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Die Geburt der Demographie : Lehren für die Lebenden

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John Graunt sammelte nicht nur die Daten zu Geburt und Tod, er wollte auch verstehen, was sie bedeuten. Bild: Picture-Alliance

Der Händler John Graunt sammelte akribisch Daten über die Sterblichkeit zu seiner Zeit und verglich diese über lange Zeiträume miteinander. Damit legte er die Grundlagen der Demographie. Heute wäre sein 400. Geburtstag.

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          Wer Mitte des 17. Jahrhunderts in London unterwegs war, kam an ihnen kaum vorbei: den wöchentlich publizierten „bills of mortality“. In diesen gedruckten Tabellen waren die Sterbefälle nach den einzelnen Pfarrbezirken der Stadt sowie nach Todesursachen und Geschlecht aufgelistet. Die Zahlen dafür meldeten die Pfarreiverwaltungen an ihre Gilde, dort gingen sie in Druck, wurden vervielfältigt und unter anderem an die Stadtverwaltung und die königliche Regierung geschickt. Für die Datenerhebung in den Pfarreien und die einer Beerdigung vorausgehende Leichenschau beschäftigte man damals vor allem sozial benachteiligte Frauen, ihrer Aufgabe entsprechend dann „searcher“ genannt, die sich durch die Erfahrung im Laufe der Zeit auch die notwendigen medizinischen Grundkenntnisse aneigneten.

          Diese frühe Form der öffentlichen Gesundheitsstatistik hatte man schon unter Herrschaft der Tudors entwickelt und nach den großen Pestwellen weiter verfeinert. Die Zahl der Pestinfektionen stand dabei zwar immer noch im Vordergrund – sie diente den Menschen als Indikator, wann man ein Stadtgebiet besser verlassen sollte beziehungsweise nach dem Rückgang der Epidemie dorthin wieder zurückkehren und das Leben dort wieder „hochfahren“ konnte. Die Tabellen bildeten aber längst nicht mehr nur die Pest ab, sondern insgesamt weit über hundert verschiedene Todesursachen. Sie schlossen außerdem Informationen über die in den Pfarreien vorgenommenen Taufen ein und spiegelten damit annähernd die Geburtenzahl wider. Obwohl dieses System hochgradig fehleranfällig war, wurde es bis ins 19. Jahrhundert beibehalten. Einzelne Forscher bezeichnen die „bills of mortality“ sogar als eine Vorform von Big Data.

          Tote zu Datenpunkten

          John Graunt, ein Händler für Textil- und Kurzwaren, der am 24. April 1620 -  heute vor 400 Jahren - in London geboren wurde, kam als Erster auf den Gedanken, diese Daten systematisch zu sammeln und über längere Zeiträume hinweg miteinander zu vergleichen. Ihm ging es dabei nicht nur um die Beobachtung der Sterblichkeit im Stadtgebiet, sondern auch um die Entwicklung der Bevölkerung im Allgemeinen. Seine Schrift „Natural and Political Observations, Mentioned in a Following Index and Made Upon the Bills of Mortality“ reichte Graunt im Jahr 1662 bei der Royal Society ein und wurde kurz darauf in die Gelehrtengemeinschaft aufgenommen. Er wird bis heute zum Kreis der „Original Fellows“, gewissermaßen der legendären Gründergeneration, gezählt. Schon die Zeitgenossen sahen Graunts Studie als so bahnbrechend an, dass sie noch zu seinen Lebzeiten mehrere Auflagen und Erweiterungen erfuhr. Sein engster Freund und Mentor William Petty, der als einer der Vorväter der Volkswirtschaftslehre gilt, übernahm 1676 die letzte und postume Auflage; eine deutschsprachige Ausgabe erschien 1702.

          Graunt starb, von persönlichen Schicksalsschlägen getroffen, verarmt und krank am 18. April 1674. Seiner wissenschaftshistorischen Bedeutung tat dies jedoch keinen Abbruch. Seine Arbeiten inspirierten berühmte zeitgenössische Gelehrte wie Edmond Halley, Christiaan Huygens oder Gottfried Wilhelm Leibniz, von den Bevölkerungsforschern des 18. und 19. Jahrhunderts einmal abgesehen. Noch heute berufen sich viele Disziplinen, wie etwa die Demographie, die empirische Sozialforschung oder die Epidemiologie, auf Graunt als wichtigen Impulsgeber für ihr Fach.

          Auf den Pfaden Francis Bacons

          Worin genau liegt die Modernität des John Graunt? Einer der ersten Vertreter der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland, der Theologe Johann Peter Süßmilch (1707 bis 1767), formulierte es einmal sehr treffend: Das Material der „bills of mortality“ sei zwar schon vor Graunt vorhanden gewesen, es „fehlte nur ein Columbus, der in seinen Betrachtungen alter und bekannter Wahrheiten und Nachrichten weiter ging als andere“ und darin eine Ordnung erkannte, und „dieser Schluss reizte seinen Fleiß und seinen Scharfsinn zu weiterem Nachforschen, wodurch er den Grund zu dieser Wissenschaft gelegt hat ...“.

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