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Haustiere : Von Katzen und Menschen

Nein, sie will nicht spielen. Nicht jetzt. Und diese Streicheleinheit ist auch nur erduldet. Aber die meisten Katzen wissen ihre Halter trotzdem zu schätzen. Bild: Dekker/Hollandse Hoogte/laif

Manche geben sich stets nobel distanziert, andere sind der Terror auf vier Beinen: Hauskatzen pflegen aber durchaus innige Beziehungen zu ihren Besitzern.

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          Sie ist ein Model, und sie sieht gut aus. Choupette. Ihr Werbewert wird auf 30 Millionen Euro geschätzt, in den Armen von Gisele Bündchen wurde sie für die „Vogue“ zur Covercat. Sie ist eine Erbin, und ihr fehlt es an nichts; Modeschöpfer Karl Lagerfeld hinterließ seiner Muse ein kleines Vermögen. Auf Instagram folgen ihr Tausende, liken die Fotos und Videobeweise: Choupette ist eine stolze Birma, ganz und gar Katze. Im Gegensatz zu einem Hund hatte sie nie ein Herrchen, sondern schon immer ihr eigenes Personal. Und für ein paar Jahre König Karl.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie wirkt so kühl, an sie kommt niemand ran. Ob Löwen, Wildkatzen, gewöhnliche Streuner oder Königin der Modewelt: den gelangweilt abweisenden Blick beherrschen alle Katzen. Sie können völlig distanziert und unnahbar erscheinen, wenn sie nicht gerade schier am Verhungern sind. Oder zum Tierarzt müssen und sich mit aller Macht dagegen sträuben. Auch wenn sie sich plötzlich in einer fremden Umgebung wiederfinden, wie beispielsweise in einer Versuchsanordnung an der Oregon State University, verlieren sie alles Göttliche. Dass sie dann nach einsamen zwei Minuten die Nähe ihrer Besitzer suchen oder auch deren bloße Anwesenheit schon als Gewähr für ihre Sicherheit empfinden, wird Katzenfreunde kaum überraschen.

          Zur Ehrenrettung ihrer Art

          Dass Hauskatzen in der Lage sind, eine ebenso starke Bindung zum Menschen aufbauen, wie es von Hunden und Kleinkindern seit längerem bekannt ist, mag in „Current Biology“ jetzt zum ersten Mal nachgewiesen sein. Wer aber für eine gewisse Zeit mit Felis silvestris catus zusammenlebte, wird an der besonderen Beziehung wohl nie gezweifelt haben. Anekdoten sind allerdings keine Wissenschaft, und die angeschleppten Jagdtrophäen – unzählige, manchmal noch quicklebendig – sind sicherlich Zeichen von Wertschätzung, jedoch noch keine hinreichenden Belege. Also mussten nun 70 Jungtiere und 38 ausgewachsene Vertreter in einem „Secure Base Test“ die Katzenehre retten. Was nicht weiter schwierig war und unter anderen von Nestlé Purina gesponsort wurde, weil es den Verhaltensforscherinnen Kristyn Vitale, Alexandra Behnke und Monique Udell um das emotionale Wohlbefinden dieser Haustiere geht. Dass Katzen zu Menschen eine enge Verbundenheit entwickeln, könnte eine erfolgreiche Anpassung ihres typischen Bindungsverhaltens an die von Menschen geprägte Umgebung sein, davon sind Vitale und ihre beiden Kolleginnen überzeugt. Sie halten ihre Studienobjekte über Artgrenzen hinweg für bindungsfähig, Katzen seien sozial flexibel und ähnlich wie Hunde „soziale Generalisten“, fassen sie ihre Studie kurz zusammen.

          Wer sich bisher auserwählt wähnte, wenn eine Katze ihm huldsam ihre Aufmerksamkeit schenkte, könnte jetzt enttäuscht sein. Manche Besitzer gehen auf in der Rolle des Dosenöffners und rühmen die feline Unabhängigkeit. Andere durchschauen die Strategie der Unnahbaren und lassen sich ein auf ihr Spiel, wohl wissend, dass Katzen durchaus unsere Streicheleinheiten oder Hilfe bei der Fellpflege schätzen. Alles zum richtigen Moment. Schließlich sind es keine charakterlosen Kuscheltiere, sondern eigensinnige Mitglieder eines Haushaltes.

