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Ötzis Kupferbeil : Die kostbare Handwaffe des Gletschermanns

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Szene aus dem Film „Der Mann aus dem Eis“, der am 30.11.2017 in die deutschen Kinos kam. Bild: dpa

Wo wurde Ötzis Beil geschmiedet? Von Minen aus der Toskana stammt zumindest das Kupfer. Archäologen sind vergessenen Handelswegen auf der Spur.

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          Der Mann aus dem Eis, 1991 in den Ötztaler Alpen aufgetaut, ist als Mumie viel bekannter geworden, als er zu Lebzeiten je gewesen sein kann. Wenn er derzeit im Kino zum Helden eines Rachedramas wird, ist freilich viel Phantasie im Spiel. Denn wer ihm unweit des Tisenjochs hinterrücks einen Pfeil in die Schulter geschossen hat und warum, lässt sich nach mehr als fünftausend Jahren sicher nicht mehr klären. Wahrscheinlich ist dieser Mann, posthum mit dem Spitznamen „Ötzi“ ausgestattet, aber keinem Raubmord zum Opfer gefallen.

          Ötzi hat aber nicht nur Filmemacher sowie Mediziner und Genetiker begeistert, die den jahrtausendelang tiefgefrorenen Körper samt gut erhaltener DNA eingehend unter die Lupe nahmen. Auch die Kollegen von der Archäologie fanden an dem Mann aus dem Eis ein lohnendes Forschungsobjekt und konnten sich über eine reichhaltige Ausrüstung freuen. Dazu gehört auch eine kupferne Axt. Seinerzeit ein kostbarer Besitz, denn in der frühen Kupferzeit waren Werkzeuge und Waffen gewöhnlich noch aus Stein statt aus Metall gefertigt worden.

          Ötzis Kupferbeil in der Gesamtansicht
          Ötzis Kupferbeil in der Gesamtansicht : Bild: Südtiroler Archäologiemuseum

          Das Kupfer für die Axt kam erstaunlicherweise nicht aus der näheren Umgebung, sondern aus der südlichen Toskana. Möglicherweise sind Wissenschaftler um Gilberto Artioli von der Università di Padova mit dieser Entdeckung bislang unbekannten uralten Handelswegen auf die Spur gekommen.

          Die kupferne Axt aus den Ötztaler Alpen ist weltweit die älteste Metallklinge, die samt Schaft und Stiel erhalten geblieben ist. Zur Herstellung diente einst eine Gussform, die sich auseinanderklappen ließ, um das erstarrte Kupfer herauszuholen. Wie Gebrauchsspuren an der Schneide belegen, wurde die Axt anschließend benutzt, ohne sie zuvor durch mechanische Bearbeitung zu härten. Offenbar wurde mit Absicht darauf verzichtet. Die Kunst des Schmiedehandwerks war zwar schon weit genug gediehen, um Dolche oder Schmuck herzustellen. Bei Äxten hatte sich aber das nicht gehärtete und deshalb weniger spröde Metall als vorteilhafter erwiesen.

          Das Kupferbeil Ötzis mit markanten Gießereidefekten an der Kralle des Metallwerkzeugs.
          Das Kupferbeil Ötzis mit markanten Gießereidefekten an der Kralle des Metallwerkzeugs. : Bild: Gilberto Artioli

          Gemeinsam mit Fachleuten des Südtiroler Archäologiemuseums in Bozen und der Universität Bern studierten die Forscher aus Padua die chemische Zusammensetzung der kupfernen Axt. Aus einem bereits vorhandenen Riss durften sie eine winzige Materialprobe herausschaben, insgesamt 6,7 Milligramm. Mit speziellen Verfahren der Massenspektroskopie quantifizierten sie nicht nur die Anteile von mehr als einem Dutzend chemischer Elemente. Sie analysierten auch die Mengenverhältnisse unterschiedlicher Blei-Isotope. Ein Vergleich mit einschlägigen Untersuchungen von Kupfererzen aus dem gesamten süd- und mitteleuropäischen Raum – einschließlich Spaniens und Griechenlands, Frankreichs und der Slowakei – lieferte dann ein verblüffendes Ergebnis: Das Erz für die Axt aus den Ötztaler Alpen kam eindeutig aus der südlichen Toskana, und zwar aus der Gegend um Campiglia Marittima und die Colline Metallifere, sozusagen aus dem italienische Erzgebirge.

          Vorsichtige Entnahme einer Metallprobe.
          Vorsichtige Entnahme einer Metallprobe. : Bild: dpa

          Metallurgische Werkstätten der frühen Kupferzeit sind bei Ausgrabungen in San Carlo, unweit von San Vincenzo, zutage gefördert worden. Holzkohlebröckchen aus dort gefundenen Schlacken wurden mit dem Radiokarbon-Verfahren auf 3400 bis 3100 vor Christus datiert. Das stimmt recht genau mit der Datierung von Ötzis Axt überein: Deren Holzstiel, so ergaben Messungen des Kohlenstoff-Anteils mit der Massenzahl 14, ist wohl zwischen 3350 und 3000 vor Christus zurechtgeschnitzt worden. Somit könnte das Kupfer für die Klinge dort produziert worden sein, wo heute das Städtchen San Carlo liegt. Dafür spricht auch versehentlich herabgetropftes Metall, das die Archäologen dort geborgen haben: Diese Kupfertropfen haben eine ganz ähnliche chemische Zusammensetzung wie die Kupferaxt aus den Ötztaler Alpen, schreiben Artioli und seine Kollegen in der Online-Zeitschrift „Plos One“. Außerdem bergen die Tropfen wie die Axt mikroskopisch kleine Einschlüsse mit reichlich Arsen und Wismut.

          Ötzis Kleidung stammte von fünf Tierarten: Die Mütze war aus dem Fell eines Braunbären gefertigt. Der Mantel und die Beinkleider bestehen aus mindestens sechs verschiedenen Fellkombinationen von Schaf und Ziege. Der viereckige Lendenschurz wurde aus dunklem Schafspelz angefertigt, die Schnürsenkel hingegen aus Rinderfell.
          Ötzis Kleidung stammte von fünf Tierarten: Die Mütze war aus dem Fell eines Braunbären gefertigt. Der Mantel und die Beinkleider bestehen aus mindestens sechs verschiedenen Fellkombinationen von Schaf und Ziege. Der viereckige Lendenschurz wurde aus dunklem Schafspelz angefertigt, die Schnürsenkel hingegen aus Rinderfell. : Bild: Institute for Mummies and the Iceman

          Ist Ötzis Axt aber schon in der Toskana in Form gegossen worden? Für diese Vermutung spricht, dass sich die Klinge aus den Ötztaler Alpen nahtlos in das Sortiment einfügt, das von diversen Fundstellen in Mittelitalien stammt. Zwei kupferne Äxte desselben Typs wurden aber auch am südlichen Alpenrand entdeckt, bei Brescia und bei Lovere. Ob es dort regelmäßig Handelskontakte mit Regionen südlich des Apennins gab, bleibt freilich fraglich. Ob die Kupferaxt aus den Ötztaler Alpen einst diesen Weg genommen hat, ist ebenso eine offene Frage. Wie die Gletschermumie vom Tisenjoch beweist, waren die Alpenbewohner während der frühen Kupferzeit durchaus dafür gerüstet, auch hochgelegene Bergpässe zu überwinden. Von Not getrieben oder schlicht unternehmungslustig, sind sie womöglich weit gewandert, um Tauschhandel treiben zu können.

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