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Nationalakademie im Aufbruch : „Manchmal pressiert es“

Segeln für die Wissenschaft – und fürs Klima: Greta Thunberg startete im August von Südwestengland aus über den Atlantik. Bild: AFP

Was wahr ist, soll wahr bleiben: Wie der neue Chef der Nationalakademie Leopoldina die Energiewende retten und in der Klimafrage politisch hart am Wind segeln will.

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          Die Vorschusslorbeeren der Bundeskanzlerin kamen früh. Früh genug, um wichtig zu wirken. Morgen erst wird die Kanzlerin Gerald Haug, dem Paläoklimatologen und Direktor des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie, zu seinem neuen Amt als Präsident der Nationalakademie Leopoldina gratulieren. Doch schon vor Tagen, das Berliner Parteiengewitter tobte da längst über ihr, ließ Frau Merkel öffentlich wissen, wie willkommen ein Klimaforscher an der Spitze der nominell wichtigsten Politikberatungsinstitution im Land sei.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ehrensache für Haug. Die Physikerin hat verstanden. Sie und er, zwei in einem Boot. Wie trällerte dereinst Peter Maffay: „Und der Wind weht in die Segel ...“ Die Sache hat nur einen, nein zwei Haken: Haug kommt, sie geht. Und so wenig wie sie schon Klimakanzlerin ist, will er Klimapräsident werden. Als Präsident der Nationalakademie Leopoldina und damit als „Integral“ (eines seiner Lieblingswörter) von 1600 Akademiemitgliedern – exzellenten Wissenschaftlern diverser Disziplinen – muss er jede Assoziation zu einem möglichen Durchmarsch des Klimathemas von sich weisen: „Ich sehe viele Revolutionen, die uns wichtig sein müssen, die Digitalisierung etwa oder die neuen Krebstherapien.“

          Haug sagt, er wollte ursprünglich Arzt werden, er konnte nur kein Blut sehen. Stattdessen segelt er jetzt auf der MS Eugen Seibold, theoretisch zumindest, dem hochgerüsteten Forschungsschiff seines Instituts, das für die Klimaforschung auf den Meeren unterwegs ist. Vorerst allerdings braucht er in Halle und Berlin vor allem festen Boden unter seinen Füßen.

          Leopoldina-Kapitäne unter sich: der Neue, Gerald Haug (links) und der Verdiente, Jörg Hacker.

          Mit 51 Jahren ist er eine andere Generation, siebzehn Jahre unter dem Akademieschnitt und vierzehn jünger als die Kanzlerin. Genau deshalb aber will er in Berlin nun hart am Wind segeln. „Die Verrohung der Gesellschaft durch den Populismus ist ein Riesenproblem“, sagt er, und deshalb soll der große alte Kahn Leopoldina beweglicher werden: „Brisante Themen besser antizipieren“ und „punktgenau sprechfähig sein“, mehr Dynamik also in der Politikberatung. Sein Vorgänger, der Mikrobiologe Jörg Hacker, hat in zehn Jahren stolze 280 Stellungnahmen auf den Weg gebracht. Er hat die „Wissenschaftskomponente“ in die G-20- und G-7-Verhandlungen eingebracht, die Akademien haben den Fuß in die Tür der großen Politik gesetzt, das war auch „Völkerverständigung“, wie Hacker sich zugute hält. „ Wissenschaft müsste aber noch mehr eine globale kulturelle Bewegung werden“ – wie Musik oder Literatur zum Alltag gehören.

          Vielleicht wäre Greta Thunberg dann ja ein Maßstab. Ihr Motto „Unite behind science“, sich hinter der Wissenschaft versammeln, sichtbarer werden, das will Haug „unterschreiben, unbedingt sogar“. Gleichzeitig warnt er: „Wir müssen als Akademie unaufgeregt reagieren, vornehm bleiben.“ Sätze wie diese muss er sagen. Mitteilen will er etwas anderes: Bullshit muss wie Bullshit behandelt werden. Die Lungenärzte, die mit wissenschaftlich unhaltbaren Behauptungen die Schadstoffe verharmlosten und die Grenzwerte attackierten, hat man zu lange gewähren lassen. „Manchmal pressiert es eben“, sagt er. Deshalb sollen Ad-hoc-Stellungnahmen, dreißigseitige Analysen und Empfehlungen der thematisch jeweils zuständigen Leopoldina-Arbeitsgruppen zum Standardverfahren werden.

          Das hört sich auch an wie eine Machtprobe. Herausgefordert ist die Berliner Republik, oder vielmehr all die, die als Lobbyisten hinter der Politik lauert und es mit den Fakten manchmal nicht so genau nehmen. In Washington ist die Nationale Akademie politisch kaltgestellt, vielen anderen Länderakademien geht es ähnlich, Haug glaubt, die Vernunft könne siegen. „Wir wollen international die treibende Kraft sein“, das klingt ein wenig wie die Europa-Euphorie der Kanzlerin, auf deren Einlösung viele bis heute warten.

          Haug nimmt trotzdem Fahrt auf Richtung Europa: Im Mai, kurz vor der deutschen Ratspräsidentschaft in Brüssel, wird die Akademie die Stellungnahme „Energiewende 2030“ vorlegen. Wie Klimapolitik gelingt, soll da drin stehen, und zwar schnell. „Die nächsten fünf Jahre sind alles entscheidend, in fünfzehn Jahren jedenfalls ist das Zwei-Grad-Ziel weg.“ So klingt ein Präsident, der den Klimakapitän gibt.

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