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Ein Gespür für komplizierte Moleküle

Von SONJA KASTILAN (Text) und DANIEL HARTLAUB (Illustrationen)

10. Dezember 2021 · Wer mit dem Nobelpreisträger Benjamin List über Chemie spricht, lernt Arzneistoffe und den Zauber von Parfüm auf eine ganz andere Art kennen. Und auf neue Weise schätzen.

Desinfektionsmittel herzustellen, das ist für einen Chemiker keine große Sache. Mehr Pflicht als Kür, doch fackelten die Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung nicht lange, als man zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 alle Übertragungswege ausschließen, deshalb auch die Hände sauber halten wollte, und so belieferten sie ihre Stadt: Mülheim an der Ruhr war gut versorgt, als das Zeug überall sonst knapp wurde. Gleichzeitig legte man die Anweisung von oberster Stelle, dass nur die wichtigsten Experimente weiterzuführen wären, für sich schlicht allumfassend aus. Masken gab es genug, Abstand auch, die Labore waren sowieso gut belüftet, und Homeoffice kam für die Versuche nicht infrage, also wurde im Schichtdienst geforscht. 

Benjamin List, 1968 in Frankfurt geboren, wird am 10. Dezember 2021 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.
Benjamin List, 1968 in Frankfurt geboren, wird am 10. Dezember 2021 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.

24 Stunden rund um die Uhr? „Wir haben tatsächlich in drei Schichten gearbeitet, es war eine extrem produktive Phase am Institut, was wir an der Liste von Publikationen sehen, die jetzt herauskommen“, sagt Benjamin List und lacht. „Vielleicht weil wir es als ein Privileg ansahen, trotzdem arbeiten zu können, und wir wollten unseren Beitrag leisten.“ Damit meint List, der am 10. Dezember 2021 mit dem diesjährigen Nobelpreis in Chemie ausgezeichnet wird, den er sich mit dem Briten David MacMillan teilt, natürlich nicht nur die „Hand Sanitizer“, sondern vielmehr ihre Versuche, recht komplexe antivirale Wirkstoffe schneller, einfacher und damit kostengünstiger zu synthetisieren. „Das ist das, was wir in Mülheim sehr gut können“, sagt List selbstbewusst, „deshalb hatten wir uns die aussichtsreichsten Substanzen vorgenommen.“ Zum Beispiel Remdesivir mit der Summenformel C₂₇H₃₅N₆O₈P, das die viel zu großen Hoffnungen im frühen Hype bisher zwar enttäuschte, sich aber vielleicht noch beweisen kann – und dann wäre es zweifellos praktisch, wenn die Synthese nicht auf etwa elf Schritten beruhen würde: „Wir haben gerade ein Paper eingereicht, das zeigt, wie es über nur drei großartige Stufen zu schaffen ist, beziehungsweise mit sieben Schritten in der längsten Sequenz.“ Und schon beginnt List von der Organokatalyse zu schwärmen, die solche Abkürzungen auf elegante Weise möglich macht.

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