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Historische Werte ermittelt : Klimawandel im Schweinsgalopp

Geschwindigkeit der Erwärmung oder Abkühlung der globalen Mitteltemperatur über die letzten 2000 Jahre. Rot dargestellt sind Zeiträume (jeweils über 51 Jahre), in denen die rekonstruierten Temperaturen zugenommen haben. In blau dargestellten Perioden nahmen die globalen Temperaturen ab. Die grüne Linie zeigt, dass die ohne menschlichen Einfluss maximal zu erwartenden Erwärmungsraten bei knapp 0,6 Grad pro Jahrhundert liegen. Klimamodelle (orange gestrichelte Linie) können diese natürliche Obergrenze sehr gut simulieren. Die momentane Erwärmungsgeschwindigkeit liegt mit mehr als 1,7 Grad pro Jahrhundert deutlich über diesen natürlich zu erwartenden Erwärmungsraten und über den Werten aller vorherigen Jahrhunderte. Instrumentelle Messungen seit 1850 (in schwarz) bestätigen diese Zahlen.

Die Warmzeit nämlich war ein klimatischer Flickenteppich, das zeigen die Daten aus Bern nun sehr deutlich. Systematisch hat man, in Kooperation mit amerikanischen und spanischen Wissenschaftlern, die größte paläoklimatologische Datenbank „PAGES“ (Past Global Changes) ausgewertet und klimahistorische Daten aus praktisch allen Erdteilen miteinander verglichen. Grundlage dafür waren Analysen von Baumringen, Eisbohrkernen, Seesedimenten und Korallenstöcken. Um diese so unterschiedlichen indirekten Klimaindikatoren („Proxywerte“) vergleichen zu können, haben Raphael Neukom und seine Kollegen aus Bern die verschiedenen Messmethoden gegeneinander abgeglichen und mit nicht weniger als sechs unterschiedlichen Statistiken ausgewertet. Auf die Weise konnten nicht nur näherungsweise die absoluten Temperaturwerte, sondern auch die Wahrscheinlichkeiten von extrem warmen und extrem kalten Zeiträumen berechnet werden. Fazit: In keiner einzigen Phase in den betrachteten 2000 Jahren seit Christi Geburt hat es offenbar eine über den gesamten Planeten durchgängige Erwärmung oder Abkühlung gegeben. Die Klimageschichte ist vielmehr ein Flickenteppich aus unterschiedlichen regionalen Klimaveränderungen und -sprüngen. Das betrifft Kalt- wie Warmzeiten.

Die Klimadatensätze, die für die Rekonstruktion der globalen Temperaturen verwendet wurden.

Früher hat man aus Klimarekonstruktionen der Mittelalterlichen Warmzeit, die man in Nordamerika und Europa gewonnen hatte, geschlossen: die ganze Welt war zwischen 700 und 1400 nach Christus überall warm. Nun scheint klar: die wärmsten Jahrzehnte dieser Warmphase traten regional zu ganz unterschiedlichen Zeiten auf. Auch die relativ kalte, sogenannte Kleine Eiszeit, die sich dem Mittelalteroptimum anschloss und die lange als mögliche Ursache des Wikingerauszugs aus „Grünland“ gehandelt wurde, war kein globales Phänomen. An vielen Stellen auf der Welt blieb es vergleichsweise milde, wo die Europäer zu frieren begannen und die Winter Schlittschuh fahrend auf riesigen Seen verbrachten.

Zeitversetzt: Die Mittelalterliche Warmzeit war kein globales Phänomen. Wo und wann die wärmsten 50 Jahre jeweils auftraten, verteilt sich wie ein Flickenteppich über den Globus.

Zum ersten Mal in der zweitausendjährigen Geschichte gibt es nun einen wirklich globalen, fast lückenlosen und deshalb erdumspannenden Klima-Umschwung. Klimawandel im Gleichtakt und im Schweinsgalopp. Worin der Unterschied zu früher liegt? In der Dominanz der unnatürlich steigenden Konzentrationen von Treibhausgasen natürlich, die sich in der Atmosphäre schnell durchmischen und den Planeten lückenlos einhüllen. Und eben auch, wie die Berner Klimaforscher es beschreiben, in der Macht, mit der der Mensch die natürlichen Klimatreiber unterdrückt. Vorindustriell sei das Klima vom Zufall gesteuert worden, schreiben die Forscher, „externe Faktoren wie beispielsweise Vulkanausbrüche oder Sonnenaktivität sind nicht stark genug gewesen, um über Jahrzehnte zeitgleich auf der ganzen Welt für ausgesprochen warme oder kalte Temperaturen zu sorgen“.

Heute hat es der Mensch augenscheinlich fast allein in der Hand, zum wärmeren Extrem wie zum milderen hin abzudriften – es sei denn, das schrille Gerangel in den sozialen Netzen endet nicht doch noch in der klimapolitischen Selbstzerfleischung der Gattung. Dann geht es weiter wie gehabt in den roten Bereich. 

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