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Der böse Geist aus dem Tablettenkoffer

Von LAURA SALM-REIFFERSCHEIDT, Fotos von NYANI QUARMYNE

10. Juli 2020 · In Westafrika berauschen sich viele Menschen illegal an Schmerzmitteln, die zum medizinischen Standard gehören. Eine strengere Kontrolle kann für Kranke schwere Konsequenzen haben.

N achdem Ayao sich für ein T-Shirt mit buntem Aufdruck, weiße Hosen und gefälschte Kappa-Sandalen entschieden hat, zieht er einen Kamm durch seine kurzen Locken und verzerrt dabei vor Schmerz sein Gesicht. Schnell fischt der 16-Jährige zwei weiße Tramadol-Tabletten aus seiner Hosentasche und steckt sie sich in den Mund. „Wenn ich das nehme, kann ich alles schaffen“, sagt er. „Nichts scheint unmöglich.“ Dann verlässt Ayao, der eigentlich anders heißt, das einfache Haus seiner Eltern, das am Stadtrand von Lomé, Togos Hauptstadt, liegt, um zur Arbeit zu gehen. Mit einer Motorradrikscha liefert er Trinkwasser an Geschäfte aus.

Tramadol, ein synthetisches Opioid, wurde von der deutschen Grünenthal GmbH entwickelt und kam 1977 unter dem Namen Tramal auf den Markt. Es wird nach Operationen, bei Krebs oder chronischen Schmerzen verabreicht. Es ist billig und einfach zu bekommen, heute werden Generika, aber auch Fälschungen meist in Indien produziert. Eigentlich wirkt das Schmerzmittel eher beruhigend, doch in hohen Dosen eingenommen, kann es stark euphorisieren, ähnlich wie Heroin. So wurde es in Togo und auch in anderen Ländern West- und Nordafrikas und im Mittleren Osten neben Cannabis zu einer Droge der Wahl. In Gabun haben die Pillen 2018 für Schlagzeilen gesorgt, nachdem Schüler im Unterricht Krampfanfälle erlitten hatten. Flüchtlinge im Norden Nigerias nehmen sie, um ihre posttraumatischen Belastungsstörungen zu lindern. In Ghana wurde der Tramadol-Tanz zu einem traurigen Trend, wo Jugendliche die tranceartigen Bewegungen jener nachahmen, die von dem Schmerzmittel high sind. Und den Kämpfern der Terror-Gruppierung Boko Haram in Nigeria verleiht es angeblich ein Gefühl der Unbesiegbarkeit.

Ayao lebt in Lomé, der Hauptstadt von Togo. Er ist sechzehn Jahre alt und schluckt Tabletten, seit er elf ist. Für jegliche körperliche Anstrengung braucht er Tramadol, denn er ist süchtig nach dem Opioid.


Ayao nimmt fast jeden Tag bis zu 675 Milligramm davon ein, seit er elf Jahre alt ist. Die maximale von Medizinern empfohlene Dosis liegt für einen Erwachsenen bei 400 Milligramm täglich. Der Teenager, der auf Tramadol immer zu schnell spricht und über seine Worte stolpert, sagt: „Wenn ich es nicht nehme, bin ich nicht stark. Es fühlt sich nicht gut an.“ Zu den typischen Entzugserscheinungen gehören Magenkrämpfe, Angstattacken, Depression und Muskelschmerzen. Als Ayao anfing, Tramadol zu nehmen, ging er noch zur Schule. Damals wunderte er sich, warum einige seiner Mitschüler so fit und wach waren. Einer der Jungs nahm ihn zu einer alten Dame mit, die vor ihrer Hütte Süßigkeiten, Kekse und Medikamente anpries. Die beiden kauften ihr ein paar grüne Kapseln mit Tramadol ab, sie beflügelten Ayao: „Ich fühlte mich so leicht und wohl in meiner Haut.“ Das war der Anfang seiner Sucht. Bald änderte sich sein Verhalten. „Ich wurde hitzköpfig.“ Schließlich habe man ihn der Schule verwiesen. Seitdem muss er arbeiten. Unter der Woche fährt er Wasser aus, samstags hilft er seinem Vater, der Bauarbeiter ist. Nur sonntags hat er Zeit, Fußball zu spielen. Für all das, für jegliche körperliche Anstrengung, braucht er Tramadol. Seine Eltern haben kein Problem damit, helfen die Tabletten ihrem Sohn doch beim Geldverdienen. Für sie ist es ein Medikament und keine Droge wie etwa Cannabis, das in Westafrika mit einem Stigma behaftet ist.


