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Der Glücksguru von Davos : „Trainieren Sie Ihr Mitgefühl“

  • -Aktualisiert am

Mönch mit neuronalem Tiefgang: Matthieu Ricard Bild: AFP

Wenn die Topmanager auf dem Zauberberg wissen wollen, wie Glück geht, halten sie sich an einen Hirnforscher und Mönch. Ein Gespräch mit Matthieu Ricard über Wohlwollen, Feinde und Hedonisten.

          Sohn einer Künstlerin und eines Philosophen, wollte Matthieu Ricard ursprünglich in die Forschung gehen. Nach dem Studium der Molekularbiologie und der Promotion bei Medizin-Nobelpreisträger Francois Jacob kam jedoch alles ganz anders. Dann begann sein wirkliches Leben, wie er selbst es ausdrückt. Denn danach wandte er sich dem tibetischen Buddhismus zu und lebt seit 1979 als Mönch im Kloster Shechen in Nepal. Mit seinen Einnahmen als Buchautor - darunter zwei Werke mit dem Neurowissenschaftler Wolf Singer als Koautor -, unterstützt Ricard zahllose humanitäre Projekte in Tibet und Indien. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ist der Siebzigjährige mit dem freundlichen Gesicht das philosophische Korrektiv der gestressten Manager. Seine Lebensphilosophie besteht darin, selbst den ärgsten Feinden Wohlwollen und Mitgefühl entgegenzubringen. Für ganz hoffnungslos scheint Ricard seine Mission in Davos nicht zu halten. Sonst würde er dem jährlichen Treffen der Granden aus Wirtschaft und Politik vermutlich längst fern bleiben.

          Frage: Monsieur Ricard, Sie wurden einmal als der glücklichste Mensch der Welt bezeichnet. Ist da was dran?

          Ricard: Das ist völliger Unsinn. Um das Glücksniveau einer Person zu kennen, müssten Sie dieses messen und mit jenem der übrigen sieben Milliarden Erdenbürger vergleichen können. Dass das nicht geht, ist ziemlich offensichtlich. Ein Journalist hat diese unselige Behauptung, die mich vermutlich ins Grab begleiten wird, vor einigen Jahren in Umlauf gebracht. Sie basiert auf Untersuchungen über das Mitgefühl, an denen ich und andere Meditationskundige mitgewirkt hatten. Eine interessante Erkenntnis dabei war: Mitgefühl erzeugt im Gehirn extrem starke Gamma-Frequenzen. Das Ausmaß des Mitgefühls lässt aber keine Rückschlüsse darauf zu, wie glücklich die betreffende Person ist, auch wenn die beiden Empfindungen zusammenhängen.

          Rückzugsgebiete gesucht: Vortragspanel auf dem Weltwirtschaftsforum.

          Lässt sich Glück mit den Methoden der Neurowissenschaften überhaupt messen?

          Nein, denn es gibt kein spezifisches Glücksareal im Gehirn.

          Nicht alle Menschen haben die gleiche Vorstellung von Glück. Für manche ist es das höchste Glück, viel Geld zu verdienen oder auch in einem flotten Wagen mit mehr als 200 Sachen über eine deutsche Autobahn zu rasen. Können solche materiellen Güter oder auch Genussgefühle glücklich machen?

          Was die Genussgefühle betrifft: Das Rasen kann zwar übel ausgehen, doch gibt es gegen Wohlgefühle grundsätzlich nichts einzuwenden. Extrem wohltuend ist es beispielsweise, nach einem Spaziergang bei 16 Minusgraden eine heiße Dusche zu nehmen. Man kann jedoch nicht 24 Stunden lang heiß duschen. Das Gleiche gilt für Musik. So löst selbst die schönste Musik nicht dauerhaft Glücksmomente aus. Hört man sie mehr als zwei- bis dreimal hintereinander, verliert sie ihren Reiz und wird irgendwann sogar zur Qual. In Guantanamo wird das Abspielen der ewig gleichen Musik als Folterinstrument eingesetzt. Hedonistische Glücksgefühle lassen sich zudem nicht vermitteln. Sie können daher auch bestehen, wenn alle anderen Personen leiden. Außerdem führen sie weder zu Erfüllung noch zu innerer Zufriedenheit.

          Sondern?

          Wir Buddhisten, aber auch Psychologen, verstehen unter  Glücklichsein keinen für sich alleinstehenden Gefühlszustand, sondern eine Gruppe von menschlichen Eigenschaften. Dazu zählen innere Freiheit, emotionale Ausgeglichenheit, altruistische Liebe, Mitgefühl. Für mich kann Glück nicht eigennützig sein. Wer sich selbst die ganze Zeit ins Zentrum stellt, fühlt sich mit der Zeit elend und ist obendrein verwundbar. Denn auch ich-zentrierte Personen kommen nicht ohne andere Menschen aus.

          Um zu innerer Zufriedenheit zu gelangen, muss man den entgegengesetzten Weg gehen, und zwar die anderen Menschen ins Zentrum stellen, indem man diesen mit Wohlwollen, Großzügigkeit, Mitgefühl und Altruismus begegnet. Großzügig und freundlich zu sein, erzeugt ein Gefühl von innerer Harmonie. Diese Form von Glücklichsein nutzt sich zudem nicht ab, wie das bei den hedonistischen Freuden der Fall ist, sondern wird mit der Zeit immer stärker und verringert außerdem die Verletzlichkeit.

          Hängt die weltweite Zunahme von psychischen Störungen auch damit zusammen, dass viele von uns dem falschen Glück hinterherjagen?

          Unser Geist kann unser bester Freund, aber auch unser schlimmster Feind sein. Viele Menschen gehen davon aus, dass sie glücklich wären, wenn sie dieses und jenes besäßen. Und dann treffen sie irgendwann auf Personen, die all dies haben - gutes Aussehen, Erfolg im Beruf, Ansehen - und dennoch totunglücklich sind. Dann denken sie: 'Was wollen die eigentlich? Ich wäre an deren Stelle überglücklich.' Das ist allerdings ein Traum. Das heißt: Viele Menschen haben in der Tat die falsche Vorstellung von Glück verfolgen entsprechend die falschen Ziele.

          Lassen sich die positiven Eigenschaften, von denen sie sprechen, überhaupt erlernen? Mitgefühl ist doch etwas, das man entweder empfindet oder eben nicht.

          Ja, jede der von mir erwähnten Eigenschaften kann man üben. Das finden viele Menschen rätselhaft. Um etwa Wohlwollen und Mitgefühl zu trainieren, müssen Sie sich anfangs jemanden vorstellen, der Ihnen sehr am Herzen liegt und dem Sie nur das Allerbeste wünschen. Das kann zum Beispiel ein Kind sein. Später versuchen Sie dann, das Wohlwollen, das der Gedanke an das Kind bei Ihnen weckt, auch unabhängig davon zu erzeugen. Mit der Zeit wird Ihnen dieses Gefühl zunehmend vertraut. Dazu müssen Sie allerdings regelmäßig üben, einmal die Woche reicht hierfür nicht aus.

          Die Fragen stellte Nicola von Lutterotti

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