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Die Macht der Einbildung : Ein Placebo ist die beste Medizin

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Der Alternativmediziner wird feixen bei dieser Vorstellung, aus den Schulmedizinern bessere Schamanen zu machen. Nehmen wir aber an, der Schulmediziner hätte sich mittlerweile wissenschaftlich aufgeschlaut, dann würde der den Spieß umdrehen. Er würde dem schamanistischen Heilpraktiker erwidern, dass seine Medizin aus zwei Gründen überlegen ist. Erstens, weil sie die somatische und die semantische Dimension miteinander verbindet. Und zweitens, weil der schulmedizinische Schamanismus eben der unendlich bessere Schamanismus ist. Dass nichts schädlicher für den Patienten ist als eine „ganzheitliche“ Behandlung, weil er sich dabei auch als ganzheitlich krank erfahren würde. Dass gerade die therapeutische Eingrenzung der Krankheit, die Behandlung durch besondere Experten und Spezialisten dem Patienten hilft, eine viel stärkere und wirksamere Kontrollillusion auszuprägen, man könne seine Krankheit in den Griff bekommen. Dass die wirkenden Heilrituale der Schulmedizin wenigstens modern und zeitgemäß sind. Und dass das Beste an der angeblich kalten Apparatemedizin eben die phantastischen Placebo-Effekte von sinnfällig surrenden, biependen und vibrierenden wissenschaftlichen Geräten sind.

Das Markenlogo wirkt mit. Auch bei Placebos

Lassen wir den Placebo-Effekt nun auch auf den Lieblingsfeind der Ganzheitlichen los, und zwar auf die Pharma-Industrie. Diese könnte zunächst einmal ihre große Chance wittern, die grassierende Praxis der Generika-Zulassung ein und für allemal auszuhebeln. Denn nach Ablauf des Patentschutzes dürfen Wirkstoffe bekanntlich als Nachahmerpräparate angeboten werden, und zwar dann, wenn sogenannte Äquivalenzstudien nachgewiesen haben, dass die Bioverfügbarkeit des Stoffs im Körper mit dem Original vergleichbar ist. Was solche Studien aber gerade nicht messen, ist die biophysiologische Potenz der Bedeutungswirkung eines etablierten Medikaments. So ist nachgewiesen, dass allein das Logo eines bekannten Schmerzmittels seinerseits messbar schmerzlindernd wirkt (sowohl bei echten Mitteln als auch bei wirkstofffreien Placebos). Das Gesetz ignoriert also die realen therapeutischen Effekte solcher Bedeutungswirkungen, die dann bei Generika den Patienten vorenthalten werden. Deshalb wirken Generika auch nachweislich weniger gut als Originalpräparate, was rein somatisch überhaupt nicht erklärbar wäre. Ein signifikanter Teil der positiven Wirkungen geht für die Patienten verloren, weil der Gesetzgeber solche Bedeutungswirkungen nicht anerkennt.

Es ist faszinierend, dass die Situation für viele Hersteller von Konsumgüterprodukten identisch ist. Das folgende, sicherlich extreme Beispiel ist aus einer empirischen wissenschaftlichen Studie abgeleitet: Nehmen wir an, ein Softdrink-Hersteller würde ein völlig neuartiges, sensationelles Produkt anbieten unter dem Markennamen „Super Oxygenated Water“, das laut der ausgelobten Leistungsangaben auf dem Etikett zu einer Steigerung der athletischen Ausdauer von durchschnittlich 6,5 Prozent führen würde (in der Flasche ist jedoch bloß normales Wasser enthalten). Auch wenn der Hersteller über detaillierte empirische Studien und biologische Messungen verfügt, die diese Leistungssteigerung lückenlos belegen, wären solche Auslobungen rechtlich nicht zulässig, weil diese Wirknachweise auf einen korrelierenden echten Wirkstoff zurückgeführt werden müssen. Obwohl ein solches Produkt allein aufgrund seiner Bedeutungswirkung die versprochene Leistung tatsächlich erbringt, wird diese dem Verbraucher vorenthalten, weil Placebo-Effekte als Wirkprinzip nicht zulässig sind.

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