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Die Macht der Einbildung : Ein Placebo ist die beste Medizin

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Man kann das neue Wissen etwa auf den abstrusen Humbug der alternativen Heilmethoden anwenden: Den Unsinn, dass Menschen homöopathische Mittel zu sich nehmen, von denen sie sogar wissen, dass die gar keinen Wirkstoff enthalten. Oder sich dünne Nadeln in Meridianströme stechen lassen. Dass sie von Fabeltherapien verführt werden, wie Osteopathie, Bio-Resonanzverfahren, Bachblütentherapie, Quantenmedizin, Irisdiagnostik, Kinesiologie. Die Placebo-Forschung zeigt auf: Es ist nichts dahinter. Hier wirken nur Texte, Zeichen, Narrative, die Patienten hinters Licht führen und betrügen.

Die Ärzte unterschieden sich über Jahrtausende von den Quacksalbern allenfalls durch ihre Ignoranz

Das wird den Schulmediziner amüsieren. Aber nicht lange. Denn der Alternativmediziner würde erwidern, dass es nun ausgerechnet empirische, naturwissenschaftliche Studien sind, die nachgewiesen haben, dass Alternativmedizin im Körper der Patienten ebenso reale biophysiologische Prozesse auslöst wie die Schulmedizin, und das alles ohne schädliche Nebenwirkungen, ohne schwierige Eingriffe, ohne Chemie. Jetzt wissen wir endlich, dass die vielfach belegten Heilerfolge alternativer Methoden alles andere als eingebildet waren. Wer heilt, hat recht!

Man könnte das Wissen um Placebo-Wirkungen ferner auf ganze Disziplinen wie etwa die Medizingeschichte hetzen und diese in wenigen Minuten pulverisieren. Die hippokratische Selbstgewissheit: Dahin. Die ganze angebliche Geschichte der Medizin: Eine Farce, weil sie allenfalls noch als Geschichte der Placebos bestehen bleibt, wenn man bedenkt, dass das erste spezifisch wirkende Arzneimittel (Chinin) überhaupt erst zweitausend Jahre nach Hippokrates, im 17. Jahrhundert, entdeckt wurde. Das Undenkbare: Der Ursprung der Medizin, ihr Innerstes, ihr Eigentliches, bestand über Jahrtausende hinweg bloß in Placebo-Effekten, in Schamanismus. Die Ärzte unterschieden sich über Jahrtausende von den Quacksalbern allenfalls durch ihre Ignoranz, im Gegensatz zu diesen nicht einmal zu durchblicken, dass die von ihnen verabreichten Mittel im besten Falle wirkungslos, häufig aber schädlich oder sogar tödlich waren.

Auch das vermeintlich überlegene Feixen des Schulmediziners gegenüber dem Abrakadabra schamanischer Alternativmedizin kollabiert also, weil er in seinen eigenen Therapien eben auch durch exakt denselben Schamanismus heilt. Und gerade diese Sphäre der Wörter, der Zeichen, der heilenden Handlungen ist der somatischen Medizin als esoterischer Hokuspokus stets suspekt gewesen. Der Feind ist also nicht nur im eigenen Haus am Werk, es ist auch fast unmöglich, diesen Feind jemals wieder aus dem eigenen Haus zu vertreiben (es sei denn, es gelänge dem Arzt, Patienten zu behandeln, ohne dass sie diese Behandlung bemerkten).

Mediziner zu besseren Schauspielern ausbilden

Wenn man die Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Placeboforschung ernst nehmen würde, müsste man beispielsweise sofort das Curriculum der medizinischen Ausbildung grundlegend verändern. Wenn durchschnittlich ein Drittel medizinischer Behandlungseffekte auf Placebo-Effekten beruhen, die ausschließlich durch das Theaterstück der therapeutischen Aufführung, seine Requisiten (Stethoskop, weißer Kittel, Ampullen, Kanülen, et cetera) und Rituale hervorgerufen werden, dann müsste man eigentlich zum Wohle des Patienten diese Ärzte zu viel besseren Schauspielern ausbilden.

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