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Die Debatte: Pränataltests : „Das Leben mit Behinderung wird als ein Risiko beschrieben“

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Die 30-jährige Bremerin Neele Buchholz, Schauspielerin, Inklusionsmodell und Tänzerin, die mit Trisomie 21 geboren wurde, sitzt in ihrem Proberaum. Bild: dpa

Die Konflikte um ungeborenes Leben und den Lebenswert drohen mit den nun kassenseitig übernommenen Bluttests für Schwangere wieder aufzubrechen. Ein Livestream von „Der Debatte“ gibt es ab 19 Uhr. Was sagt die Sprachwissenschaftlerin dazu, die über die heiklen Begriffe im Diskurs forscht?

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          „Pränataldiagnostik: Welche Babys wollen wir?“ Darüber diskutieren am heutigen Dienstag, 5. Juli um 19 Uhr, im Braunschweiger Haus der Wissenschaft der Pränatalmediziner Prof. Dr. Klaus Zerres, Emeritus am Uniklinikum der RWTH Aachen, die Medizinethikerin und Geschäftsführerin der Lebenshilfe Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust und die Politikwissenschaftlerin Dr. Sabine Könninger vom Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft. 

          Die Veranstaltung findet in Präsenz im Haus der Wissenschaft, Pockelsstraße 11, 38106 Braunschweig statt und wird live auf unserer Internetseite sowie auf Youtube gestreamt: Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

          Ein vorab geführtes Gespräch zum Diskurs mit der Sprachwissenschaftlerin Constanze Spieß:

          Frau Professor Spieß, Sie schauen sich in Ihrer Forschung die Sprache in Debatten zu bioethischen Themen an. Wie gehen Sie dabei vor und welche Themen standen bisher im Fokus?

          Ich habe mir vor allem drei Diskurse angeschaut: Die Debatte um die humane embryonale Stammzellforschung, die um Präimplantationsdiagnostik und die um genetische Bluttests – also nicht-invasive Pränataltests (NIPT). Ich untersuche sowohl den Sprachgebrauch der Reden im Bundestag als auch die in den Medien geführte Debatte darüber. In erster Linie geht es mir darum, zentrale Argumentationsmuster, Schlüsselwörter und Metaphern herauszufinden und danach zu schauen, welche Positionen mit dem je spezifischen Sprachgebrauch verbunden sind.

          Was haben Sie herausgefunden?

          Die verschiedenen Diskurse sind sehr eng miteinander vernetzt. Es geht letztlich immer um Grundfragen des menschlichen Daseins: Wann beginnt menschliches Leben? Was ist Menschenwürde und wie wird sie vor allem definiert? Welches Leben ist lebenswert? Diese Fragen ziehen sich eigentlich seit den Debatten um den § 218 in der Weimarer Zeit und später dann in den 90er Jahren bis heute durch die verschiedenen bioethischen Diskurse. Auch die Argumentationsmuster sind ähnlich. Die Argumente pro und contra werden also auch immer wieder aufgegriffen – egal, ob es um Präimplantationsdiagnostik oder NIPT geht.

          Welches Menschenbild wird in diesen Diskursen über die Sprache transportiert?

          Die Sprache lässt Rückschlüsse auf die Perspektive des Sprechenden zu – also beispielsweise auf seine Vorstellung vom Menschsein. Ein Beispiel hierfür ist die Bezeichnung für die befruchtete Eizelle in dieser Debatte. Die Befürworter der Tests vermeiden es, sie mit menschlichen Attributen zu versehen und versuchen möglichst Ausdrücke wie etwa „Zellmaterial” oder „Zygote” dafür zu verwenden. Die Gegner des Tests sprechen dagegen vom „menschlichen Leben” oder vom „Baby”. Diese Ausdrucksweisen verweisen auf die unterschiedlichen Auffassungen davon, wann menschliches Leben beginnt und damit auf die verschiedenen Vorstellungen vom Menschsein.

          Wie sehr prägt die Verwendung solcher Begriffe wiederum das öffentliche Bild einer neuen medizinischen Anwendung?

          Das wollen wir uns in einem aktuellen Forschungsprojekt über einen langen Zeitraum hinweg anschauen. Wir untersuchen verschiedene bioethische Diskurse von 1990 bis heute und wir wollen auch hier Argumentationsmuster, zentrale Schlüsselwörter und Metaphern analysieren und herausfinden, wie diese miteinander vernetzt sind. Dazu schauen wir uns in einem ersten Schritt in den entsprechenden Bundestagsdebatten an, welche Wörter besonders signifikant und besonders relevant sind und erstellen daraus Schlüsselwortlisten. Danach schauen wir, in welchen Medien, von welchen Akteure und in welchen Kontexten diese Schlüsselwörter verwendet werden und welche kommunikativen Zwecke damit verbunden sind.

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