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Glosse zu Abgas-Skandalen : Der Toaster ist Gift, die Erde eine Scheibe

Dieses Bild wurde am 24. Dezember 1968 aufgenommen. Es zeigt die Erde, wie sie am Horizont des Mondes aufgeht. Bild: NASA / Bill Anders

Was wir aus dem Dieselstreit lernen? Wie schnell Wahrheiten wackeln. Geht’s noch schlimmer? Es geht! Wenn Weltbilder wanken. Eine Glosse.

          Die Zahl der Menschen, die davon überzeugt sind, dass die Erde eine Scheibe ist, nimmt stetig zu. Das klingt beunruhigend, gefährlich ist es noch nicht. Asheley Landrum von der University of Texas hat darüber vor wenigen Tagen in Washington berichtet, kein ganz unpassender Ort, auch wenn der Anlass, die Jahrestagung der weltweit mitgliederstärksten Wissenschaftlerorganisation, der American Association for the Advancement of Science, schon überrascht. Wie umgehen mit Verschwörungstheoretikern, war das Thema Landrums, und man kann ohne Übertreibung sagen: Aktueller geht es kaum.

          Landrum hat die Videoplattform Youtube als Infektionsherd für konspirative Gedanken ausgemacht. Der Zweistundenstreifen „200 proofs Earth is not a spinning ball“ hat bald schon eine Dreiviertelmillion Zugriffe. Die wissenschaftliche Mimese dieses Machwerks jagt einem förmlich den Schrecken in die Glieder. Kein Zweifel, die Wissenschaft wird durch Wissenschaftsgläubige unterwandert, und der Irrglaube kapert sukzessive den Verstand. Solche Rückfälle in die Realitätsverweigerung gibt es mittlerweile leider immer öfter zu beklagen, und nicht immer gibt Youtube den Anstoß.

          Der antiwissenschaftliche Reflex lässt sich auch auf flüchtigeren Plätzen der modernen Rudelbildung finden. Ein Wort genügt, die Vernunft zum Teufel zu jagen. Am Wochenende war es der hundsgewöhnliche Toaster, der auserkoren war, die Debatte um die Gesundheitsgefahren von Feinstaub populistisch neu zu justieren. Anlass war die Mitteilung von Forschern der University of Colorado, die neue Zahlen über die Luftverschmutzung durch das Rösten der Brotscheiben vorlegten und damit auf deutschen Twitter-Timelines viel Aufmerksamkeit ernteten. Faktisch wie quantitativ war das nichts Neues, auch der in dieser Hinsicht noch viel problematischere Grill und die Kerze waren schon an der Reihe, aber der Toaster war jetzt halt zur Hand.

          Im Kern lautete die Botschaft der Studie: Beim Rösten besser nicht die Nase hinhalten. Auf Twitter wurde daraus ein weiterer Beleg gebastelt gegen die wissenschaftliche Evidenz, die beweist, dass die Abgasmengen an der Straße auf lange Sicht tatsächlich gesundheitsgefährdend sein können. Am Auspuff wird aber schon keiner schnüffeln. Ergo: Der Diesel ist „gesünder“ als der Toaster, so die Twitter-Logik, die Straße ein Sanatorium – und die Erde eine Scheibe.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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