          Stress und Frust aus Langeweile

          Allein in Deutschland ist die Liebe zur Katze ein Milliardenmarkt; für Futter, Spielzeug und Zubehör geben die Halter der bald 15 Millionen Katzen gut 10000 Euro und Tausende mehr im Laufe eines Haustierlebens aus. Trotzdem kommt es zu Problemen. Weil Hauskatzen immer öfter ihr Dasein zwischen vier Wänden fristen müssen. Wenn sie dann aber das Interior markieren, wundern sich ihre Besitzer, dass Urin und Kot nicht nur in der dafür vorgesehenen Kiste landen. Amerikanische Tierärzte aus St. Louis berichteten im „Journal of Feline Medicine and Surgery“, dass sie deshalb regelmäßig um Rat gebeten werden. Sie müssten in solchen Fällen an die Empathie der Besitzer appellieren und diese über das artgerechte Verhalten aufklären, aber auch den emotionalen sowie physischen Zustand der Tiere berücksichtigen. Denn die neigen aus Stress oder Frust zu derartigem Fehlverhalten.

          Die Beziehung zwischen Mensch und Katze ist unter Umständen aber so zerrüttet, dass den Stubentigern das Tierheim droht. Zum Beispiel wenn sie teures Mobiliar mit ihren Krallen traktieren oder ihre Aggressionen an ihren Besitzern auslassen, was spanische Tierärzte in einem Review wiederum als bemerkenswert erachten und eine Behandlung empfehlen, wenn nicht vorgebeugt werden kann. Meist handelt es um Tiere, die ausschließlich drinnen gehalten werden oder die aus Tierhandlungen stammen, wo sie sich nicht an Menschen gewöhnen konnten. Deshalb drohe manchen sogar der Tod, weil ihre Halter mit dem aggressiven Verhalten überfordert seien und sie einschläfern lassen wollen.

          Angesichts solch drastischer Maßnahmen ist die Idee, psychoaktive Arzneimittel an die Katze zu bringen, vielleicht nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheint. Zumindest stellten Tiermediziner aus den Vereinigten Staaten und Kanada in einer Umfrage fest, dass Halter eher bereit wären, ihre Katzen mit Cannabinoiden oder Pheromonen zu versorgen, wenn sie selbst einmal psychoaktive Medikamente erhalten haben. Die meisten wussten allerdings nicht, dass diese Möglichkeit auch für Haustiere existiert, würden jedoch eine kurze, schnell wirkende Therapie gegenüber einer langfristigen vorziehen. Überhaupt würden nur sehr wenige Besitzer Hilfe suchen, wenn sich ihre Katzen seltsam verhielten, mussten die Veterinäre besorgt erkennen.

          Ein Muster an Gelassenheit

          Womöglich sehen die meisten deshalb keine Notwendigkeit, weil Katzen im Ruf stehen, exzentrisch zu sein. Sperrt man sie rund um die Uhr ein, muss das furchtbar langweilig sein. Welche Katze hat schon Personal, das mit ihr spielt, oder kann sich mit den Leuten bei einem Fotoshooting ablenken? Heilige Birmas wie Choupette sind zumindest nicht für ein aggressives Verhalten bekannt. Diese Rasse gilt zwar auch als nicht sehr aktiv, doch ängstlich ist sie ebenso wenig. Für ein vorsichtiges Verhalten sind vor allem Perserkatzen bekannt, und das haben zuletzt finnische Forscher versucht, auf eine genetische Basis zu stellen. Das Team um Mila Salonen und Hannes Lohti von der Universität in Helsinki wollte außerdem einmal einen europäisch geprägten Blick auf das feline Geschehen werfen und ließ die Besitzer von mehr als 5700 Katzen in Finnland umfangreiche Fragebögen ausfüllen. Ziel ihrer im Mai in den „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie war, bestimmten Rassen erbliche Verhaltensweisen zuzuordnen, und die Genetiker konnten tatsächlich Cluster benennen und Korrelationen erkennen, insbesondere für die Scheu gegenüber Fremden, Ängstlichkeit und Aggressivität.

          Karl Lagerfeld bei der Vernissage „Corsa Karl und Choupette“ 2015 in Berlin. Choupette war Muse und Model des am 19. Februar 2019 verstorbenen Modeschöpfers.

          Die Domestizierung der Katze verlief anders als die des Hundes, und ihre mehr als siebzig Rassen wurden nicht gezüchtet, um jeweils andere Aufgaben zu übernehmen. Trotzdem unterscheiden sie sich: Die Türkische Van ist aggressiv, während Korat- sowie Bengal-Katzen recht aktiv sind und für die Gruppe von Britischer Kurzhaar, Norwegischer Waldkatze, Ragdoll, Perser und Birma wiederum das Gegenteil gilt. Zu klären wäre nun noch, was ihr Cluster an Gelassenheit mit langen Fellhaaren zu tun hat.
          Sie sieht gut aus, und Schönheit wird bezahlt. Der König ist tot. Lang lebe Choupette, seine Königin.

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