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Golfstrom : Der Golfstrom - kostenlose Fernwärme für den europäischen Westen

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Der Golfstrom, so heißt es oft, sei eine "Warmwasserheizung" für Europa und sorge für das ausgeglichene Klima im Norden dieses Kontinents. Tatsächlich sind vor allem im Winter die mittleren Luft- und Wassertemperaturen in Südnorwegen und vor der skandinavischen Küste wesentlich höher als in den gleichen Breiten Labradors oder Südgrönlands.

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          Der Golfstrom, so heißt es oft, sei eine "Warmwasserheizung" für Europa und sorge für das ausgeglichene Klima im Norden dieses Kontinents. Tatsächlich sind vor allem im Winter die mittleren Luft- und Wassertemperaturen in Südnorwegen und vor der skandinavischen Küste wesentlich höher als in den gleichen Breiten Labradors oder Südgrönlands. Die Küsten des nördlichen Westeuropa sind auch im Winter weitgehend eisfrei, während entsprechend gelegene Gebiete in Kanada zugefroren sind.

          Der spanische Seefahrer Ponce de León hat den Golfstrom im Jahre 1513 entdeckt. Ursprünglich vermutete er, das warme Wasser stamme aus dem Golf von Mexiko - daher auch der Name der Meeresströmung. In Wirklichkeit entsteht der Golfstrom aus der Vereinigung von Floridastrom und Antillenstrom nördlich der Bahamainseln. Er verläuft zunächst als bis zu 50 Kilometer breites Band warmen Wassers entlang der Ostküste Nordamerikas. Etwa auf Höhe von Kap Hatteras in Nord-Karolina löst sich der Strom von der Küste und fließt dann durch das Nordamerikanische Becken in den offenen Atlantik.

          Etwa 1500 Kilometer von der Küste entfernt, auf einer Höhe südlich der Neufundlandbank, trifft der Golfstrom auf den kalten Labradorstrom und wird dadurch nach Osten in Richtung Europa abgelenkt. Dabei verliert er seinen Charakter als gebündelter Strom und beginnt sich zu verzweigen. Einer der Äste, der Nordatlantische Strom, reicht bis vor die norwegische Küste und läßt sich sogar bis nach Spitzbergen verfolgen. Ohne ihn wäre der Hafen von Murmansk nicht das ganze Jahr über eisfrei, und die russische Flotte hätte keinen dauernden Zugang zum Nordmeer und zum Atlantik.

          Im Golfstrom werden große Wassermengen transportiert. Zwischen Miami und den Bahamas fließen pro Sekunde rund 50 Millionen Kubikmeter etwa 25 Grad warmen Wassers nach Norden. Kurz vor seiner Verzweigung südlich von Neufundland ist der Golfstrom auf die dreifache Wassermenge angeschwollen und reicht bis in eine Tiefe von 1500 Metern. Dabei fließt er mit einer Geschwindigkeit von knapp fünf Kilometern pro Stunde.

          Über den Motor der Strömung gab es lange Zeit nur Spekulationen. Heute weiß man, daß eine Kombination verschiedener Kräfte den Golfstrom antreibt und seit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 11 000 Jahren weitgehend konstant gehalten hat. Eine der Ursachen ist der stetige Nordostpassat im subtropischen Atlantik. Er bringt nicht nur in jedem Sommer und Herbst die Hurrikane in die Karibik und an Nordamerikas Küste, sondern treibt auch große Mengen warmen Wassers aus dem offenen Atlantik nach Westen. Nordamerika wirkt für dieses Wasser wie eine Staumauer und läßt es unter anderem entlang der Küste nach Norden abfließen. Neben dem Zusammentreffen mit dem Labradorstrom sorgt auch die durch die Erddrehung verursachte Corioliskraft dafür, daß die nach Norden fließenden Wassermassen in Richtung Europa abgelenkt werden.

          Mindestens ebenso wichtig ist aber die zweite Antriebskraft. Sie beruht auf Dichteunterschieden im Meerwasser. Warmes Wasser hat ein geringeres spezifisches Gewicht als kaltes Wasser. Es steigt deshalb auf, während das kalte sinkt. Auch vom Salzgehalt hängt die Dichte des Wassers ab. Wasser, in dem viel Salz gelöst ist, hat ein höheres spezifisches Gewicht als Brack- oder Süßwasser. Kaltes Wasser mit hohem Salzgehalt tendiert demnach dazu, in tiefe Ozeanschichten zu sinken. Wenn das geschieht, muß an der Oberfläche wärmeres, oft weniger salzhaltiges Wasser nachströmen, um den Massenausgleich herzustellen. Weil sowohl die Temperatur als auch der Salzgehalt bei diesen Vorgängen eine Rolle spielen, sprechen Ozeanographen von der sogenannten thermohalinen Zirkulation, die im Weltmeer wie eine gigantische Pumpe wirkt.

          Auch der Golfstrom wird durch eine derartige Wasserpumpe in Gang gehalten. Aus dem Arktischen Ozean strömt kaltes, salzhaltiges Wasser durch die Grönlandstraße und die Baffin-Bai in die tiefen Becken am Meeresboden des Nordatlantiks. Der dadurch entstehende Wasserverlust an der Oberfläche wird durch nach Norden strömendes warmes Wasser - eben den Golfstrom - zumindest teilweise ausgeglichen. Kühlt sich das Golfstromwasser im hohen Norden schließlich ab, beginnt es ebenfalls, wegen seines hohen Salzgehaltes zu sinken.

          Die thermohalinen Wasserpumpen im Weltmeer haben im Laufe der Erdgeschichte keineswegs immer mit konstanter Kraft gearbeitet, gelegentlich versiegten sie sogar völlig. Wird beispielsweise beim Schmelzen großer Eismassen auf den Kontinenten der Salzgehalt des Meeres verdünnt, nimmt die Dichte des Meerwassers ab, und es sinkt weniger leicht. Auf dieser Überlegung beruht auch die Theorie, daß der Golfstrom gegen Ende der letzten Eiszeit versiegt ist. Als nämlich der gewaltige laurentidische Eispanzer in Nordamerika zu schmelzen begann, gelangten große Mengen Süßwasser in den Nordatlantik. Dadurch verringerte sich der Salzgehalt an der Meeresoberfläche, das weniger dichte Wasser konnte nicht mehr so leicht in die Tiefe absinken und damit auch keinen Platz mehr für warmes Golfstromwasser machen. Als Folge kühlte sich Nordeuropa erheblich ab, und es kam zum Klimaeinbruch in der Jüngeren Dryas. Erst nachdem sich der Salzgehalt ausgeglichen hatte, sprang die thermohaline Pumpe wieder an und ließ den Golfstrom in Richtung Europa strömen.

          Ob der Golfstrom wieder versiegen kann, wenn beispielsweise das schmelzende Inlandeis Grönlands den Nordatlantik "versüßt", ist gegenwärtig bei den Forschern umstritten. In Nordwesteuropa hätte dieses durch die globale Erwärmung ausgelöste Schmelzen eine starke Abkühlung, möglicherweise sogar eine neue Mini-Eiszeit zur Folge.

          HORST RADEMACHER

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