„Wenn ich das nehme, kann ich alles schaffen“, sagt er. „Nichts scheint unmöglich.“
AYAO

In Togo nehmen vor allem jene Tramadol, die für einen Hungerlohn schwere körperliche Arbeit verrichten, darunter Bauarbeiter, Lastenträger, Sexarbeiterinnen, Lkw- und Motorradtaxifahrer. Aber auch Studenten und Schüler konsumieren es. Das Schmerzmittel verleihe nicht nur unmenschliche Kräfte, sondern stille auch den Hunger. Männer mischen es mit Energy-Drinks, in der Hoffnung, ihre Potenz zu steigern. Die Nebenwirkungen sind jedoch verheerend.

Die Spritze mit Tramadol soll einer Patientin mit Sichelzellanämie helfen. Wird das Mittel stärker kontrolliert, müssen Kranke wie sie leiden.

Ein junger Mann erzählt, dass er bereits drei Bekannte verloren habe. Einer sei gerade auf seinem Motorrad unterwegs gewesen und habe am ganzen Körper zu zittern begonnen. Wenig später war er tot. Viele versuchen aufzuhören, wissen aber nicht, wohin sie sich wenden sollen. In Togo und anderen afrikanischen Ländern werden sowohl hinter psychischen Krankheiten als auch hinter Alkohol- und Drogenproblemen oft böse Geister oder eine Verhexung als Ursachen vermutet. Aus diesem Glauben heraus, aber auch aus Mangel an Alternativen, lassen sich Kranke von Heilern oder christlichen Priestern exorzieren. In Togo gibt es nur eine staatliche Psychiatrie und zu wenige Kliniken mit psychiatrischer Abteilung für mehr als sieben Millionen Einwohner. Das Stigma, sich in Behandlung zu begeben, ist groß. Betroffene sagen, sie mögen süchtig sein, aber nicht verrückt.

Die Tramadol-Pillen, die Menschen dort missbräuchlich einnehmen, haben meist eine Dosierung von 120 und bis 500 Milligramm. In der Apotheke bekommt man – und offiziell nur gegen ein Rezept – Tabletten mit 50 oder 100 Milligramm, doch Ayao und andere Abhängige finden ihr Tramadol auf dem Großen Markt von Lomé, bei Straßenverkäufern, die alle möglichen gefälschten und minderwertigen Medikamente anpreisen, oder bei Tee- und Kaffeeständen für umgerechnet 40 bis 80 Cent pro Stück.


Diese hochdosierten Tabletten werden wohl nicht vom legalen pharmazeutischen Markt abgeleitet, sondern anscheinend speziell für den laienhaften Eigengebrauch produziert, überwiegend in Indien. Sie gelangen über die Häfen im Golf von Guinea nach Westafrika. Transnationale Schmuggler- und Drogennetzwerke verteilen sie in der Region. „Wir haben durchlässige Grenzen. Die Menschen können einfach mit Tramadol, in ihren Kleidern oder am Motorrad versteckt, von Togo oder Burkina Faso nach Ghana fahren“, sagt Olivia Boateng von der Lebensmittel- und Drogenbehörde in Accra, Ghana. Bereits Ende 2017 sprach das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung eine Warnung aus: Der steigende Handel und Konsum von Tramadol sei ein Sicherheitsrisiko für die Sahel-Zone und Nordafrika. Seither bekommt das Schmerzmittel immer mehr Aufmerksamkeit im jährlich erscheinenden Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen. Das Problem wird darin mittlerweile als „die andere Opioid-Krise“ betitelt, jene, die eben nicht die Vereinigten Staaten, sondern arme Regionen der Welt betrifft.


