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Der Kuckuck, dieser Erpresser : Das Regime der Eier-Mafia

  • Aktualisiert am

Das gefleckte Ei des Kuhstärlings ist von denen der „Opfer“ leicht zu unterscheiden. Bild: GalawebDesign

Für viele Eier ist das Nest alles andere als ein sicherer Ort. Wenn Vögel sich gegen Brutparasiten wehren, kommt bittere Rache ins Spiel. Und das ist nicht die einzige Parallele zur Mafia.

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          In den Nestern vieler Vögel geht es zu wie in den Kaschemmen der grausamsten Mafia-Tragödien. Die Hausherren werden eingeschüchtert, ausgebeutet und müssen, wenn sie nicht gehorchen, mit grausamer Vergeltung rechnen. Der Kampf um die Eier ist mitunter ein grausames Geschäft. Und das Schlimmste dabei: Die Rache der „Kuckuck-Mafia“ zahlt sich offenbar als evolutionäre Strategie aus. Die Forscher nennen das dann „plastisches Verhalten“ - was in den menschlichen Gesellschaften (sollte man sagen: den meisten?) gnadenlos geahndet und als Schutzgelderpressung unter Strafe gestellt wird.

          Schon Ende der sechziger Jahre war die These vom mafiösen Verhalten bei Brutparasiten wie bei Kuckucken formuliert worden. Mehr als hundert Vogelarten fahren mit der Fortpflanzung durch Brutparasitismus ganz gut, viele davon kennen gar nichts anderes und betreuen keine eigene Brut mehr. Und gelegentlich beobachteten Ornithologen tatsächlich, dass Wirtsvögel, die es wagten, die fremden Eier aus dem Nest zu entfernen, von den Brutparasiten heimgesucht und ihr Nest gnadenlos verwüstet wurden. Der Braunkopf-Kuhstärling etwa, ein nordamerikanischer Singvogel, ist in seiner aggressiven Strategie besonders konsequent: Manche Weibchen legen über das Jahr hinweg viele Eier in fremde Nester, oft genug sogar mehrere eigene Eier in ein einzelnes fremdes Nest.

          Der Kuhstärling aus Nordamerika ist einer der aggressivsten Brutparasiten.
          Der Kuhstärling aus Nordamerika ist einer der aggressivsten Brutparasiten. : Bild: Naturepicsonline

          Die Biologin Maria Abou Chakra vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön hat zusammen mit Christian Hilbe von der Harvard-Universität und dem Informatiker Arne Traulsen ein mathetmatisches Modell entwickelt, das die Verhaltensweisen von Wirt und Parasit plausibel erklärt. In „Scientific Reports“ berichten die drei Wissenschaftler, wie ihre Modell die natürlichen Vorgänge beschreibt: als eine Art Räuber-Beute-Zyklus, der den beiden Parteien und den unterschiedlichen möglichen Strategien jeweils Vorteile verschaffen kann.

          In dem aggressiven Verhalten der Brutparasiten steckt demnach eine evolutionäre Logik, die nie in ein Gleichgewicht kommt. Alles ist eine Frage der zahlenmäßigen Dominanz: Ist die Zahl von „gutartigen“ nicht-mafiösen Brutparasiten im Lebensraum hoch, sind die „Opfer“ im Vorteil, die sofort reagieren und das fremde Ei entfernen. Erst nach der Vergeltung und damit der Zerstörung ihres Nests belassen sie das Kuckucksei doch lieber in ihrem Nest. Denn insgesamt ist die Chance gering, dass sie auf einen der wenigen Mafiosi stoßen, der auf Vergeltung aus ist. Somit nimmt dieses Verhalten unter den Wirtsvögeln zu. Das wiederum verbessert die Überlebensrate aggressiver, vergeltungswilliger Brutparasiten. Sobald diese in der Überzahl sind, zahlt es sich für die Wirtsvögel aus, den Parasitismus bedingungslos zu akzeptieren, weil sie die Rache der Aggressoren fürchten müssen _ was am Ende dann das mafiöse Verhalten wieder überflüssig macht, weil aus Angst vor Vergeltung kein fremdes Ei mehr aus dem Nest geworfen wird.. Der Kreislauf beginnt damit von vorne.

          Das erpresserische Verhalten lohnt sich also in gewissen Stadien der Populationsentwicklung durchaus für den Aggressor. Kritiker der These meinen, dass sich der Einsatz an Gewalt nicht lohne und vielmehr eine sozial verträglichere Strategie sich auszahle, die die Wirtsvögel milde stimmt. Die „Peitsche“ scheint für die Mafia-Vögel unter dem Strich die erfolgversprechendere Waffe zu sein und wird deshalb immer wieder hervorgeholt.

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