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Die Macht der Einbildung : Ein Placebo ist die beste Medizin

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Wir sehen es, verstehen es aber noch nicht

Die erstaunliche Inkonsistenz des geltenden Rechts und allgemein anerkannter Praktiken wird vollends deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass der Gesetzgeber, aber auch die Öffentlichkeit keinen Widerspruch darin erkennen, dass einerseits der Einsatz von Placebos durch Schulmediziner verboten ist, andererseits die Behandlung von Krankheiten auf der Grundlage von Placebo-Effekten aber gestattet, und zwar dann, wenn möglichst bizarre Ideologien damit verbunden sind, etwa bei Akupunktur oder Homöopathie. Verboten sind Placebo-Effekte dann aber wieder in weitaus weniger kritischen Kontexten. Placebo-Effekte, die man wahrscheinlich besser als positive biodynamische Körperwirkungen bezeichnen sollte, lassen sich ja in allen erdenklichen Umfeldern nutzen. Es ist in vielen Studien nachgewiesen worden, dass Alltagsprodukte allein durch ihre Bedeutungswirkungen in der Lage sind, kognitive Parameter wie Aufmerksamkeit, Kreativität und Denkfähigkeit zu steigern, die athletische Leistungsfähigkeit des Körpers etwa in Hinsicht auf Kraft oder Ausdauer zu verbessern und so fort.

Martin Andree ist International Marketing Director bei Henkel und Medienwissenschaftler. Vor kurzem erschien sein Buch „Placebo-Effekte: Heilende Zeichen, toxische Texte, an- steckende Informationen“, Wilhelm Fink Verlag, München 2018

Es ist wie mit der Entdeckung von Antoni van Leeuwenhoek: Die Tatsachen liegen vor unseren Augen. Es ist offensichtlich, dass die herrschenden Wissensordnungen und Unterscheidungen momentan von einer neuartigen Sicht auf die Dinge bedroht werden, die aufzeigen kann, dass der Status quo auf Irrtümern und Fehlschlüssen beruht. Wir sehen es, verstehen es aber noch nicht. Es ist auch offensichtlich, dass wir es wahrscheinlich nicht verstehen wollen, denn offenbar kommt bei dieser Neuformatierung keine Partei ungeschoren davon. Ein immer wiederkehrendes Symptom bei der Diskussion dieser Erkenntnisse ist, dass Zuhörer häufig versuchen, durch Fragen herauszubekommen, auf welcher Seite man denn nun steht („Schulmedizin“ versus „alternative Medizin“), was illustriert, wie schwer es ist, neue Erkenntnisse produktiv zu nutzen, wenn sie sich nicht plakativ der Eigenwahrnehmung existierender Ideologien zuschreiben lassen.

Wissenschaftliche Impulse innerhalb der Fachdisziplinen haben jedenfalls kaum zu wirklichen Veränderungen in der Praxis und vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung geführt. Der polnische Mikrobiologe und Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck hat diese fatale Selbstimmunisierung etablierter Wissensordnungen bereits 1935 beschrieben: „Das Wissen war zu allen Zeiten für die Ansichten jeweiliger Teilnehmer systemfähig, bewiesen, anwendbar, evident. Alle fremden Systeme waren für sie widersprechend, unbewiesen, nicht anwendbar, phantastisch oder mystisch.“ Dabei wäre die Zeit reif für eine revolutionäre Befreiung der Placebos aus ihrem Nischendasein.

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