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Der Griff nach dem Mond : Das lunare Weltkulturerbe

Die Männer von Apollo 11: Neil Armstrong spiegelt sich im Helmvisier Edwin E. Aldrins Bild: AP

Die Nasa will die sechs Apollo-Landestellen und ihre Hinterlassenschaften schützen, bevor sich dort private Roboter und Weltraumtouristen tummeln. Amerikanische Abgeordnete wollen den Mond zum amerikanischen Nationalpark erheben.

          Wem gehört eigentlich der Mond? Eine Frage, die für Kinder leicht zu beantworten ist: Klar, dem Mann, der da oben wohnt! Natürlich mir!, werden jene einwenden, die aus der Schublade sofort ein Zertifikat – ein beliebtes Präsent übrigens – hervorholen, das sie als Eigentümer eines kleines Grundstücks auf dem Mond aufweist. So manch einer bastelt vielleicht schon insgeheim an einem Roboter, der vor Ort überprüfen soll, ob nicht Unbefugte das Territorium bereits betreten haben und diese gegebenenfalls verjagt.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Auch für viele Chinesen sind die lunaren Besitzverhältnisse seit Urzeiten geregelt. Denn unser Trabant ist der feste Wohnsitz von Chang‘e, der Mondfee und ihrem treuen Begleiter Yutu, dem Jadehasen. Und so lag es nahe, die jüngst auf dem Mond gelandete Sonde chinesischer Bauart wie auch ihren emsig nach Bodenschätzen suchenden Erkundungsroboter nach den beiden mythologische Figuren zu benennen. Chang‘e3, vor allem aber Yutu sind möglicherweise nur die Vorhut. Japan und Indien wollen mit eigenen Sonden folgen. Private Firmen wollen mit Robotern Bodenschätze oder Rohstoffe abbauen, die man in eingeschlagenen Meteoriten zu finden hofft. Andere Unternehmen planen private Flüge zum Mond und wollen für die Weltraumtouristen Unterkünfte bauen. Möglich sind solche Begehrlichkeiten, weil der Mond – so will es der Weltraumvertrag der Vereinten Nationen von 1967 – niemanden, aber doch allen gehört.

          Schau, der Stiefel von Armstrong

          Zum Rummelplatz für private Roboter könnte der Mond bereits im kommenden Jahr werden. Der Internetgigant „Google“ – der offenkundig nicht weiß, was er mit seinem vielen Geld alles sinnvolles anfangen soll – hat einen Preis von insgesamt 20 Millionen Dollar ausgeschrieben, und zwar für diejenigen, denen es bis Ende 2015 gelingt, einen Roboter auf den Mond zu schicken, der mindestens 500 Meter weit fährt und Fotos schießt. Sind darauf Objekte irdischen Ursprungs zu sehen, gibt es nochmal vier Millionen extra. Bislang sind schon 24 Teams gemeldet

          An Motiven besteht für die lunaren Paparazzi kein Mangel: abgestürzte oder defekte Sonden, sechs Apollo-Landemodule, drei Mondautos und einen Haufen Kleinteile – summa summarum befinden sich 200 Tonnen irdischen Materials auf dem Mond. Besonders begehrt dürften die beiden Stiefelpaare des Modells A7L sein, die Neil Armstrong und Buzz Aldrin am 20. Juli 1969 auf ihrem legendären Mondspaziergang trugen und zurücklassen mussten. Auch die erste amerikanische Flagge auf dem Mond – sie soll inzwischen umgefallen sein – ist eine begehrte Trophäe.

          Macht meine Fußabdrücke nicht kaputt

          Bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa sieht man die Relikte der Mondfahrt schon seit längerem bedroht und fordert alle jene auf, die jemals wieder den Mond betreten sollten, doch gefälligst gebührenden Abstand von den sechs Apollo-Landestellen zu halten. Roboter sollten die Orte weiträumig umfahren, da sie Gegenstände beschädigen, über Fußabdrücke rollen oder Staub aufwirbeln, die funktionstüchtigen Apparate und Laserreflektoren verschmutzen könnten. Schließlich müsse man auch auf dem Mond das Eigentum anderer respektieren.

          Zwei republikanische Abgeordnete sind sogar noch einen Schritt weitergegangen: Sie fordern die Stellen, an denen die Apollo-Astronauten zwischen 1969 und 1972 gelandet sind, zu einem amerikanischen Nationalpark und später zum Weltkulturerbe zu erklären. Ihren Gesetzesentwurf, den „Apollo Lunar Landing Legacy Act“, haben sie im vergangenen Jahr dem Kongress vorgelegt, wo er wahrscheinlich immer in seinem Urzustand liegt. Denn so einfach geht das nicht,  und ein amerikanischer Nationalpark würde dem Weltraumrecht von 1967 widersprechen, wonach niemand Besitzansprüche auf den Mond geltend machen darf. Allerdings hat jede  irdische Hinterlassenschaft auf dem Mond, ihren rechtmäßigen Eigentümer. Und so ist die Debatte in vollem Gang.

          Wenn erst die Touristen kommen

          Kürzlich hat der Weltraumrechtler Henry R. Hertzfeld von der George Washington University in Washington in der Zeitschrift „Science“ (Bd. 342, S. 1049) angeregt, die historischen Orte auf dem Mond unter einen lunaren Denkmalschutz zu stellen. Ein solches Abkommen müsse auf höchster internationale Ebene geschlossen werden – zwischen den Weltraumnationen, die auf irgendeiner Weise bereits einen Fuß auf den Erdtrabanten gesetzt haben oder es noch beabsichtigen wie die Chinesen.

          Aber bekanntlich hört die Freundschaft dort auf, wo es Geld zu verdienen gibt. Und so ist zu befürchten, dass, wenn erst einmal Bodenschätze gewinnbringend geschürft werden und der Weltraumtourismus boomt,  neue Tatsachen geschaffen werden. In der Menschheitsgeschichte musste bisher fast alles, was einen Wert hatte, durch Besitzrechte reguliert werden. Man kennt die vielen irdischen Orte, die zwar allen gehören, aber für die keiner Verantwortung übernehmen will. Der Jadehase schläft derzeit tief und fest. Wenn sich die vierzehntägige Mondnacht dem Ende neigt, wird er wieder erwachen und seine Suche nach den Mondschätzen unbeirrt fortsetzen.

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