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Demenz-Risiko verringern : 112 Schritte pro Minute gegen das Vergessen

112 Schritte pro Minute: Zwischendurch Gas geben beim Laufen hilft offenbar noch mehr. Bild: dpa

Kann Bewegung wirklich Alzheimer vorbeugen? Vieles spricht dafür, und eine neue Studie legt nahe, dass nicht die Schritte allein, sondern mehr Tempo zählen: Ist die 112 die neue magische Zahl?

          3 Min.

          Dass Sitzen unter gesundheitsbewussten Menschen zum neuen Rauchen geworden ist und Laufen als Pendant zu Obst und Gemüse zählt, ist eine modische Entwicklung, die nicht jedermann nachvollziehen kann. Früher wurden Menschen schließlich auch alt und nicht jeder, der sich ganze Wochenenden lang aufs Sofa kuschelte, wurde hinterher ins Grab getragen. Doch anekdotische Berichte von neunzigjährigen Verwandten lassen leider keinen Aufschluss auf einen gesunden Lebenswandel zu.

          Pia Heinemann
          Redakteurin Natur und Wissenschaft

          Wissenschaftler bemühen sich deshalb, mit Fakten zu untermauern, was plausibel erscheint. So etwa, dass Bewegung der Gesundheit dient. Und so haben Mediziner bereits herausgefunden, dass 6000 bis 8000 Schritte am Tag mit einer verlängerten Lebenserwartung einhergeht. Wer mehr läuft, reduziert das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, für Diabetes und für Krebs.

          Nun wollten Wissenschaftler auch herausfinden, ob regelmäßiges Gehen auch die Wahrscheinlichkeit reduzieren kann, an Demenz zu erkranken. In den Demenz-Richtlinien ist dies bereits anerkannt. Andere Maßnahmen, das Risiko für eine Demenz zu senken, hat eine Kommission zusammengefasst, die vom Fachmagazin „The Lancet“ zusammengestellt wurde: Man sollte es vermeiden, Alkohol zu trinken und zu rauchen, sich möglichst keine Kopfverletzungen zuführen sowie starker Luftverschmutzung aus dem Weg gehen. Wer bestehendes Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes behandelt, senkt sein Demenzrisiko ebenso wie alle, die schlecht hören und sich deshalb ein Hörgerät zulegen. Auch eine höhere Bildung und soziale Aktivität haben sich als Demenzschutzfaktoren entpuppt: Wenn dass Gehirn lebenslang mit unvorhergesehenen Situationen umgehen und daraus lernen muss, bleibt das Gehirn bleibt praktisch jung.

          Wer zu viel sitzt, der fordert sein Gehirn nicht

          Als wichtiger Risikofaktor für die Demenz gilt Neurologen aber eben auch die moderne Bewegungslosigkeit. Wer zu viel sitzt, wer inaktiv ist, der fordert sein Gehirn nicht und der altersbedingte Verlust von kognitiven Fähigkeiten kann ungebremst voranschreiten.

          In einer großen Studie haben Wissenschaftler unter der Federführung von Sharon L. Naismith von der University of Sydney nun untersucht, wie die Bewegung denn am besten aussehen sollte. Sind es die sprichwörtlichen 10.000 Schritte am Tag, mit denen man der Demenz praktisch davonlaufen kann? Sinkt das Risiko umso stärker, je mehr Schritte man läuft? Oder ist diese Regel zu pauschal?

          Das australische Forscherteam beschreibt in der amerikanischen Ärztezeitschrift „JAMA“, dass sie Daten aus einer britischen Biobank-Kohortenstudie genutzt haben. Im Zeitraum von Februar 2013 bis Dezember 2015 hatten sie die Laufaktivität der Studienteilnehmer, die über einen am Handgelenk getragenen Schrittmesser aufgezeichnet worden war, analysiert. Sie hatten die Bewegungsprofile der Probanden dann knapp sieben Jahre lang weiter verfolgt – um so feststellen zu können, ob sich bei ihnen eine Demenz manifestierte. Insgesamt wurden die Daten von 78.430 Erwachsenen im Alter zwischen 40 und 79 Jahren berücksichtigt.

          Sie unterschieden bei den Schritten, ob sie mit weniger als 40 Schritten pro Minute und somit eher langsam gegangen waren, ob sie mit mehr als 40 Schritten pro Minuten und somit offensichtlich einem festen Ziel unterwegs waren. Sie bestimmten auch die durchschnittliche Schrittgeschwindigkeit der schnellsten Laufphase eines jeden Tages.

          Das Ergebnis: Je mehr Schritte die Studienteilnehmer pro Tag gemacht hatten, umso geringer war ihr Demenzrisiko. Der Zusammenhang war allerdings nicht linear – das Erkrankungsrisiko reduziert sich also nicht mit jedem Schritt gleich viel. Wer etwa 9800 Schritte pro Tag gelaufen war, der verringerte das Risiko, eine Demenz zu entwickeln um 50 Prozent, wer 3800 Schritte lief, um immerhin 25 Prozent. Den größten Erfolg – eine Reduktion um 57 Prozent – machten die Wissenschaftler bei den Teilnehmern aus, die 6300 Schritte liefen – und die zwischendurch auch sehr schnell unterwegs waren, nämlich mit 112 Schritten pro Minute.

          Die Studie ist deshalb bemerkenswert, weil sich praktische Empfehlungen daraus ableiten lassen: Es ist eben nicht unbedingt notwendig, 10.000 Schritte beziehungsweise um die sieben Kilometer am Tag zu laufen, um das Demenzrisiko deutlich zu reduzieren – auch weniger als ein Drittel hiervon hat einen deutlichen Effekt. Für ältere Menschen, denen das Laufen schwerer fällt, ist das eine wichtige Nachricht.

          Und auch der zweite Befund der Studie – dass Menschen, die das hohe Tempo von 112 Schritten pro Minute über einen Zeitraum von 30 Minuten liefen, die höchste Reduktion des Demenzrisikos hatten – sollte zum Nachdenken anregen. Zwar betonen Elizabeth M. Planalp und Ozioma C. Okonkwo in einem begleitenden Editorial im „Jama“, dass aus der Untersuchung nicht hervorgehe, ob die schnellen Läufer aufgrund des schnellen Laufens ein verringertes Erkrankungsrisiko hatten und ob notwendigerweise 30 Minuten lang ein hohes Tempo durchgehalten werden musste. Oder ob alleine die Fähigkeit, eine halbe Stunde lang Gas zu geben, bereits zeigt, dass das Risiko verringert ist, und vielleicht sogar 10-minütiges Power-Walken bei einem Tempo von 112 Schritten pro Minute schützt. Generell aber bestätigt die JAMA-Studie: Bewegung schützt – und sie zeigt, dass man nicht 10.000 Schritte am Tag laufen muss, um dem geistigen Abbau etwas entgegen zu setzen.

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