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Kommentar zur Forstpolitik : Der Wald muss wachsen, die Waldforschung schneller

  • -Aktualisiert am

Der Forstwirtschaft wird nicht nur ein Ast abgesägt. Bild: dpa

Die Waldkrise wird sich weiter zuspitzen, wenn nur über Baumarten gesprochen wird. Deutschland braucht dringend frische Expertise, und deshalb auch neue Ideen für die Forstwirtschaft. Ein Gastkommentar.

          Wir erleben aktuell in Deutschland ein Waldsterben in extremen Ausmaßen. Allein 110 000 Hektar Wald sind von einem massiven Borkenkäferbefall betroffen, vor allem Bäume, die vor Jahrzehnten als Reinbestände gepflanzt wurden. 2018 zerstörten in Brandenburg rund 500 Brände etwa 1700 Hektar Wald. Dieses Jahr sind bereits fast 1000 Hektar brandenburgischer Wald verbrannt. Jüngst war in dieser Zeitung über den „Abschied von der Fichte“ zu lesen. Die Autorin arbeitet darin die Fehler der Aufforstungen früherer Jahrzehnte auf und spricht vom „neuen Waldsterben“.

          Klar ist: Der Wald muss ökologisch umgebaut werden. Aber erstens dauert das Jahrzehnte. Zweitens kommt der Umbau nur schleppend voran. In den letzten dreißig Jahren wurden in Brandenburg lediglich ein Zehntel der dort dominierenden Kiefern-Reinbestände zu Mischwäldern umgebaut. Drittens bedarf es eines nachhaltigen Managements und einer fundierten Forschung, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

          Forstfachmann Reinhard Hüttl.

          Das Thema Waldforschung ist besonders heikel, denn in den vergangenen 20 Jahren ist in Deutschland eher Kompetenz verlorengegangen als hinzugekommen. Es klingt paradox, aber ein Grund dafür ist das „Waldsterben 1“ Anfang der achtziger Jahre. Befeuert durch einen Medienhype entstanden Schreckensszenarien, die Deutschland am Rande der völligen Entwaldung sahen. Auch Schuldige waren rasch ausgemacht: saurer Regen und Luftschadstoffe aus Industrie und Verkehr. Viel Geld floss in Forschung dazu, es kam auch zu wirksamen Umweltschutzmaßnahmen. Doch irgendetwas passte nicht zusammen. Eine eher kleine Gruppe von Forschenden erhob Einspruch. Unser Befund: Der deutsche Wald stirbt nicht. Insgesamt ist sein Wachstum sogar beschleunigt. Zugleich aber traten Schäden auf, die anders als die bekannten Rauchschäden waren: die „neuartigen Waldschäden“. Sie fanden sich sogar in Reinluftgebieten wie im Schwarzwald. Es musste also andere Ursachen geben. Vor allem fehlte ein synchronisierender Faktor, insbesondere zur Erklärung großflächiger Blatt- und Nadelverluste sowie von Vergilbungserscheinungen in den Kronen. Wir wurden zunächst nicht gehört, Waldwachstumsforschung war verpönt. Als sich aber herausstellte, dass die Wälder praktisch in ganz Europa mit Ausnahme von Gebieten mit heftigen Rauchschäden, etwa im Erzgebirge oder Harz, bereits seit Jahrzehnten schneller wuchsen, schlug die Stimmung um, und die Waldschadensforschung stand plötzlich als Panikmacher da. Den größten Schaden hatte nicht der Wald genommen, sondern die Glaubwürdigkeit der Wissenschaftskommunikation.

          Heute wissen wir, dass das „Waldsterben 1“ ein Vorbote der Folgen des Klimawandels war. Erst war es, auch durch CO2 als Dünger, zu einem zu schnellen Holzwachstum gekommen. Dann setzten Hitze und Dürre den Bäumen zu. Quasi ein Kollateralschaden des Hypes und der folgenden Kritik war eine Reduktion der Forschungsanstrengungen im Bereich Wald und Holz. Und jetzt erleben wir einen Notstand, von dem zu fürchten ist, dass er schlimmer wird als das „Waldsterben 1“. Wir müssen daher rasch wieder forstwissenschaftliche Expertise aufbauen und sie vor allem vernetzen. Es muss regionale Forschung mit Observatorien geben und überregionale Koordination. Das fordert auch der Wissenschaftliche Beirat Waldpolitik in einem Positionspapier. Er schlägt eine Verknüpfung von Forstfakultäten, Versuchsanstalten, Ressortforschungseinrichtungen und Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft vor.

          Von großem Interesse sind vier Helmholtz-Observatorien, die im Osten, Nordosten, Südosten und im Westen Deutschlands etabliert wurden. Diese Standorte des Tereno-Projekts („Terrestrial Environmental Observatoria“) liefern seit einigen Jahren Daten zu regionalen Auswirkungen des Klimawandels, unter anderem auf Wälder. Unser Beirat schlägt vor, zwei weitere Standorte in Göttingen und Freiburg zu etablieren. An sechs Standorten würden so regionale Waldforschungs-Cluster entstehen. Sie könnten die Frage klären, ob der deutsche Wald derzeit tatsächlich eine Kohlenstoffsenke darstellt. Denn das ist gar nicht so sicher – jedenfalls lokal oder regional. Vielleicht setzen die kranken Wälder insgesamt mehr CO2 frei, als sie binden. Damit müsste womöglich die CO2-Bilanz der Bundesrepublik neu justiert werden. Die Cluster könnten Konzepte für einen Waldumbau unter den Bedingungen eines sich verschärfenden, regional spezifischen Klimawandels erarbeiten. Wenn wir Holz sinnvoll nutzen wollen, müssen wir mit der Industrie über eine stärkere Verwendung als Baustoff sprechen, müssen wir über Agro-Forste nachdenken, und vor allem müssen wir Nachwuchs ausbilden, der diese Fragen erforscht.

          Der Autor

          Der Autor ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Waldpolitik.

           

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