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Medizin-Nobelpreis : Der größte Schmerz ist nicht von langer Dauer

Ausgezeichnet: Bringen beide Nobelpreise für Literatur den Frankfurter Verlagen internationalen Ruhm? Bild: dpa

Der Medizin-Nobelpreis 2021 geht nicht an die Erfinder der Corona-Impfstoff, sondern an zwei Sinnesforscher. Das tut weh. Einerseits. Andererseits ist noch nicht aller Tage Abend. Denn wer fühlen kann, muss nicht gleich zweifeln.

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          Tausend gute Gründe hätte es gegeben, die Nobelpreiswoche mit einem Paukenschlag, mit einer großen Geste der Humanitas, zu beginnen. Jetzt heißt es halt: Nein, nein und nochmal nein, es war eben kein Einknicken vor den Impfkritikern, dass die fünfzigköpfige Nobelversammlung am Karolinska-Institut nicht die Erfinder der mRNA-Impfstoffe, sondern zwei Sinnesforscher mit dem Nobelpreis  für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet hat.

          Zudem ist die Woche noch jung. Mittwoch ist die Chemie dran, oft auch ein großer Tag für die Biochemie, die den medizinischen Fortschritt sowieso längst überwiegend trägt. Und Freitag gibt es den Friedensnobelpreis, das wäre dann der erhoffte Impuls für die große Versöhnung zwischen den Impflagern. Wieso auch nicht: Wer hat, nüchtern und global betrachtet und die Messlatten der wissenschaftliche Evidenz stringent angelegt, mehr Leben gerettet als die Corona-Impfstoffe? Gut, vielleicht andere Impfstoffe. Eine Ebola-Pandemie wäre theoretisch verheerender gewesen. Fünf Millionen Tote Corona-Opfer bis heute sind andererseits verheerend genug. Dass zudem Abermillionen Geimpften in diesen und den kommenden Monaten einiges an Leid erspart bleibt dank der Covid-19-Impfstoffe, ist allemal zutiefst menschlich. In omnibus caritas, die Nächstenliebe in allem. Womit wir bei den Medizin-Preisträgern 2021 wären. Die beiden Sinnesforscher David Julius und Ardem Patapoutian haben es ebenso wenig wie alle früheren und künftigen Preisträger verdient, der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie folgend vergessen – oder im Lichte allzu dringlicher gesundheitspolitischer Bedürfnisse – hintanstehen zu müssen.

          Schmerz und Empfinden waren die häufigsten Begriffe, der bei der Vorstellung ihrer wissenschaftlichen Verdienste in Stockholm gefallen waren. Das tat manchem weh. Anderthalb Jahre lang habe die Welt nichts mehr beschäftigt als die Gesundheitskrise Corona, so macht ein Reporter nach der Nobelpreisbekanntgabe seinem Ärger öffentlich Luft, und nun habe der Stockholmer Gelehrtenkreis nichts Besseres zu tun, so war zwischen den Zeilen zu lesen, als den wichtigsten Medizinpreis der Welt an zwei unbekannte Sinnesforscher zu vergeben? Kaum etwas ist weniger wahr. Schmerz waren der ständige Begleiter dieser Pandemie. Für Opfer wie für Querulanten. Der Schmerz, wusste Adalbert Stifter, ist ein heiliger Engel. Durch ihn sind die Menschen größer geworden als durch alle Freuden der Welt.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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