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Die Macht der Einbildung : Ein Placebo ist die beste Medizin

Man muss nur fest dran glauben: Tabletten schlagen unter Umständen auch an, wenn sie gar keinen Wirkstoff enthalten. Bild: Getty

Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzen sollte, stände nicht nur die Schulmedizin vor einem Scherbenhaufen. Sondern auch die alternative Heilkunde. Beide sind in einem fundamentalen Irrtum gefangen.

  • -Aktualisiert am

          Es gibt epochale Revolutionen in der Wissenschaft, die auf fatale Weise unbemerkt bleiben, und es könnte sein, dass uns dies auch aktuell gerade widerfährt. Wie tragisch solche Fälle sein können, dokumentiert eine Entdeckung von Antoni van Leeuwenhoek aus den Frühzeiten der Mikroskopie. Schon am 17. September 1683 fertigte er Zeichnungen von Mikroben an. Obwohl damals durchaus bereits Theorien einer Verbreitung von Krankheiten von Mensch zu Mensch vorlagen, dauerte es nicht weniger als zweihundert Jahre, bis man die entscheidenden Schlussfolgerungen zog. Als Joseph Lister 1867 die Hypothese aufstellte, die hohe Sterberate nach Operationen werde durch Infektionen verursacht, war dies noch ein Schenkelklopfer der Zunft. Man wusch sich nicht vor, sondern nach Operationen die Hände. John Hughes Bennett, ein führender Mediziner der Zeit, meinte dazu: „Wo sind diese kleinen Biester? Zeigen Sie sie uns, und wir werden daran glauben. Hat sie bisher schon irgendwer gesehen?“

          Man sah es also, aber man verstand es nicht. Dasselbe geschieht, wenn auch auf ganz andere Weise, momentan mit einer grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnis aus den vergangenen zwei Jahrzehnten, und zwar zum Phänomen des Placebo-Effektes. Die Abgelegenheit des Forschungsgebiets ist sicherlich selbst ein Faktor. Ein zweiter, gewichtigerer Grund ist die negative gesellschaftliche Besetzung des Begriffs „Placebo“ als „Täuschung“. Nicht zuletzt stellen die Erkenntnisse herrschende, anerkannte und populär unhinterfragte Konzepte von „eingebildeten Kranken“ oder „psychosomatischen Beschwerden“ in Frage, sie provozieren aber vor allem die noch weitaus mächtigere Eigenwahrnehmung von Schulmedizin, alternativen Heilmethoden, pharmazeutischer Industrie und so fort. Worum geht es genau?

          Placebo-Wirkungen sind allgemein bekannt: Es handelt sich um positive körperliche Effekte, die sich bei Scheinbehandlungen einstellen. Während man diese Effekte in der Medizin früher als kognitive Illusionen missverstand, haben aktuelle, vor allem neurowissenschaftliche Untersuchungen ebenso umfangreich wie präzise die biophysiologische Realität dieser Wirkungen nachgewiesen. Die Vortäuschung einer Behandlung (die sogenannte „Bedeutungswirkung“) erzeugt ebenfalls biophysiologische Effekte im Körper, die derjenigen einer echten Behandlung ähneln.

          So weit, so gut. Bis hierhin gleicht die Situation derjenigen nach der Sichtbarmachung der Mikroben durch van Leeuwenhoek. Entscheidend sind aber die Implikationen dieser Erkenntnisse – und die werden kaum wahrgenommen oder verbleiben in den Erkenntnistunneln wissenschaftlicher Spezialdisziplinen.

          Die neue Sicht der Dinge fordert unsere Wissensordnung heraus

          Wie weitgehend die neue Sicht der Dinge aber unsere Wissensordnung herausfordert, weit über die Sphäre der Medizin hinaus, bleibt unerkannt. Die gewichtigen Implikationen lassen sich aber schnell aufzeigen, indem man die einschneidenden Folgen dieses neuen Wissens auf die verschiedenen Positionen der einzelnen Disziplinen loslässt und hinterfragt, was sich dann verändert – und man wird sehen, es verändert sich fast alles.

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