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Die Debatte: Organspender : Der Tod kann keinen kalt lassen

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Das anatomische Modell eines Menschen, ausgestellt in der Medizinischen Hochschule Hannover. Bild: dpa

Sind die Deutschen zu hartherzig? Zu kritisch, wenn Ärzte bei der Organvergabe zuerst an ihre Patienten denken? Fest steht: Die Organspende steckt tief in der Krise. Wie also geht es weiter? Das ist Thema von „Die Debatte“, die wir heute im Livestream präsentieren.

          Mehr als 10.000 Menschen in Deutschland dringend auf ein Spenderorgan warten, sinkt die Zahl der Organspender von Jahr zu Jahr. 2017 lag sie bei 797 und erreichte damit den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Wo liegen die Gründe für die mangelnde Bereitschaft zur Organspende? Fehlt es an Aufklärung, Werbekampagnen oder an Vertrauen in das System? Gibt es alternative Ansätze? Diese und weitere Fragen rund um das Thema Organspende diskutieren Expertinnen und Experten bei „Die Debatte“ am 23. März 2018 ab 19 Uhr im Zeiss-Großplanetarium. Wir übertragen die Diskussion heute abend im Livestream auf FAZ.NET.

          Der 20. Juli 2012 war ein schwarzer Tag in der Geschichte der deutschen Transplantationsmedizin. An diesem Tag wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig die Ermittlungen gegen den früheren Leiter der Transplantationschirurgie, Aiman O., am Uni-Klinikum Göttingen aufgenommen hatte. Der Grund: Ein anonymer Hinweis darauf, dass der Mediziner Krankenakten gefälscht habe, damit Patienten schneller an Spenderorgane kämen.

          Vorwürfe, die sich später nicht nur bewahrheiten sollten, sondern sich zu einem Skandal in ganz Deutschland ausweiteten. Schließlich wies eine Prüfung durch die Ständige Kommission Organtransplantation (STÄKO) der Bundesärztekammer (BÄK) auch in Leipzig, München und Münster eindeutige Anhaltspunkte für systematische Falschangaben nach, auch wenn diese nicht den Umfang der Göttinger Manipulationen erreichten. Einen der Gründe sieht Prof. Dr. Silke Schicktanz vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen in den damals noch zu geringen Regularien: „Es gab zu wenige Kontrollen und zu viel Spielraum, um vorhandene Vorgaben breit zu interpretieren. So etwas schafft natürlich Freiräume für Manipulationen. Allerdings wurde dies als Folge des Skandals verändert, um so etwas künftig zu vermeiden”.

          Später wurde Aiman O. vom Vorwurf des versuchten Totschlags und der Körperverletzung mit Todesfolge freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Mediziner versuchten Totschlag vorgeworfen, weil er durch Manipulationen und falsche Angaben dafür gesorgt habe, dass eigene Patienten bei der Vergabe von Spenderlebern bevorzugt wurden. Damit habe er billigend in Kauf genommen, dass andere Patienten auf der Warteliste nach hinten rutschen und sterben können. Der BGH sah ebenso wie das Landgericht Göttingen das Verhalten zwar als moralisch verwerflich an, aber eben nicht als strafbar.

          Ende einer Nierentransplantation.

          „Ob das nun richtig oder falsch ist, ist schwer zu beurteilen. Das Organvergabesystem ist als solches ohnehin schon sehr komplex. Jetzt kommt eben die Frage dazu, ob es Leben kostet, wenn man solche Daten manipuliert. Aus juristischer Sicht ist das ein nachvollziehbares Urteil”, sagt Prof. Dr. Susanne Beck, Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Strafrechtsvergleichung und Rechtsphilosophie an der Universität Hannover.

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