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Naturschutz = Genschutz? : Die Evolution braucht jetzt Beistand

Der Goldbaumsteiger, Dendrobates auratus. Er gehört wie die anderen hier gezeigten Exemplare zu den gut 170 Arten von „Pfeilgiftfröschen“. Bild: Design Pics / vario images

Das Artensterben vernichtet Reichtum. Was damit unwiederbringlich verlorengeht, sieht man kaum: die Gen-Ressourcen schwinden. Kann das „systemrelevante“ Rohmaterial der Evolution noch erhalten werden?

          5 Min.

          Jetzt wird wieder daran erinnert: Zehn Jahre ist es her, dass die letzten Zweifel am Überlebenswillen des Homo oeconomicus aus dem Weg geräumt wurden: Was als „systemrelevant“ zu gelten hat und wer deshalb mit allen Mitteln über Wasser zu halten ist, das hat das „Bad-Bank-Gesetz“ von da an geregelt. Das globale Finanzsystem darf nicht scheitern, das war die Botschaft und die Lehre aus dem größten kapitalistischen Versagen der vergangenen Jahrzehnte. Dieselben Maßstäbe an die Bewältigung der weltumspannenden ökologischen Krisen anzulegen, wie es dem Homo naturalis ein Anliegen ist, war bis jetzt allenfalls ansatzweise in der Klimapolitik gelungen. Hoffnung gab es also, dass die umfassende Aufarbeitung der Naturschutzkrise durch den Weltbiodiversitätsrat (IPBES) Anfang diesen Monats ein politisches Moment auslöst. Schließlich ist die ökologische Malaise fast nicht mehr zu übersehen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die tiefroten Zahlen der Biodiversitätsbilanz kann im Lichte der neuen Empirie auch keiner mehr umdeuten: Zehn- bis hundertmal so schnell vollzieht sich der Aussterbeprozess momentan wie in zehn Millionen Jahren vorher, eine Million von mutmaßlich acht Millionen Arten auf dem Planeten könnten innerhalb weniger Jahrzehnte verschwinden.

          Und doch: Könnte es tatsächlich sein, dass dieser Moment, in dem sich die Menschheit ihr erdgeschichtliches Versagen als Mitkreatur selbst bewusst macht, folgenlos verstreicht? Dass keine Notbremse gezogen und keine Systemrettung erwogen wird, wie es die Wissenschaftler weltweit fordern? Vielleicht hält man ja den dramatischen Arten- und Lebensraumschwund für politisch aushaltbar und für moralisch tolerierbar, womöglich ist es nur der Preis, den man zu zahlen bereit ist für Wachstum und Fortschritt. Motto: „Artenverarmung“ muss nicht das Ende sein, die Natur kommt noch zu ihrem Recht – irgendwann.

          Ein gefährlicher Trugschluss, der womöglich damit zu tun hat, dass das beklagte Massensterben ganz auf Arten und ihre Lebensräume fokussiert wird. Auch der Weltbiodiversitätsrat erhoffte sich davon die größte öffentliche und politische Wirkung. Sterbende Tiere und Pflanzen regen zum Nachdenken an. Welche Gefahr das birgt, lässt sich an einer Zahl aus dem IPBES-Bericht demonstrieren: „Mindestens 680 Wirbeltierarten hat der Mensch seit dem sechzehnten Jahrhundert ausgerottet.“ Ist das viel: 680 in mehr als vierhundert Jahren? In Wahrheit kommt es in dem Fall nicht auf die Zahl, sondern auf das „mindestens“ an. Die Wissenschaft weiß einfach nicht genau, wie viele Arten wirklich verschwunden sind, es könnten leicht mehr sein.

          Das Froschsterben – es geht noch schlimmer

          In der Zeitschrift „Current Biology“ hat ein britisch-amerikanisches Biologenteam am selben Tag, an dem der Weltbiodiversitätsbericht veröffentlicht wurde, eine Überprüfung des Amphibiensterbens vorgelegt. Schon ein Viertel der weltweit rund achttausend Arten galten davor als stark gefährdet. Pamela González del Pliego und ihre Kollegen haben nun genauer hingesehen – und zwar auf das Schicksal jener Arten, die bisher aus nur einem Grund als ungefährdet eingestuft werden: weil man sie erst spät entdeckt und kaum Kenntnisse oder Daten über sie hat. Das betrifft nicht weniger als 2200 der achttausend katalogisierten Arten. Die Forscher haben das wenige, was man weiß über die Verbreitung, Abstammung und Biologie der betreffenden Amphibien sowie über die Ökosysteme, in denen sie gefunden wurden, mit vergleichbaren Arten und Lebensräumen abgeglichen und die evolutionäre Überlebenswahrscheinlichkeit ausgerechnet. Fazit: Zu den zweitausend ohnehin schon akut bedrohten Amphibien muss man tausend weitere Arten hinzuzählen.

          Schwarzgelbe Gefahr: Dendrobates leucomelas produziert ein hochpotentes Nervengift.

          Das Verschwinden der Arten und ihrer Lebensräume zu berechnen, ist und bleibt unter den gegebenen Bedingungen (zu denen auch ein chronischer Mangel an Fördermitteln für Systematik und Taxonomomie zählt) ein schwieriges Geschäft. Vor allem aber bildet es das Ausmaß der Naturbedrohung nur unvollständig ab. Ganz zentral für die „Biodiversität“, für die Vielfalt des Lebendigen, ist nämlich eine Vielfalt, die in den entsprechenden biopolitischen Verträgen und Konventionen der Vereinten Nationen zwar verhandelt, aber kaum kommuniziert wird: die genetische Diversität.

