenen Resultaten, aus der „Helgoländer Tiefen Rinne“, über die er in den Zeitschriften „Marine Biodiversity“ und „Helgoländer Marine Research“ berichtet. Mit dem Forschungskutter des Instituts werden dort regelmäßig an vierzig Stellen in der mittleren Nordsee Proben genommen. Ergebnis: Die Zusammensetzung der Fauna hat sich massiv verändert, die Vielfalt hat abgenommen und die Bestände haben sich zugunsten einiger wärmeliebender Arten vereinheitlicht. Von einem „Regimewechsel“ spricht Türkay: „Die früher stabilen Grenzen zwischen den unterschiedlichen Faunenregionen verschieben sich.“

          Insbesondere seit 2000 soll sich der Anteil der Warmwasserarten massiv vergrößert haben. Unter den 41 desammelten Krebsarten ist es beispielsweise die ozeanische Schwimmkrabbe, Liocarciusdepurator, die von einem Einzelfund zu einem dominanten Element der Fauna der Region geworden ist. Gleiches gilt für den winzigen Einsiedlerkrebs Diogenes pugilator.  Der Winzling aus dem Mittelmeer und dem Atlantik, nicht einmal einen halben Zentimeter groß, hatte 2002 die Deutsche Bucht erreicht, verbreitete sich danach schnell vor Wangerooge, und wird jetzt als fester Bestandteil der Nordseefauna betrachtet.

          Erträge eines Kleinfischers.

          Für die Veränderungen macht Türkay wie das Gros seiner Kollegen vor allem den beschleunigten Klimawandel verantwortlich. Ein paar zehntel Grad Erwärmung im Schnitt verändern speziell die räumlich stärker abgeschottenen Biotope schneller. Doch es ist nicht nur die Erwärmung, die für spürbare Veränderungen in den Meeren sorgen. In der Zeitschrift „Current Biology“ hat jetzt eine Gruppe griechischer Fischereibiologen für das Mittelmeer Alarm geschlagen: Die Fischfauna schrumpft rapide, heisst es in der Studie, in der ebenfalls Langzeitdaten aus zwanzig Jahren eingeflossen sind. Paraskevas Vasilakopoulos vom Hellenischen Zentrum für Meeresforschung und seine Kollegen haben das Wissen über die Entwicklung bei neun Fischarten in einer Metastudie über 42 Mittelmeerfanggebiete ausgewertet. Darunter die wirtschaftlich wichtigsten Arten, Seehecht oder Meeräsche etwa.

          Das Ergebnis der Studie  ist auch ein Nackenschlag für die EU-Fischereipolitik. Während man sich im Nordostatlantik in der Vergangenheit für ein nachhaltiges Management und einigermaßen stabile Bestände eingesetzt habe, sei das Mittelmeer fischereipolitisch schlichtweg vergessen worden. Jedenfalls verlaufen die Veränderungen dort ähnlich dramatisch wie vor mehr als einer Dekade im Atlantik: Die Fischer ziehen mit ihren Netzen immer jüngere und kleinere Fische aus dem Meer. Das gefährdet die Fischpopulationen auf lange Sicht massiv. Die Vermutung, warum die Brüsseler Bürokratie bisher nicht energischer eingeschritten hat, liegt für die griechischen Biologen auf der Hand: Entlang der Mittelmeerküsten wird die Fischerei zu mehr als neunzig Prozent von kleinen Unternehmen betrieben. Die sind auch die wichtigsten Versorger der Tourismusregionen und damit der Reisenden aus aller Welt.  Den Kleinfischern, so mutmaßen die Wissenschaftler,  will man allzu strenge Auflagen ersparen. Das Ergebnis der kumulierten Kleinfischerei ist indes nicht weniger dramatisch wie die großindustrielle Ausbeutung: Die Populationen schrumpfen und die Zusammensetzung der Ökosysteme ändern sich.

          Weitere Themen

          Nachwuchs in Gefahr

          Korallen : Nachwuchs in Gefahr

          Die bunten Nesseltiere sind überall auf der Welt bedroht. Nun scheint auch noch ihre innere Uhr aus dem Takt geraten - das macht ihnen die Fortpflanzung unmöglich.

          Ein Volksheld wider Willen

          Sigmund Jähn ist tot : Ein Volksheld wider Willen

          Er schrieb für die DDR Weltraumgeschichte, war stets bescheiden und wurde deshalb von Generationen besonders verehrt: Der erste deutsche Raumfahrer Sigmund Jähn ist mit 82 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Welche Zukunft hätten Sie gern?

          Wer Klimaschutzpolitik als Kampf zwischen den Generationen etikettieren will, ist schief gewickelt. Die Zahl besorgter Eltern und Großeltern, die vergangenen Freitag an der Seite von Kindern und Enkeln auf die Straße gingen, war beachtlich. Der ganzen Debatte fehlt es an Optimismus.

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.