„Wir haben durchlässige Grenzen. Die Menschen können einfach mit Tramadol, in ihren Kleidern oder am Motorrad versteckt, von Togo oder Burkina Faso nach Ghana fahren.“
OLIVIA BOATENG, Lebensmittel- und Drogenbehörde in Accra, Ghana

2018 wurden 87 Prozent aller weltweit beschlagnahmten synthetischen Opioide in Nord-, Zentral- und Westafrika sichergestellt, eine Entwicklung die vor allem auf den Schmuggel mit Tramadol zurückzuführen ist. Allein in Nigeria wurden im selben Jahr 6,4 Milliarden Tabletten beschlagnahmt. Da Tramadol nur etwa ein Zehntel der Stärke von Morphin hat, wurde es ursprünglich als ein Mittel mit geringem Missbrauchspotential eingestuft. Es steht im Gegensatz zu stärkeren Opioiden wie Morphin oder Fentanyl auch nicht auf der Liste der international kontrollierten Betäubungsmittel der Vereinten Nationen. Jedes Land entscheidet selbst, ob und wie es Tramadol kontrolliert. In Togo haben im letzten Jahr vermehrt Razzien auf Märkten und bei Zwischenhändlern stattgefunden. Das hat mitunter dazu geführt, dass die Preise der Tabletten gestiegen sind, der Handel aber nur in den Untergrund gedrängt wurde. Im benachbarten Ghana, wo eine Studie ergab, dass jeder vierte Kleinbusfahrer im Großraum von Accra Tramadol nimmt, wurde das Medikament strikt unter Kontrolle gebracht. Kampagnen auf Märkten, Busbahnhöfen und in Schulen klären dort über die Gefahren auf. Die Polizei wurde trainiert, „gefälschte Medikamente mit derselben Dringlichkeit zu behandeln wie Waffen“, erklärt Olivia Boateng. Seit zwei Jahren unterliegt Tramadol nun selbst in Indien dem Betäubungsmittelgesetz: Illegale Produktion und Schmuggel können härter bestraft werden. Die Folgen bemerkt man auch in Westafrika. „Durch diese Änderung in Indien werden nun viel weniger große Container-Ladungen beschlagnahmt“, sagt Matthew Nice, Leiter des Global-Opioids-Projektes des Internationalen Suchtstoffkontrollrates, das durch weltweiten Informationsaustausch gegen den Schmuggel nichtmedizinischer synthetischer Opioide vorgeht. Doch Gesetzesänderungen in einem Land führen nicht dazu, dass der internationale Schmuggel ganz unterbunden wird. „Man wird eher eine Verlagerung sehen. Die Schmuggler finden dann neue Wege, vor allem dorthin, wo es viele Konsumenten gibt“, sagt Nice.

Auf Märkten bieten Händler die unterschiedlichsten Tabletten zur Selbstbehandlung an. Nicht wenige dieser Medikamente sind gefälscht.


In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Rufe laut, Tramadol wegen des steigenden globalen Missbrauchs unter internationale Kontrolle zu bringen. Boateng ist überzeugt, das würde helfen: „Wenn wir hier in Ghana unsere eigenen Gesetze machen und Nigeria macht nicht dasselbe, dann wird das Tramadol zu uns herüberschwappen.“ Wäre das Medikament einheitlich reguliert, würde das alle Länder in der Region schützen und eine legale Lieferkette sicherstellen. „Wir haben über Jahre reguliertes Morphin gehabt, aber nie diesen globalen Missbrauch erlebt wie mit Tramadol“, sagt Boateng. Auch nach einer erneuten Überprüfung lehnte die UN-Kommission für Betäubungsmittel im März 2019 ab, das Analgetikum international zu kontrollieren. Solche Regulierungen könnten den Zugang zu Tramadol allerdings für jene erschweren, die es wirklich benötigen.


