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Weltbiodiversitätsberichte : Plädoyer gegen die Einfalt

Der tropische Regenwald und seine Bewahrer brauchen Hilfe. Bild: ddp Images

Der Weltbiodiversitätsrat macht es wie der Klimarat. Er erhöht den politischen Druck und belegt wissenschaftlich, wie bedroht der Natur- und Artenschutz auf der ganzen Welt ist. Auch Wirtschaft entstehen dadurch Milliardenschäden. Prallt der Druck weiter ab?

          Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen gibt es neben dem Weltklimabericht auch einen Weltbiodiversitätsbericht, in dem unabhängig von Interessengruppen und mit wissenschaftlichen Methoden der Zustand und die Bedrohungen für die Natur auf unserem Planeten aufgearbeitet worden ist. Verantwortlich dafür ist der Weltbiodiversitätsrat IPBES, ein zwischenstaatliches Gremium unter dem Dach der Vereinten Nationen, das seinen Sitz in Bonn hat. In der kolumbianischen Metropole Medellín, wo seit einer Woche der IPBES mit mehr als 800 Wissenschaftlern und Regierungsvertretern aus 128 Ländern sein sechstes Treffen abhält, wurden gestern die ersten vier regionalen Teilberichte des Weltbiodiversitätsberichtes verabschiedet und präsentiert.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Im Zentrum steht dabei nicht bloß das Artensterben, sondern das Naturkapital insgesamt, also auch die genetische Vielfalt und der Reichtum an Ökosystemen. Drei Jahre lang arbeiteten mehr als 550 Fachleute an den vier Regionalberichten, die sich mit der biologischen Vielfalt in Amerika, Asien/Pazifik, Afrika sowie in Europa plus Zentralasien beschäftigen. Am Montag folgt ein Spezialbericht zur Degradation von Landflächen durch Erosion und Übernutzung.

          Eine Karte, die artenreiche Vogelvorkommen in Brasilien dokumentiert: Die größte Vielfalt gibt es hier wie in vielen anderen Wildnisgebieten genau dort, wo die größte Bedrohung beispielsweise durch Übernutzung und Lebensraumwandel herrscht.

          Einen Weltbiodiversitätsbericht haben Wissenschaft und Umweltorganisationen seit Jahrzehnten gefordert; im Grunde seit der Verabschiedung der Biodiversitätskonvention im Jahre 1992 und den nachfolgenden Vertragskonferenzen. Die Datenbasis für das oft als erdgeschichtlich sechstes Massenaussterben bezeichnete Artensterben wurde allerdings immer wieder in Zweifel gezogen. Mit der Gründung des IPBES im Jahre 2012 haben sich die Naturschutzpolitiker und -forscher die Arbeit des Weltklimarates IPCC zum Vorbild genommen – in der Hoffnung, dass auch die politischen Folgen ähnlich sein werden. Denn eine Abkehr von der auf allen Kontinenten zu beobachtenden Zerstörung von artenreichen Naturflächen ist dem Weltbiodiversitätsbericht zufolge noch immer nicht zu erkennen. „Die Biodiversität der Welt geht verloren – und das untergräbt auch das Wohlergehen der Menschen“, sagte der IPBES-Vorsitzende Robert Watson.

          Nach Einschätzung der Fachleute hat der Rückgang an biologischer Vielfalt längst auch wirtschaftliche, gesellschaftliche und sogar sicherheitspolitische Folgen. Watson: „Die besten verfügbaren Beweise, die von den weltweit führenden Experten gesammelt wurden, zeigen uns eine einzige Schlussfolgerung: Wir müssen handeln, um die nicht nachhaltige Nutzung der Natur zu stoppen und umzukehren.“ Klimawandel, Übernutzung, Einschleppung artfremder Arten, Rohstoffausbeutung und Verschmutzungen seien die Hauptprobleme. Afrika, Heimat der letzten Großsäugetiere auf der Erde, könnte bis 2100 mehr als die Hälfte der Vogel- und Säugerarten verlieren, die Produktivität der Seen könnte sich um ein Drittel verschlechtern – bei einer Verdoppelung der Bevölkerung.

          Ein schwerer Gang: Eisbär-Weibchen im nördlichen Kanada.

          Auch Europa liefert neben einigen wenigen positiven Beispielen im Naturschutz vor allem negative Statistiken: Jeder Deutsche benötigt durchschnittlich pro Jahr gut fünf Hektar – ein Flächenbedarf, der weltweit einer der höchsten ist. Achim Steiner von der Entwicklungsorganisation der UN, einer der einflussreichsten Umweltadministratoren der Vereinten Nationen, meint: „Wir treiben die Ökosysteme ans Limit, seit 1990 hat die Welt 130 Millionen Hektar Regenwald verloren, und wir verlieren jeden Tag Dutzende von Tier- und Pflanzenarten.“ Für die Umweltverbände wie den Nabu ist der Bericht „ein Weckruf an die Weltgemeinschaft“, der WWF fordert: „Wir müssen ein Jahrzehnt der ökologischen Restaurierung einschlagen.“

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