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Desinfektionsmittel : Das Engelsgesicht der harten Chemie

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Manche Stoffe werden nicht vollständig biologisch abgebaut, so dass Abbauprodukte entstehen und sich in der Umwelt anreichern. Viele dieser Stoffe seien beständiger in der Umwelt als die Ausgangssubstanzen und könnten sich in Fischen anreichern.

Fazit: Umwelt kann Schaden nehmen durch zu viele Desinfektionsmittel

Der Verbrauch von Handdesinfektionsmitteln ist derzeit enorm, wie die hohen Verkaufszahlen zeigen. So stellt allein die Berliner Schulverwaltung 650 Liter Desinfektionsmittel für die gerade begonnenen Abiturprüfungen bereit. Während der Verbrauch in Haushalten und öffentlichen Räumen steigt, scheint er allerdings in den Kliniken eher zu sinken. Das Herz- und Diabetes-Zentrum in Nordrhein-Westfalen etwa überprüft seine Desinfektionsmittelspender regelmäßig und das schon seit einigen Jahren; aktuell  stellt das Klinikum tatsächlich einen geringeren Verbrauch von Desinfektionsmitteln im Vergleich zum Vorjahr fest. Der Grund ist einfach: durch das derzeitige Besuchsverbot werden die Desinfektionsmittelspender in den entsprechenden Klinikbereichen weniger genutzt, während im übrigen Teil der Klinik der Verbrauch konstant ist.

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Wasserstoffperoxid in rauhen Mengen.

Welche  Folgen können die ungewöhnlich hohen  Mengen an Desinfektionsmitteln für uns selbst haben? Achim Hörauf, Medizinischer Mikrobiologie am Universitätsklinikum Bonn, gibt Entwarnung. Grundsätzlich gehe von Handdesinfektionen keine direkte Gefahr aus. Langjährige klinische Erfahrungen zeigen, dass es nur in den seltensten Fällen zu schwerwiegenden Folgen kommt. „Kaum ein Chirurg muss aufhören zu arbeiten, weil er Desinfektionsmittel nicht verträgt.“ Könnte es, ähnlich wie er bei den Antibiotikaresistenzen zu  Resistenzen gegen die Desinfektionsmittel kommen? „Nein“, sagt Hörauf. Zwar gebe es einzelne Keime, die Sporen als Überdauerungsform ausbilden und entsprechend die Wirkung von Desinfektionsmitteln überleben können, doch die Herausbildung solcher Formen als Reaktion auf die Desinfektionsmittel sei ein sehr langwieriger Schritt in der Evolution Dennoch legt Achim Hörauf nahe, beim Gebrauch der Mittel die Kosten und die Folgen für die Umwelt zu bedenken. Solange fließendes Wasser zur Verfügung steht, reicht gegen Coronaviren eine gründliche Reinigung mit Seife.

„Die Risiken der Desinfektion im Haushalt sind höher als der Nutzen. Die Anwender von Desinfektionsmitteln im Haushalt wiegen sich in falscher Sicherheit und vernachlässigen klassische Hygienemaßnahmen wie das Händewaschen“, heißt es in dem Artikel „Hygiene im Privatbereich“ vom April 2019.

Häusliche Desinfektionsmittel müssen kein gesundheitliches Risiko bedeuten. Eine Studie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung in der Zeitschrift „Nature Ecology & Evolution“, weist allerdings darauf hin, sorgsam mit diesen umzugehen. Die Forscher verweisen darauf, dass die Chemikalien die Stabilität der Ökosysteme gefährden könnten. „Wir beeinflussen die Mikrobiodiversität unserer Umgebung und Körper täglich, vor allem indem wir sie bekämpfen, beispielsweise durch Desinfektionsmittel oder Antibiotika, eigentlich mit dem Ziel, die Gesundheit zu fördern“, schreibt Robert Dunn, einer der Autoren. Die Veränderung der Mikroben-Zusammensetzung könnte die natürliche Eindämmung von Krankheitserregern behindern und unsere Ökosysteme angreifbarer machen für das Eindringen von Krankheitserregern.

Fazit: Vieles deutet darauf hin, dass die Umwelt im Großen wie im Kleinem durch zu viele Desinfektionsmittel Schaden nehmen kann, auch wenn es bislang noch schwer ist, die Folgen genau zu beziffern.

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