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Historische Werte ermittelt : Klimawandel im Schweinsgalopp

Schatten über dem Grönlandeis: Kaum irgendwo schmilzt das „ewige Eis“ derzeit so schnell wie auf der Polarinsel. Bild: dpa

Hysterie aus dem Gefrierkeller: Die Klima-Archive der Welt melden den Ausnahmezustand. So schnell und flächendeckend wie derzeit haben sich die Erdtemperaturen in 2000 Jahren nicht gewandelt.

          Es war ein Tag, dieser Mittwoch, wie er inzwischen Alltag ist, wenn das Thermometer in Rekordnähe klettert und die Hitze dem Social-Media-Volk zu Kopfe steigt: Der Twitter-Trend des Tages war #Klimahysterie. Als würde die rhetorische Zuspitzung, als würden Beschimpfung und Phrasen in der Blase für Verdampfungskälte sorgen und den überhitzten Gemütern Linderung bringen. Am Ende gab es dann halt doch noch die kalte Dusche, und zwar schweizerisch trocken und herrlich unaufgeregt aus dem kalten Faktenkeller der Universität Bern. Von dort war zu hören: „Unsere Resultate beweisen einmal mehr die beispiellose Natur der menschengemachten globalen Erwärmung, wenn wir die vergangenen 2000 Jahre betrachten.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Mit diesem Zitat endet eines der beiden wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Berner Klimaforschern, die an diesem Mittwochabend in zwei der renommiertesten Journalen für Geowissenschaftler – „Nature“ und „Nature Geosience“ –  veröffentlicht worden sind. Ihr wichtigstes Resultat: Noch nie in diesen zweitausend Jahren hat sich die Erde so schnell erwärmt wie zur Zeit – und zwar gleichzeitig rund um den Globus. Die Beschleunigung der Erderwärmung war schon zum Ende des 20. Jahrhunderts sehr viel größer als in allen Klimaepochen vorher (siehe Grafik), und sie hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten zahlreichen anderen Studien und Messkampagnen zufolge noch einmal beschleunigt. Die momentane Erwärmungsgeschwindigkeit liegt global gesehen demnach bei 1,7 Grad pro Jahrhundert, Tendenz weiter steigend, während den Forschern zufolge, „die natürlich zu erwartenden Erwärmungsraten“ bei knapp 0,6 Grad pro Jahrhundert liegen.

          Ganz augenscheinlich ein Ausreißer

          Nicht nur in der Erwärmungsrate, auch in absoluten Temperaturen ist die jüngste Vergangenheit ganz augenscheinlich ein Ausreißer, wie nun die Berner Studie ein weiteres Mal bestätigt hat: Die „mit großer Wahrscheinlichkeit wärmste Phase der vergangenen 2000 Jahre“ liege ganz am Ende der Zeitskala, sprich: heute. Und die Wikinger? Diese rauhbeinigen Nordmänner, die fröhlich nach „Grünland“ segelten, dem heute vereisten Grönland, und dort angeblich zu Tausenden siedelten und dort angeblich Hunderte herrlicher Sommer erlebten? Dieser Mythos, der längst zum verstaubten Arsenal der Klimalegenden zählt und trotzdem immer wieder hysterisch verbreitet wird, hat nun durch die Arbeit der Berner Forscher einen weiteren Makel erhalten. Womöglich hat es nämlich auf dem mittelalterlichen südlichen Grönland, wo durchaus auch schon länger lebenswerte Bedingungen herrschen, gar nicht die kolportierte ausgeprägte Warmzeit geherrscht. Das sogenannte Mittelalterliche Optimum, darauf deuteten schon frühere Eiskernbohrungen hin, ging an Erik dem Roten und den seinen wahrscheinlich komplett vorbei. Vielmehr könnte es, während es in anderen Teilen warm wurde, bei der Ankunft der Wikinger auf Grönland ähnlich kalt und rauh gewesen sein, wie später vor ihrem rätselhaften Verschwinden von der Insel.

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