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Naturschutz = Genschutz? : Die Evolution braucht jetzt Beistand

Ein beschleunigtes Arten- und Habitatsterben, wie wir es zurzeit erleben, führt unweigerlich zu einem dramatischen Verlust an genetischen Varianten – eine genetische Auszehrung der Lebensräume ist die Folge, die allein zum Untergang von Restpopulationen führen kann und die vor allem einen unwiederbringlichen Verlust bedeutet. Genetische Vielfalt ist eine Lebensversicherung für Ökosysteme. Wo zu wenige Tiere oder Pflanzen einer Art leben und sich verpaaren, kommen Inzuchteffekte häufiger vor, fatale Genvarianten kommen eher zum Zug. Vor allem aber läuft die Population im Falle kurzfristiger Umweltänderungen (Klimawandelfolgen gehören dazu) mangels alternativer Genvarianten die Gefahr, dass keines der Individuen und Nachkommen überlebt.

Der Färberfrosch, Dendrobates trinctorius.

Wie viele der auf den Roten Listen geführten Arten praktisch schon am genetischen Abrund stehen, lässt sich nicht sagen. Auch nicht, wie viele genetisch verarmte Populationen übersehen werden. Seit einiger Zeit gibt es deshalb die Forderung, den Gefährdungsgrad nicht nur an den Restpopulationsgrößen und der Verbreitung der Art festzumachen, sondern an der genetischen Verarmung. Biologen der amerikanischen Purdue University hatten nach Auswertung von mehr als fünftausend Studien in „Biological Conservation“ gezeigt, dass die für die Roten Listen relevanten Gefährdungskriterien der Weltnaturschutzunion tatsächlich sehr häufig das Risiko der genetischen Auszehrung der Arten nicht widerspiegeln.

Der Berliner Biologe Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Gartens, hat nach dem IPBES-Bericht ebenfalls die Schieflage in der Artenschutzdebatte kritisiert: „Es reicht nicht, eine Pflanzenart nur dem Namen nach in Deutschland in einem Schutzgebiet oder Botanischen Garten zu erhalten. Die genetische Vielfalt ist wichtig, um der Art wirklich eine Chance zum Überleben zu geben.“ Sein Beispiel: die als Heilpflanze geschätzte, inzwischen stark dezimierte Arnika. In den Alpen ist sie noch vergleichsweise häufig, im norddeutschen Tiefland aber fast ausgestorben. Gerade aber diese Tiefland-Arnika kommt dank bestimmter Genvarianten mit wärmeren Bedingungen gut zurecht – und würde für die Anpassung an den Klimawandel benötigt. In der „Dahlemer Saatgutbank“ im Botanischen Garten Berlin wird seit 1994 eine Wildsamen-Datenbank aufgebaut. Vor allem Arten, für die Deutschland naturschutzrechtlich besondere Verantwortung trägt, werden dort konserviert, um so die genetische Vielfalt zu erhalten.

Nochmal schwarzgelb, weil es so schön ist – und trotzdem auch ein Färberfrosch, Dendrobates trinctorius.

In eine ähnliche Richtung gehen vermehrt auch Gen-Naturschutzprojekte wie etwa das unter kalifornischer Federführung gegründete „Earth Biogenome Project“. Das vor einem Jahr in Davos mit einer Zusage über vier Milliarden Dollar gestartete Projekt hat zum Ziel, innerhalb der kommenden zehn Jahre alle „komplexen eukaryotischen Lebewesen“ auf dem Planeten genetisch zu sequenzieren. Bisher sind weniger als 0,2 Prozent aller Arten genetisch erfasst.

Die Genomsequenzierung ist für solche Zwecke inzwischen zwar preiswert genug. Aber natürlich hat dieses Vorhaben dasselbe Problem wie sämtliche gut tausend Naturmuseen, Botanische Gärten und Forschungszentren der Welt, die nach groben Schätzungen etwa eine Milliarde Proben und Tier- und Pflanzenindividuen vom Dinosaurierknochen bis zum mikroskopischen Pollen archivieren: Sie können den genetischen Reichtum des Lebendigen in der Natur nicht einmal ansatzweise in der Fülle naturgetreu abbilden.

Bleibt am Ende museale Restnatur?

Allenfalls bewahren sie mit ihren Sammlungen eine museale Restnatur, die künftig als Grundstock einer noch jungen Natur- und Artenschutzbewegung dienen könnte. Genetic Rescue – Gen-Rettungspläne – entstehen, die ähnlich wie die Erhaltungszuchten in den Zoos und Botanikgärten die dem Untergang geweihten Restpopulationen mit konservierten Genvarianten bereichern sollen. Durch Einschleusen von gebietsfremden Varianten hat man schon das eine oder andere Mal den ausgetrockneten Genfluss in der Wildnis wieder in Schwung gebracht: beim Florida-Panther etwa oder dem von Abermillionen auf 48 Tiere geschrumpften Bestand des Präriehuhns im Bundesstaat Illinois.

Gene und Genvarianten, Mutationen im Ergbut, sind das Rohmaterial der Evolution. In dem Bemühen, den Evolutionsprozess auch in ökologisch düsteren Zeiten wie diesen im Fluss zu halten, dürfte dieses Rohmaterial eine immer bedeutendere Rolle für den Naturschutz spielen.

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