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„Noch in Arbeit“ : Der schöne Ruhm muss auch mal warten können

Das VLT Survey Telescope ist das größte Teleskop, das Himmelsdurchmusterungen im optischen Wellenlängenbereich durchführt. Bild: ESO/Y. Beletsky

Nicht alles, was erforscht wird, wird auch gleich veröffentlicht. Vieles bleibt liegen. Wer ein Großteleskop beispielsweise nutzen darf, findet trotzdem reichlich Gründe für die Aufschieberitis. Es hakt im Wissenschaftssystem. Eine Glosse.

          Dieses Phänomen ist wohl niemandem fremd: Freunde entdecken unter den eigenen Besitztümern allerlei Nützliches, bitten, es sich ausleihen zu dürfen, und dann sieht man die Dinge nie wieder. Auf Nachfrage hört man dann nicht selten: „Ja, du bekommst es bald wieder, aber ich brauche es grad noch.“ Mit einer Variante dieses Problems schlägt sich aktuell auch die Europäische Südsternwarte (Eso) herum. Diese verleiht zwar weder Bücher oder DVDs noch Werkzeug – stattdessen vergibt sie aber Beobachtungszeit ihrer Teleskope an Astronomen, die sich dafür anhand von Beobachtungsanträgen bewerben müssen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die dahinterstehende Idee indes ist, dass die ausgehändigten Daten bald als wissenschaftliche Veröffentlichungen ins Publikationsarchiv der Eso zurückkommen, um so den Ruhm der genutzten Observatorien zu mehren. Schließlich lebt unser Wissenschaftssystem von der Messbarkeit wissenschaftlicher Erfolge, und was für Forscher gilt, gilt auch für Teleskope: Nur wer genügend Veröffentlichungen hervorbringt, rechtfertigt seinen Platz im System.

          Studien der vergangenen Jahre haben allerdings ergeben, dass nur 50 bis 70 Prozent aller Eso-Beobachtungsprogramme eine begutachtete Publikation hervorgebracht haben. Ein ernüchternd geringer Anteil also. Was ist hier los? Eine Gruppe von Eso-Wissenschaftlern um Ferdinando Patat ist dem Problem anhand einer Umfrage nachgegangen. Alle verantwortlichen Forscher derjenigen zwischen Oktober 2006 und März 2013 durchgeführten Beobachtungsprogramme, die bis April 2016 keine Publikation geliefert hatten, wurden per Multiple Choice mit erlaubter Mehrfachnennung um eine Stellungnahme gebeten. Im untersuchten Zeitraum waren das 47 Prozent der Fälle. Immerhin 80 Prozent der kontaktierten Wissenschaftler antworteten. Dabei zeigte sich, dass 20 Prozent der entsprechenden Programme Veröffentlichungen produziert hatten, die in der Eso-Datenbank nicht aufgeführt waren.

          Fehlende Ressourcen, wirklich?

          Knapp 60 Prozent der Antworten machten die Qualität, Quantität oder Aussagekraft der Daten verantwortlich. Der gleiche Anteil von Programmen nannte Gründe, die bei den Beobachtern selbst zu verorten sind: fehlende Ressourcen, verlorenes Interesse oder – mit knapp 40 Prozent die häufigste Antwort – die Tatsache, dass die Veröffentlichung einfach noch nicht fertig sei. Was heißt das also für die Eso? An der Datenqualität und dem Risikolevel von Beobachtungen kann die Eso arbeiten. Die Probleme auf Beobachterseite scheinen aber ein weiteres Mal auf inhärente Probleme unseres Wissenschaftssystems hinzuweisen: Forscher sind überlastet und sehen sich gezwungen, sich auf die vielversprechendsten Ergebnisse zu konzentrieren. Der Konkurrenzdruck scheint gleichzeitig zu verbieten, nicht selbst benötigte Daten mit Kollegen zu teilen.

          Gegen diese Missstände kann die Eso wenig ausrichten. Zumindest enthält der Bericht aber eine Berechnung der erwarteten Wahrscheinlichkeiten einer verzögerten Veröffentlichung. Demgemäß wird sich die Publikationsrate noch auf 75 Prozent verbessern. Schade, dass sich diese Statistik wohl nicht immer auf die Rückgaberate von privat Ausgeliehenem übertragen lässt.

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