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Aussterben genau datiert : Der letzte Neandertaler

Spielen mit den Raubtierschädeln, Wollnashörner grasen im Tal: So stellte sich der Maler Burian die Steinzeit in seinem Weltbestseller „Menschen der Urzeit“ 1977 dar Bild: Museum

Von ihm steckt noch einiges in unseren Genen, in ganz Europa war er verbreitet. Doch vor 40.000 Jahren war Schluss für den Neandertaler. Forscher haben jetzt die letzte Phase des Miteinanders mit Homo sapiens genauer datiert. Und zeigen einen erstaunlich zähen Urmenschen am Rande des Abgrunds.

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          Ob es am Ende ein friedliches Zusammenleben war, ein vertrautes Miteinander war,  vielleicht sogar mit amourösen Momenten, oder ob es doch zu einem handfesten Verdrängungswettlauf kam zwischen den letzten Neandertalern und den aus Afrika eingewanderten und nun sich ausbreitenden modernen Menschen, wirklich wissen kann das keiner. Es ist nirgends in Stein gemeißelt. Was die Wissenschaftler aber jetzt für ziemlich sicher halten, ist das Datum des Aussterbens: Irgendwann zwischen 41.000 und 39.000 Jahren vor unserer Zeit sollen die letzten Populationen des Homo neanderthalensis  von der Bildfläche verschwunden sein.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wie sicher diese in der Zeitschrift „Nature“ soeben publizierten Daten allerdings wirklich sind, wird sich erst noch zeigen müssen. Denn die vierzig Ausgrabungsstätten zwischen Russland und Spanien, die Tom Higham von der Universität Oxford zusammen mit zahleichen Kollegen (unter anderem auch aus Tübingen) mittels einer „Hochpräzisionsdatierung“ geochemisch und damit zeitlich möglichst exakt eingeordnet haben, sind längst nicht alle Neandertalerfunde in Europa. Und es dürften auch nicht die letzten sein. Zudem gibt es genetische Analysen von Neandertaler-Knochen und ältere archäologische Befunde, die noch schwer mit den neu publizierten Ergebnissen in Einklang zu bringen sind. Es könnte also, wie so oft in der Urmenschenforschung, noch Überraschungen geben.

          Sah so der Neandertaler aus? Eine menschliche Nachbildung im Neandertal-Museum in Mettmann.

          Die Forschergruppe um Higham hat sich auf Westeuropa und den östlichen Teil des Mittelmeeraums konzentriert. Sie berücksichtigte auch nicht nur Knochenfunde, sondern ebenso Fundstücke, Steinwerkzeuge insbesondere. Der als Moustérien bezeichnete steinzeitliche Epoche, die schon vor 120.000 begann, galt ein Augenmerk der Wissenschaftler. Sie wird ganz klar den Neandertalern zugeschrieben. Anders die spätere Epoche des Châtelperronien, eine in Frankreich und Nordspanien lokalisierte archäologische Kultur, die deutlich am Ende der Neandertalerära steht und die etwa der Leipziger Paläoanthrologe Jean-Jacques Hublin als Beleg für die kulturelle Beeinflussung des Neandertalers durch Homo sapiens wertet. Auch die archäologische Steinzeitindustrie des Uluzzian, das ausschließlich in einer Region in Norditalien für einige tausend Jahre vorherrschte und abrupt zum Aussterben des Neandertaleraussterbens endete, gilt als Übergangskultur. Die eigentliche Urheberschaft beider Übergangskulturen wird von dem Oxforder Team nicht abschließend beantwortet. Sicher ist nur: Die Werkzeugtechniken des Homo sapiens breiteten sich nach dem Verschwinden des Neandertalers sukzessive aus.

          Ganz schön modern: Vier Ansichten eines Knochenwerkzeugs der Neandertaler

          Interessante Befunde sammelten die Forscher für die Phase des Neben- und Miteinanders von Neandertaler und modernem Mensch. Immerhin 1,5 bis 2 Prozent unserer heutigen DNA, das weiss man aus anderen Untersuchungen, ist höchstwahrscheinlich auf Vermischungen mit Neandertalern zurückzuführen. In unserer Ahnentafel ist der zum erstenmal im Rheintal bei Mettmann entdeckte Urmensch also fest verankert. Wie lange aber dauerte diese zwischenartliche Beziehung? Die Oxforder Forscher sprechen jetzt von 25 bis 250 Generationen oder 470 bis 4900 Jahren. In dieser Zeit, in der sich die Lebensräume der beiden Menschenarten in Europa vielerorts überlappten, dürften auch viele Nachkommen aus „Mischehen“ hervorgegangen sein. Kulturell jedenfalls, was etwa Rituale und Werkzeugherstellung betrifft, und das haben auch schon frühere Arbeiten gezeigt, waren Neandertaler und moderner Mensch zumindest keineswegs Welten auseinander. Der grobschlächtiger aussehende Verwandte war denn auch nicht etwa abrupt verschwunden. Die Forscher beschreiben den Aussterbeprozess vielmehr als allmählichen Vorgang in einem jungsteinzeitlichen Europa, das seinerzeit gekennzeichnet war durch ein von verschiedenen Menschentypen geprägtes „biologisches und kulturelles Mosaik“. 

          Das alles beantwortet immer noch nicht die Frage, was die eigentliche Ursache für das Aussterben der Neandertaler war.  Zumindest deutet mit den neuen Funden einiges daraufhin hin, dass das jetzt gewählte Verfahren der Radiokarbondatierung den früheren Verfahren deutlich überlegen ist und dass es damit wenigstens in der zeitlichen Einordnung der prähistorischen Vorgänge etwas mehr Sicherheit gibt. Früher war es kaum möglich, Fundstücke aus einer Zeit vor 50.000 Jahren, wirklich exakt, das heißt bis auf tausend oder ein paar hundert Jahre,  genau und verlässlich zu datieren. Die Radiokohlenstoffisotope, die dafür verwendet werden, waren zu stark von jüngeren organischen Resten verunreinigt.

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