          Ein beschleunigtes Arten- und Habitatsterben, wie wir es zurzeit erleben, führt unweigerlich zu einem dramatischen Verlust an genetischen Varianten – eine genetische Auszehrung der Lebensräume ist die Folge, die allein zum Untergang von Restpopulationen führen kann und die vor allem einen unwiederbringlichen Verlust bedeutet. Genetische Vielfalt ist eine Lebensversicherung für Ökosysteme. Wo zu wenige Tiere oder Pflanzen einer Art leben und sich verpaaren, kommen Inzuchteffekte häufiger vor, fatale Genvarianten kommen eher zum Zug. Vor allem aber läuft die Population im Falle kurzfristiger Umweltänderungen (Klimawandelfolgen gehören dazu) mangels alternativer Genvarianten die Gefahr, dass keines der Individuen und Nachkommen überlebt.

          Der Färberfrosch, Dendrobates trinctorius.

          Wie viele der auf den Roten Listen geführten Arten praktisch schon am genetischen Abrund stehen, lässt sich nicht sagen. Auch nicht, wie viele genetisch verarmte Populationen übersehen werden. Seit einiger Zeit gibt es deshalb die Forderung, den Gefährdungsgrad nicht nur an den Restpopulationsgrößen und der Verbreitung der Art festzumachen, sondern an der genetischen Verarmung. Biologen der amerikanischen Purdue University hatten nach Auswertung von mehr als fünftausend Studien in „Biological Conservation“ gezeigt, dass die für die Roten Listen relevanten Gefährdungskriterien der Weltnaturschutzunion tatsächlich sehr häufig das Risiko der genetischen Auszehrung der Arten nicht widerspiegeln.

          Der Berliner Biologe Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Gartens, hat nach dem IPBES-Bericht ebenfalls die Schieflage in der Artenschutzdebatte kritisiert: „Es reicht nicht, eine Pflanzenart nur dem Namen nach in Deutschland in einem Schutzgebiet oder Botanischen Garten zu erhalten. Die genetische Vielfalt ist wichtig, um der Art wirklich eine Chance zum Überleben zu geben.“ Sein Beispiel: die als Heilpflanze geschätzte, inzwischen stark dezimierte Arnika. In den Alpen ist sie noch vergleichsweise häufig, im norddeutschen Tiefland aber fast ausgestorben. Gerade aber diese Tiefland-Arnika kommt dank bestimmter Genvarianten mit wärmeren Bedingungen gut zurecht – und würde für die Anpassung an den Klimawandel benötigt. In der „Dahlemer Saatgutbank“ im Botanischen Garten Berlin wird seit 1994 eine Wildsamen-Datenbank aufgebaut. Vor allem Arten, für die Deutschland naturschutzrechtlich besondere Verantwortung trägt, werden dort konserviert, um so die genetische Vielfalt zu erhalten.

          Nochmal schwarzgelb, weil es so schön ist – und trotzdem auch ein Färberfrosch, Dendrobates trinctorius.

          In eine ähnliche Richtung gehen vermehrt auch Gen-Naturschutzprojekte wie etwa das unter kalifornischer Federführung gegründete „Earth Biogenome Project“. Das vor einem Jahr in Davos mit einer Zusage über vier Milliarden Dollar gestartete Projekt hat zum Ziel, innerhalb der kommenden zehn Jahre alle „komplexen eukaryotischen Lebewesen“ auf dem Planeten genetisch zu sequenzieren. Bisher sind weniger als 0,2 Prozent aller Arten genetisch erfasst.

          Die Genomsequenzierung ist für solche Zwecke inzwischen zwar preiswert genug. Aber natürlich hat dieses Vorhaben dasselbe Problem wie sämtliche gut tausend Naturmuseen, Botanische Gärten und Forschungszentren der Welt, die nach groben Schätzungen etwa eine Milliarde Proben und Tier- und Pflanzenindividuen vom Dinosaurierknochen bis zum mikroskopischen Pollen archivieren: Sie können den genetischen Reichtum des Lebendigen in der Natur nicht einmal ansatzweise in der Fülle naturgetreu abbilden.

          Bleibt am Ende museale Restnatur?

          Allenfalls bewahren sie mit ihren Sammlungen eine museale Restnatur, die künftig als Grundstock einer noch jungen Natur- und Artenschutzbewegung dienen könnte. Genetic Rescue – Gen-Rettungspläne – entstehen, die ähnlich wie die Erhaltungszuchten in den Zoos und Botanikgärten die dem Untergang geweihten Restpopulationen mit konservierten Genvarianten bereichern sollen. Durch Einschleusen von gebietsfremden Varianten hat man schon das eine oder andere Mal den ausgetrockneten Genfluss in der Wildnis wieder in Schwung gebracht: beim Florida-Panther etwa oder dem von Abermillionen auf 48 Tiere geschrumpften Bestand des Präriehuhns im Bundesstaat Illinois.

          Gene und Genvarianten, Mutationen im Ergbut, sind das Rohmaterial der Evolution. In dem Bemühen, den Evolutionsprozess auch in ökologisch düsteren Zeiten wie diesen im Fluss zu halten, dürfte dieses Rohmaterial eine immer bedeutendere Rolle für den Naturschutz spielen.

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