„Wir haben über Jahre reguliertes Morphin gehabt, aber nie diesen globalen Missbrauch erlebt wie mit Tramadol.“
OLIVIA BOATENG, Lebensmittel- und Drogenbehörde in Accra, Ghana

So wie Jennifer Dossouvi. Als wir sie treffen, liegt die 18-Jährige auf einem Bett im Nationalen Zentrum für Sichelzellenanämie in Lomé. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt. Tränen kullern aus ihren Augen und tropfen auf den Kunststoffbezug der Matratze. Die junge Frau leidet unter der Erbkrankheit, ihre roten Blutkörperchen sind nicht rund und elastisch, sondern sichelförmig. Sie verklumpen und verstopfen enge Gefäße, der Blutfluss wird unterbrochen. Das schädigt Knochen, Muskeln und Organe, und die akute Gefäßverstopfung verursacht schwere Schmerzen. Jennifer hatte seit vier Tagen eine solche Sichelzellkrise. Nun bekommt sie 200 Milligramm Tramadol als Infusion über einen Tropf verabreicht. „Das hilft ein wenig, aber danach wird es wieder schlimmer“, sagt sie. „Ich kann dann nicht schlafen und auch nicht in die Schule gehen.“ Wenn der Schmerz zu stark ist, dann hilft ihr auch Tramadol nicht. Eigentlich braucht die Schülerin ein potenteres Mittel, aber das ist Mangelware. „Wenn man Morphin verschreibt, muss der Patient wirklich alle Apotheken Lomés abklappern und müsste Glück haben, es schließlich in einer zu finden“, sagt Hèzouwè Magnang, Jennifers behandelnder Arzt und der Direktor des Zentrums.

Die Abende in Lomé verbringen Ayao und seine Bekannten berauscht von Schmerzmitteln oder Cannabis, was aber einen schlechteren Ruf hat.

In Togo, aber auch in vielen anderen Ländern Afrikas und Asiens, herrscht eine Unterversorgung mit starken Analgetika. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge haben rund drei Viertel der Weltbevölkerung keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu kontrollierten Schmerzmitteln. Das hat viele Gründe: Durch die internationale Regulierung starker opioider Analgetika muss jedes Land jährliche Schätzungen beim Internationalen Suchtstoffkontrollrat einreichen, wie viel Morphin und andere Betäubungsmittel es für seine Bevölkerung braucht. Meistens geben Länder aus Sorge vor illegalem Handel und Missbrauch viel zu niedrige Zahlen an. Betäubungsmittel dürfen zudem oft nur von Ärzten verschrieben werden – und in ärmeren Ländern gibt es davon zu wenige. In Togo kommt ein Arzt auf 20.500 Einwohner, in Deutschland sind es nur rund 240. Auch herrscht in vielen Ländern eine gewisse „Opioid-Phobie“, vielleicht aufgrund der fehlenden Expertise.

„Die Zahl der Ärzte, die eine Ausbildung in Palliativmedizin haben, ist absolut unzureichend“, sagt Maria-Goretti Ane Loglo, eine Anwältin aus Ghana und Beraterin des International Drug Policy Consortium. „Die Gesetze sind streng, und Ärzte haben Angst, Morphin zu verschreiben, falls etwas schiefläuft und sie die Konsequenzen tragen müssen.“ Für Apotheker kommen bürokratische Hürden und niedrige Gewinnspannen hinzu. Ane Loglo meint, das sei den Aufwand nicht wert. „Man bestellt Morphin, es wird nicht verschrieben, bleibt im Regal und läuft ab.“ In den Augen der Anwältin ist Tramadol nur Teil eines viel größeren Problems: das der gefälschten und minderwertigen Arzneimittel. Bis zu dreißig Prozent der Medikamente in Afrika sind Fälschungen. Der weltweite Markt dafür wird auf einen Wert von bis zu 200 Milliarden Dollar beziffert. Geahndet wird in vielen Fällen, wenn überhaupt, eine Verletzung des geistigen Eigentums. Das schreckt Schmuggler kaum ab.


„Die Zahl der Ärzte, die eine Ausbildung in Palliativmedizin haben, ist absolut unzureichend.“
MARIA-GORETTI ANE LOGLO, Anwältin aus Ghana

Auch Ayao erzählt von einer neuen Pille mit dem Spitznamen „écouteurs“, das heißt Kopfhörer, die in Lomé im Umlauf sei. Die soll viel stärker als Tramadol sein – und auch billiger, nachdem der Preis für das Schmerzmittel wegen der Razzien gestiegen ist. Für ihn sind die „écouteurs“ trotzdem keine Option, er hat nichts Gutes darüber gehört, und seine Angst davor ist doch zu groß.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 10.07.2020 16:31 Uhr