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Deutscher Krebskongress : „Wir müssen uns neu organisieren“

Aufnahme von Hautkrebs mit Metatstasen: Die Remission eines 39jährigen Patienten, dargestellt in mehreren PET-CT-Aufnahmen. Bild: DKFZ

Führende Krebsmediziner fordern den Umbau des Gesundheitswesens, um dem „Tsunami“ an Tumorkrankheiten Herr zu werden. Ministerium verspricht neue „Offensiven“. Wie besiegt man Krebs?

          „Es reicht nicht, was getan wird.“ Fritz Pleitgen, der ehemalige WDR-Intendant und inzwischen langjährige Präsident der Deutschen Krebshilfe hat auf der Eröffnungsveranstaltung für den Deutschen Krebskongress  in Berlin die Stimmung an der onkologischen Front deutlich gemacht. Es geht voran im Kampf gegen den Krebs, doch weiter nur in kleinen Schritten. Alles wird komplexer - und alle Beteiligten werden mehr und mehr gefordert. Finden sich überfordert. Beipiel: Krebsinformation: Mehr als 1,4 Millionen Menschen leben im Land mit einer Krebsdiagnose, jedes Jahr kommen 477.000 Neuerkrankungen hinzu.  Und seit Jahren gibt es Angebote für Patienten und ihre Angehörigen, vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrum bis der Krebshilfe und den vielen anderen Quellen im Internet. Doch weil es weder einen einheitlichen Qualitätsstandard gibt, noch genügend Kapazitäten, um alle Betroffenen mit ihren Anfragen immer schnell zu beraten, weichen viele auf unseriöse Informationsquellen aus. „Die Kräfte bündeln“, das ist für Pleitgen die Lösung. Und deshalb will seine inzwischen vierzig Jahre alte, von Mildred Scheel gegründete Bürgerstiftung noch in diesem Jahr zusammen mit der Deutschen Krebsgesellschaft als der zuständigen wissenschaftlichen Institution erstmal eine gemeinsame Plattform für alle Krebspatienten im Land anbieten.

          Volkskrankheit Krebs
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Überhaupt Bündelung - und Vernetzung: Das ist das Leitbild von Berlin. Mehrere tausend Krebsmediziner pilgern in dieser Woche jeden Morgen zur Berliner Messe, um zu erfahren, wie man den „Tsunami“ an Krebserkrankungen in den Griff bekommen will. Erstmals richten  Krebshilfe, die einen Großteil der Forschung im Land finanziert, und Krebsgesellschaft diese medizinische Großveranstaltung zusammen aus. Die Verantwortlichen spüren, dass die Fortschritte gegen den Krebs möglicherweise zu langsam sind, um der durch die Demographie wachsende Last und die Leiden gewachsen zu sein. Wolff Schmiegel, der Präsident der Krebsgesellschaft, nannte 129 Milliarden Euro Kosten, die Tumorkrankheiten jedes Jahr in Europa verursachen. Und er wiederholte einen Ausdruck, den er vor Jahren als Krebskongress-Präsident prägte: „Wir erleben einen Tsunamie“. Dabei geht es eben keineswegs nur um die Neuerkrankungen oder die Todesstatistik, in der Krebs immer noch an zweiter Stelle steht, sondern auch die enorm steigende Zahl an Krebspatienten, die mit ihrer Krankkheit viele Jahre leben - und weiter behandelt werden wollen. Die psyhologische Betreuung von onkologischen Patienten nimmt einen immer breiteren Raum ein.

          Rauchverbot: Die WHO fordert Gesetze, um gesundheitsschädliches Verhalten einzudämmen.

          Schmiegels Nachfolger als Präsident des Krebskongresses, der Kölner Klinikchef Michael Hallek, hat die Richtung vorgegeben: „Wir müssen uns neu organisieren“, sagte er. Das Gesundheitswesen stehe vor einem Umbruch. Kooperation und eine „neue Innovationskultur“ forderte Hallek. Das war an die Kollegen, aber vor allem auch an die Politik gerichtet. Die Bedeutung von Fachärzten etwa werde in der Krebsmedizin rapide sinken. Krebs als komplexe, systemische Krankheit mache es notwendig, dass die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Spezialisten erzwungen werde - und das nicht nur in den Tumorzentren des Landes. Halleks Idee von neuen „intelligenten Konzepten“ in der Krebsmedizin wird vor allem gespeist von der Überzeugung, dass eine medizinische Schwarmintelligenz gebraucht wird. Das genetische und molekularbiologische Wissen sei in der Onkologie im Prinzip heute schon wichtiger als große Latinum; denn: Krebs wird immer stärker als multidimensionale genetische Störung wahrgenommen, die in jedem einzelnen Betroffen anders zuschlägt.

          Und die Politik? Sie unterstützt weiter den vor fünf Jahren gestarteten Nationalen Krebsplan, dessen erste großen Ziele weitere Fortschritte in den Massenscreenings und der flächendeckenden Datensammlung in klinischen Tumorregistern sind. Aber sie lässt ihre - von vielen erhofften - gesundheitspolitische Großoffensive zumindest im Vagen: Die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU) im Bundesgesundheitsministerium kündigte in Vertretung des neuen Chefs im Gesundheitsressort, Hermann Gröhe (CDU), einiges an -  beipielsweise einen „Innovationsfonds“ und eine „Qualitätsoffensive in der Krebsmedizin“. Aber wie das seit Jahren auf Eis liegende Präventionsgesetz, das Widmann-Mauz  „noch in diesem Jahr zum Abschluss“ zu bringen versprach, sind das eher unverbindliche  Ankündigungen geblieben. Schlimmer noch: Wenn die Politik wie Widmann-Mauz verspricht, das Gesetz habe diesmal „echte Chancen auf Realisierung“ klingt das fast wie Angela Merkels Beteuerung vor einer Ministerentlassung, sie habe vollstes Vertrauen in den jeweiligen Kabinettskollegen.

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